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Nachgefragt
24. Mai 2016

Geld verdienen und nebenbei die Welt retten

Die Berufsorientierungsinitiative „Energiewende schaffen“ informiert Jugendliche online über Möglichkeiten mit Ausbildung oder Studium zur Energiewende beizutragen. energiezukunft hat mit Projektleiter Krischan Ostenrath über die Beschäftigungssituation und Wege zu Berufen der Energiewende gesprochen.

BU

24.05.2016 – Neben Informationen zu einzelnen Berufsfeldern der Energiewende finden sich auf der Website www.energiewende-schaffen.de Hinweise zu aktuellen Studien und Veranstaltungen. In Videos erzählen Azubis und Young Professionals von ihrem Arbeitsalltag. Die Artikelreihe „Unternehmensbeispiele“ stellt exemplarisch Organisationen der Energiewende als Arbeitgeber vor.

Herr Ostenrath, es wird ja derzeit sehr viel über die öffentliche Förderung der Erneuerbaren Energien diskutiert. Wirkt sich die unklare Lage auch auf den Arbeitsmarkt aus?

Das tut es ganz eindeutig, und sei es nur durch Verunsicherungseffekte. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt haben die Änderungen im EEG das langjährige Beschäftigungswunder heftig torpediert. Nach jüngsten Erhebungen sind die Umsätze und Beschäftigungszahlen zuletzt deutlich zurückgegangen. Für das Jahr 2014 wird die Zahl der Beschäftigten etwa auf 355.000 geschätzt. Das ist immer noch eine ganze Menge, aber in den Bereichen Solar- und Bioenergie waren wir in Deutschland schon mal weiter.

Kann man denn vor diesem Hintergrund überhaupt noch von einem Fachkräftemangel sprechen?

Man muss mit Prognosen zum Fachkräftemangel sehr vorsichtig sein. Die Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit deuten einen wirklichen Mangel nur in sehr wenigen und vor allem in technischen Berufsgruppen an. Abgesehen davon waren Beschäftigungsprognosen noch nie ein guter Ratgeber für die Ausbildungswahl. Ob jemand einen erfüllenden und zukunftsfähigen Job in der Energiewende findet, hängt wirklich nicht von der Frage nach einem eventuellen Fachkräftemangel ab.

Viele Jugendliche studieren heute lieber als eine Ausbildung zu machen. Suchen Unternehmen der Energiewende deshalb nach Fachkräften und finden keine?

Das schon eher. Zwar beschäftigen die Unternehmen der Erneuerbaren Energien überproportional viele Akademiker, aber der Hauptteil der Beschäftigung liegt in den Bereichen Handwerk und Industrie. Und dass gerade kleine Handwerksbetriebe händeringend Azubis suchen, ist hinreichend bekannt. Ich würde mir sehr wünschen, dass viel mehr Jugendliche den Wert von grundständigen Ausbildungsberufen zu schätzen lernten. Gerade auch für Zukunftsprojekte wie die Energiewende.

Mit der Berufsorientierungsinitiative „Energiewende schaffen“ informieren Sie Jugendliche über Ausbildungen und Studiengänge, mit denen sie zur Energiewende beitragen können. Wie kann man denn die „Generation Smartphone“ überhaupt in ihrer Ausbildungs- und Berufswahl motivieren?

Nach meiner Überzeugung ist das vor allem eine Frage der Glaubwürdigkeit und Seriosität. Ob man mit Broschüren, Computern oder Smartphones kommuniziert, ist letztlich eine instrumentelle Frage. Fast noch wichtiger aber ist, dass man belastbare Informationen gerade zu unbekannten Berufen der Energiewende vorhalten kann. Die Motivation der Jugendlichen für Umwelt- und Klimaschutz ist ja grundsätzlich da – viel stärker übrigens als in der Erwachsenengeneration. Was fehlt, sind vernünftige Materialien, die die Verbindung zwischen dieser Motivation und der Berufswahl ziehen.

Sind denn einzelne Ausbildungen oder Studiengänge für den beruflichen Einsatz in der Energiewende eher zu empfehlen als andere?

Ja, in gewissem Rahmen. Gerade die Erneuerbaren Energien sind ja eine sehr techniklastige Branche. Daher sind die entsprechenden Ausbildungen und Studiengänge ein guter Zugang. Ob das nun der klassische Anlagenmechaniker SHK, die Elektrikerin oder der Verfahrenstechniker sein soll, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber auch darüber hinaus brauchen die Unternehmen kaufmännische Fachkräfte oder IT-Spezialisten. Es führt durchaus nicht nur ein Weg nach Rom.

Klingt nach einer klassischen Männerdomäne …

Das ist einerseits richtig und andererseits falsch. Richtig ist, dass in den technischen Berufsfeldern auch in den Erneuerbaren Energien deutlich mehr Männer als Frauen beschäftigt sind. Richtig ist aber auch, dass die Zahl der Studentinnen gerade in „grünen“ Studiengängen höher ist als in anderen. Und ganz klar ist, dass die Unternehmen sehr gerne mehr weibliche Fachkräfte einstellen würden – auch jenseits der klassischen Jobs in Verwaltung und Kommunikation. Aber dafür müsste es erst einmal sehr viel mehr weiblichen Nachwuchs für die Energiewende geben. Deshalb kümmert sich unser Schwesterprojekt SERENA um die besondere Ansprache von Mädchen.

Die Attraktivität von Arbeitgebern trägt ja auch zur Berufswahl bei. Sind denn die Unternehmen der Erneuerbaren Energien die besseren Arbeitgeber?

Was ein guter Arbeitgeber ist, lässt sich nicht so einfach am Reißbrett beantworten. Der eine legt großen Wert auf Familienfreundlichkeit, den anderen geht es vornehmlich um die monatliche Gehaltsabrechnung. Klar ist jedoch, dass die Unternehmen der Erneuerbaren Energien sich nicht hinter anderen Branchen verstecken müssen. Die Gehälter sind konkurrenzfähig und teils überdurchschnittlich, die Rahmenbedingungen versprechen eine relativ stabile Beschäftigungsentwicklung, und die meisten Unternehmen haben begriffen, dass man den Angestellten in Sachen Familienfreundlichkeit oder auch Weiterbildung etwas bieten muss. Leider gibt es unter den grünen Unternehmern auch ausgewiesene Überzeugungstäter. In einer ganzen Reihe von Unternehmen wird nachhaltige Beschäftigung und Beschäftigung für Nachhaltigkeit allerdings als Einheit gelebt.

Was würden Sie denn demjenigen empfehlen, der sich beruflich mit der Energiewende beschäftigen will?

Zunächst würde ich dringend raten, die eigenen Fähigkeiten mit einem konkreten Ausbildungs- oder Studienberuf abzugleichen. Denn ohne eine handfeste Ausbildung oder ein anwendungsorientiertes Studium, das zu den eigenen Interessen passt, wird sich kaum ein Weg in einen grünen Beruf finden. Die Unternehmen suchen ja keine Visionäre oder Propheten, sondern Fachkräfte, die mit einer soliden Ausbildung etwas für die Energiewende bewegen wollen. Man sollte das Anforderungsniveau nicht unterschätzen – umgekehrt aber kann man dann stolz auf seinen Job sein. Wer kann schon von sich sagen, dass er beruflich die Welt rettet und damit auch noch gutes Geld verdient?

Herr Ostenrath,, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Berufsorientierungsprojekt „Energiewende schaffen“ des Wissenschaftsladen Bonn e.V. wird von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Robert Bosch Stiftung gefördert.


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