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Nachgefragt
09. Januar 2019

„In einer Smart City ist das Engagement der Bürger entscheidend“

Smart Cities sollen verglichen mit herkömmlichen Städten effizient, nachhaltig und fortschrittlich sein. Wir haben mit Huawei-Experte Richard Budel darüber gesprochen, inwiefern eine Smart City aktuelle Herausforderungen der Energiewende lösen und damit Vorteile für Umwelt- und Klimaschutz bringen kann.

Richard Budel, Chief Technology Officer bei Huawei

Richard Budel, Chief Technology Officer bei Huawei
Richard Budel
Foto: Richard Budel

09.01.2019 – Der Begriff Smart City beschreibt ein gesamtheitliches Entwicklungskonzept, durch das Städte nicht nur nachhaltiger und effizienter, sondern auch technologisch fortschrittlicher werden sollen. Dabei werden unterschiedliche Technologien aus den Bereichen Energie, Mobilität, Kommunikation, Verwaltung und Stadtplanung miteinander verknüpft, um die Nachhaltigkeit einer Stadt zu steigern und die Lebensqualität für die Bewohner zu erhöhen. Schon jetzt wird das Konzept der Smart City als eine treibende Kraft für das Gelingen der Energiewende gehandelt. Aufgrund der großen Datenmengen, die in einer solch digitalisierten Stadt gesammelt werden, ist das Konzept aber auch umstritten. In Hinblick auf Datenschutz und Cyber Security birgt die Digitalisierung von Metropolen Gefahren.

Richard Budel ist „Chief Technology Officer” bei Huawei, einem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie weltweit tätigen Unternehmen. Er leitet dort die Entwicklung und Lieferung von Produkten für intelligente, sichere und gesunde Städte. Zudem unterstützt er Regierungen bei ihrem Wandel zu einer Smart City – unter anderem in Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich oder den Niederlanden.

Herr Budel, weshalb kann die Transformation von herkömmlichen zu „smarten“ Städten ein Lösungsansatz für Themen wie Klimakrise, Umweltverschmutzung oder Energiewende sein?

Diese Frage ist insbesondere für Deutschland interessant, schließlich schneidet man hierzulande in puncto Umweltschutz nicht besonders gut ab. Wird der Smart-Meter-Markt als Indikator verwendet, kann eine Smart City in erster Linie Transparenz und Bewusstsein für die verbrauchte Energie oder den produzierten Abfall schaffen. Bei den Smart-City-Projekten, an denen wir zurzeit arbeiten, zeigen Ihnen intelligente Zähler wie viel Energie Sie gerade verbrauchen und wie sehr einfache Änderungen diesen Verbrauch reduzieren können. Ich denke, dass wir dadurch bereits das Verhalten der Menschen auf ganz natürliche Weise verändern können. Der zweite Teil kommt dann, wenn die Datenerfassung erst einmal ins Rollen gekommen ist. Dann bewegen wir uns von dem Ist-Ansatz zum Soll-Ansatz. Dadurch können wir beginnen, den Energieverbrauch in das System zu integrieren und optimieren. Soviel wie möglich soll jedoch schon vorher auf einer natürlichen und freiwilligen Basis erreicht werden. Erst dann können zusätzliche Maßnahmen festgelegt werden, die den Verbrauch von Strom oder Wärme optimieren.

Wie sehen solche Maßnahmen aus?

Hier gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, wir stehen erst ganz am Anfang. Drohnen können etwa Infrarot- oder Wärmebilder von Gebäuden aufnehmen, wodurch man beispielsweise massive Wärmeverluste oder Wasserlecks entdecken kann. Oder sie können erfassen, wie viele Autos sich in der Hauptverkehrszeit durch die Stadt bewegen, wie dies die Lufttemperatur beeinflusst oder in welchen Stadtteilen die CO2- oder Stickoxid-Emissionen problematisch sind. Normalerweise messen wir direkt an der Quelle. Nun können wir aber die tatsächlichen Auswirkungen von notwendigen Maßnahmen sehen. Natürlich kann der Stromverbrauch aber auch durch simplere Verfahren optimiert werden. Die intelligente Steuerung und Verknüpfung von Haushaltsgeräten ist hierbei nur eines von vielen Beispielen.

Welche Rolle spielen Smart Grids – also intelligente Stromnetze – in einer Smart City?

Ein perfektes Beispiel ist hierfür ein Stadtgebiet in Amsterdam – die „Amsterdam Innovation Arena“ – an der Huawei seit einigen Jahren beteiligt ist. Durch die Initialisierung eines Smart Grids können hier die Spitzen und Tiefs der Stromnachfrage immer mehr geglättet werden, wodurch eine größere Beständigkeit für die Stromnetzbetreiber entsteht. Heutzutage haben Menschen in einigen Städten Afrikas für 30 Prozent des Tages noch immer überhaupt gar keinen Strom. Mit intelligenten Stromnetzen wird sich das jedoch zukünftig ändern, weil Angebot und Nachfrage besser aneinander angepasst und die Effizienz gesteigert werden kann. Außerdem wird dadurch zukünftig auch ein Crowdsourcing des Stroms möglich sein, der auf den Dächern der Haushalte erzeugt wird.

Für eine „smarte“ Energiewirtschaft braucht es weit mehr als nur intelligente Stromzähler und -netze. Welche Rolle spielt dabei die Bevölkerung?

Die Menschen spielen bei der Transformation hin zu einer Smart City eine entscheidende Rolle. Eine Stadt kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie von den Bürgern und für die Bürger entworfen wird. Das Crowdsourcing von Daten, Meinungen und Energie bewegt die Menschen dazu, sich mit ihrem Umfeld besser identifizieren zu können – sie sind einfach viel stärker involviert, was auch mehr Bewusstsein schafft. Deshalb bin ich der Meinung: Das Engagement der Bürger ist entscheidend! Im Moment sind die Strommetze und Energiewirtschaft jedoch noch viel zu stark von privaten Unternehmen kontrolliert. Ich denke, dass die Regierung dabei eine viel stärkere Rolle spielen sollte. Man kann nicht erwarten, dass einzelne Energieerzeuger oder Wasserversorger das gesamte Stadtbild im Blick haben. Das sollte die Rolle der Regierung sein. Sie sollte wieder zu einer Führungsrolle zurückkehren. Auch wenn eine Regierung natürlich nicht unbedingt die Verantwortung für die Erzeugung oder den Vertrieb übernehmen muss, sollte sie definitiv wieder mehr anführen.

Noch immer ist der Verkehr einer der Hauptverursacher von CO2-Emissionen. Wie sieht die Mobilität in einer Smart City aus?

Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen ein Autonarr. Sowohl das komplette Verschwinden des Verbrennungsmotors als auch das Fortschreiten autonomer Fahrzeuge sind keine Entwicklungen, die ich sehr begrüße. Ich fahre einfach sehr gerne selbst Auto. Meiner Meinung nach wird sich der Verkehr in einer Smart City schlussendlich in konzentrische Ringe einteilen. Für die kürzesten Fahrten werden wir elektrische Roller, Fahrräder oder Skateboards verwenden. Darüber hinaus kommen Crowdsharing und möglicherweise autonome Fahrzeuge zum Einsatz. Wenn Sie dann von Ihrer Nachbarschaft in die nächstgelegene Stadt fahren, längere Strecken zurücklegen oder sich sogar ins Ausland begeben wollen, wird es zwischen den unterschiedlichen konzentrischen Kreisen Überlagerungen durch das öffentliche Transportsystem geben. Hierbei werden auch viele Möglichkeiten für autonome Fahrzeuge entstehen. Trotzdem gehe ich davon aus, dass weiterhin ein Bedarf für eigenständiges Fahren bestehen wird.

Huawei ist selbst ein Innovationstreiber für das autonome Fahren. Warum gefällt Ihnen die Idee autonomer Fahrzeuge nicht?

Ich bin nicht generell gegen autonome Fahrzeuge. Trotzdem birgt das autonome Fahren viele bisher noch unbeachtete Risiken. Als Fahrer beschäftigt man sich dadurch nicht mehr so sehr damit, was vor sich geht und um einen herum passiert. Schließlich ist es doch so: Das Leben ist eine Reise, bei der die Erfahrungen das eigene Wissen bestimmen. Wenn wir selbst nicht mehr so viele Erfahrungen machen und Algorithmen darüber bestimmen lassen, wird unser Wissen grundlegend verfälscht. Welche Transportmöglichkeiten für welchen Zweck geeignet sind, werden wir noch herausfinden. Viele Leute sagen, dass Carsharing, elektrische Antriebe oder autonome Fahrzeuge das einzig Wahre sein werden. Ich denke, das ist zu idealistisch. Die Geschichte hat uns schon öfter gezeigt, dass es nie nur Lösung A oder B ist – sondern immer A plus B.

Aber öffentliche Verkehrsmittel werden zukünftig eine immer größere Rolle spielen?

Absolut, die öffentlichen Verkehrsmittel werden immer wichtiger. Wenn ich meine ideale Stadt entwerfen dürfte, dann wäre der gesamte innere Stadtkern autofrei. Die Menschen sollten dafür die Möglichkeit haben, ihre Autos rund um die Stadt zu parken und sich vor Ort etwa mit Fahrrädern zu bewegen. Durch einen leistungsfähigen und öffentlich verfügbaren Lieferservice könnten dann trotzdem sperrige Einkäufe zu einem nach Hause gelangen. So bräuchte man nur seine Kisten beim Einkaufen in einen Frachtlieferservice legen, könnte in aller Ruhe nach Hause fahren und würde zusammen mit den Paketen dort eintreffen. Solch ein Service könnte dann auch völlig autonom sein, während die Reiseerfahrung der Menschen weiterhin nicht autonom sein müsste. Ich denke, dass wir zwischen autonomen und halbautonomen Fahren schon das richtige Gleichgewicht finden werden.

Welche Rolle werden Elektroautos spielen?

Ich gehe davon aus, dass elektrische Antriebe in 50 Jahren keine große Rolle mehr spielen werden. Der Fokus wird dann eher auf Brennstoffzellen-Autos liegen. Elektroautos sind lediglich ein Zwischenschritt und können zu einer weitaus stärkeren Umweltverschmutzung beitragen, als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, wenn der gesamte Lebenszyklus und die gesamte Produktion betrachtet werden. Nichtsdestotrotz ist es ein großartiger und wichtiger Zwischenschritt, den wir auch auf jeden Fall gehen müssen. Unser aktuelles Problem ist nicht die Stromerzeugung, unser aktuelles Problem ist die Umweltverschmutzung. Und daher ist es keine Frage, dass Elektrofahrzeuge viel besser als herkömmliche Verbrenner sind.  

Welchen Einfluss hat das „Internet der Dinge“ (IoT) auf eine Smart City?

Der Begriff „Internet of Things“ (IoT, „Internet der Dinge“) beschreibt die zunehmende Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung von Geräten und Maschinen auf Verbraucherseite. Gegenstände des alltäglichen Lebens können dabei sowohl untereinander als auch mit dem Internet verknüpft werden. Für zukünftig anstehende Herausforderungen der Energiewende können IoT-Lösungen eine große Rolle spielen.

IoT-Lösungen können einen ähnlichen Einfluss auf intelligente Städte haben, den auch Augen und Ohren, Finger und Zehen, die Nase und Lippen auf uns Menschen haben: Sie generieren Daten. Gelangen diese Daten jedoch nicht in unser Gehirn, können wir damit nichts anfangen. Wir brauchen diese Konnektivität und das liefert uns IoT – sowohl für die Daten als auch für die Verwaltung der Geräte. Wenn wir über IoT sprechen, vergessen wir oft, dass es sich dabei nicht um eine Einbahnstraße handelt. Auf der Geräteebene gehen nicht nur Informationen in das Gehirn, sondern aus dem Gehirn auch Aktionen an die Geräte. Ohne IoT haben wir nichts, worauf wir aufbauen können – es ist dadurch der kritischste Teil einer Smart City.

In einer Smart City werden große Mengen hochsensibler Daten gesammelt, ausgelesen und gespeichert. Viele Menschen machen sich Sorgen, dass ihre Daten nicht sicher sind. Sind diese Ängste begründet?

Im Jahr 2009 habe ich angefangen in Deutschland mit der Bundeswehr und dem BKA zusammenzuarbeiten. Die Informations- und Datenschutzeinstellung der Deutschen ist tatsächlich sehr speziell und etwas, mit dem ich sehr vertraut bin. Im Bereich Smart City sind wir bereits an einen Punkt gekommen, an dem die Regierungen die Verantwortung für Daten einzelnen Diensteanbietern überlassen haben. Die Städte wollen cool und sexy sein, deswegen werden zum Beispiel Fahrrad-Sharing-Programme oder autonome Essens-Lieferdienste eingeladen. Aber die Städte wollen nicht dafür. Also werden die unterschiedlichsten Dienste lieber kostenlos eingeladen und erhalten eine entsprechende Lizenz. In einer kleinen Klausel im Vertrag steht dann oftmals unbemerkt, dass die Anbieter jedoch die Daten besitzen, die sie dann für viel Geld verkaufen können. Dabei haben sie nicht immer das Recht auf die Daten. An dieser Schwelle befinden wir uns aktuell.

Also sind die Datenschutzbedenken der Menschen gerechtfertigt?

Wir von Huawei sind der Meinung, dass die Kommerzialisierung von Daten ausschließlich den Regierungen oder Bürgern zustehen sollte. Für uns ist es eine der Hauptanforderungen, dass der Datensee in einer Big Data Platform tatsächlich der Regierung zusteht. Die Regierung kann alles Mögliche auslagern, nicht jedoch die Daten – die muss sie auf jeden Fall besitzen. Deshalb vertreten wir gegenüber Regierungen die Auffassung, dass die Daten der Bürger von ihnen und nicht fremden Dienstleistern kontrolliert werden sollten. Wir glauben allerdings, dass die Bürger ebenfalls mehr Verantwortung für die eigenen Daten erhalten sollten, beispielsweise in Form eines geschützten Bürgerprofils. Dadurch könnten alle erfassten Daten eingesehen und somit auch gesteuert werden, wer Zugriff erhalten darf.

Wie funktioniert so ein Bürgerprofil?

Die Idee ist sehr einfach. Das Bürgerprofil könnte sowohl in einem Datensee gelagert werden, als auch mit dem Smartphone der Person einsehbar sein. Wenn man dann zum Arzt geht, kann man Teile seines Profils und der Krankenakte übermitteln. Zu diesem Zeitpunkt entscheidet man selbst, die Informationen mit dem Arzt zu teilen. Sobald die Untersuchung beendet wurde, verschwinden die Informationen vom Bildschirm des Arztes. Damit erhält jeder selbst die Wahl, wer Zugriff erhält und welche Daten man teilt. Huawei glaubt sehr fest an die Notwendigkeit, dieses Maß an Transparenz und Verantwortlichkeit aufzubauen. Wir sind unseren Kunden gegenüber verpflichtet, ihnen die Kontrolle über ihre Daten zu verschaffen.

Kritik kommt teilweise von Soziologen und Stadtplanern, die befürchten, dass es sich bei der Entwicklung der Smart City weniger um einen ernsthaften Beitrag zur Stadtentwicklung, als um ein geniales Marketinginstrument der Technologie- und IT-Konzerne handelt. Wird damit einfach nur die Technologieabhängigkeit weiter ausgebaut, oder kann eine Smart City auch tatsächlich eine lebenswerte Stadt sein?

Ich bin davon überzeugt, dass eine intelligente Stadt auch lebenswert sein kann. Das ist schließlich unser Ziel. Nach Perfektion streben wir deshalb gerade nicht. Denn Weisheit entsteht aus Wissen und Wissen aus Erfahrungen sowie der Nutzung von Informationen. Schließlich lernt man aus Fehlern und Erfahrungen, die vielleicht nicht immer perfekt sind. Das Letzte, was wir tun wollen, ist die menschlichen Erfahrungen einzuschränken. In den nächsten 50 Jahren werden wir erleben, wie einzelne Städte, Regionen und Länder Entscheidungen darüber treffen, inwieweit sie ökonomischer agieren und automatisieren möchten. Für die Entwicklung einer Smart City haben wir jedoch den Ansatz gewählt, dass dies keine rein technologische Entscheidung ist, sondern auch eine kulturelle und politische. Wir bieten nur die Plattform, mit der Städte bestimmen können, wie weit sie gehen möchten. Am Ende des Tages bin ich kein Technologe. Irgendwie ironisch, dass ich für das – meiner Meinung nach – führende Technologieunternehmen der Welt arbeite. Die Antwort auf die Frage lautet also: Wir streben nach lebenswerten Lösungen, wir vermeiden Perfektion. Jeder Bürger, jede Nachbarschaft, jede Stadt, jede Region und jedes Land sollen selbst für sich bestimmen, wo es sich befindet. Im Moment kodifizieren wir dies in Richtlinien und Gesetzen, in Zukunft werden wir dies in Algorithmen kodifizieren – aber es ist jede Person, die ihre eigene Wahl hat.

Das Interview führte Joschua Katz.


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