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Nachgefragt
19. August 2016

„Kein lokaler Netzbetreiber ist ausreichend vorbereitet“

Bereits 100.000 Elektroautos auf deutschen Straßen bedeuten, dass zwei bis drei Gigawatt dynamische Ladeleistung am Verteilnetz hängen. Darauf sei kein lokaler Netzbetreiber ausreichend vorbereitet, mahnt Thomas Speidel, Präsident des Energiespeicherverbands BVES und Geschäftsführer von ADS-Tec.

Thomas Speidel am Stand von ADS-Tec auf der Intersolar in München. (Foto: Petersen)
Thomas Speidel am Stand von ADS-Tec auf der Intersolar in München. (Foto: Petersen)

19.08.2016 – Zudem müssten Speichersysteme von Netzentgelten und der EEG-Zulage befreit werden, sagt Seidel, ansonsten würde der Trend, netzferne Speicher zu installieren, anhalten.

Herr Speidel, welche Trends sehen Sie für den Speichermarkt?

Für einen Massenmarkt muss die Investitionsschwelle weiter sinken. Systeme mit Rundzellen wie vom Autobauer Tesla werden wir daher verstärkt sehen, weil der Preis aufgrund der hohen Stückzahlen gering ist. Das wird insbesondere den Markt der privaten Eigenverbrauchsoptimierung befeuern. Netzsystemleistung sehen wir hier eher nicht als Thema, denn Leistung und Betriebsmöglichkeiten sind nicht ideal.

Welche Themen sehen Sie aktuell noch?

Regulatorisch scheinen wir in Deutschland seitens der Politik zu versäumen, der neuen Technologie einen geeigneten Rahmen zu bieten, in dem sie sich entwickelt und ihre Beiträge leisten kann. Die physikalischen Möglichkeiten sind hoch, es muss aber auch ein Konzept für eine Refinanzierung da sein. Das gibt es aktuell nicht. Dabei spreche ich bewusst nicht von erneuten Förderungen. Der Abbau von Belastungen und die Hinderung bei Mehrfachnutzung wären ein erster wichtiger Ansatz.

Was folgt daraus?

Immer mehr Speicher werden auf privaten Grundstücken und vom Netz abgekoppelt gebaut. Es wäre im Sinne der Gesellschaft und des Stromsystems, wenn die Batteriespeicher gleichzeitig Regelenergie und andere Netzdienstleistungen bereitstellen. Also ihre physikalische Rolle im volkswirtschaftlichen Gesamtorchester spielen, statt erzwungenermaßen nur auf eigener Bühne. Pilotprojekte wie die Strombank und andere Quartierspeicher haben gezeigt, dass das funktioniert. Aber diese sinnvollen Modelle sind offensichtlich politisch noch nicht angekommen.

Welchen Schub bringt die Elektromobilität für den Speichermarkt?

Hier sehe ich den wirklich disruptiven Wandel. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Holländer wollen die Verbrennungsmotoren bei Neuzulassungen bis 2025 komplett von der Straße verbannen. Wenn wir lediglich 100.000 Elektroautos auf deutschen Straßen haben, sind zwei bis drei Gigawatt dynamische Ladeleistung am Verteilnetz zu erwarten. Darauf ist kein lokaler Netzbetreiber ausreichend vorbereitet. Wenn in einer Siedlung mehr als zehn Prozent gleichzeitig 100 Kilometer pro Stunde an der Haussteckdose mit 20 Kilowatt laden wollen, wird das nicht funktionieren.

Hier können Quartierspeicher eine Lösung sein.

In einigen Fällen kann das eine sehr sinnvolle Lösung sein. Aber dazu müssten diese Speichersysteme zuerst vollständig und dauerhaft von den Netzentgelten und der EEG-Zulage befreit werden. Wenn nun der Privatmann auf seinem Grundstück investiert und für den Netzbetreiber insbesondere der Anreiz des Netzausbaus bleibt, werden die Netzentgelte steigen und die Finanzierung der Netze wird auf weniger Abnehmer verteilt. Die kluge und nachhaltige Lösung ist kein entweder oder sondern ein optimiertes sowohl als auch. Netze und Speicher werden benötigt. Das gilt im Übrigen für alle Komponenten der Energiewende. Es ist eben ein Orchester und keine Einmannkapelle.

Was bedeutet es für die Stromnetze, wenn Speicher ohne Förderung und damit ohne die daran gekoppelten Vorgaben installiert werden?

Es gibt derzeit keinen klaren Katalog, was ein Speicher können muss, um das Netz zu stützen. Auf der anderen Seite sind die Stromkosten in Deutschland mit am höchsten und die sonstigen Bezugskosten gegenüber den Erzeugungskosten ein großer Posten in der Stromrechnung. Deshalb ist es ja auch ein Geschäftsmodell gegen den Netzbezug zu optimieren. Das verstärkt den Trend, netzferne Speicher für den persönlichen Eigenverbrauch zu installieren. Viele asiatische Hersteller von Heimspeichern haben das erkannt – denn die sind kluge Rechner.

Netzdienlichkeit müsste also vergütet werden?

Richtig. Unter diesen Umständen ist davon auszugehen, dass lokale Unternehmen und Versorger mit Speichern ihre Dienste anbieten und investieren würden. Das ist gleichzeitig der Appell des BVES an die Politik. Speicher brauchen eine entsprechende Plattform in der realen Energiewirtschaft. Die aktuelle Definition als Letztverbraucher oder Erzeuger ist dabei schädlich. Speicher sind zeitliche Verzögerungsglieder und als solche zu behandeln. Es kann aus einem Speicher nur rauskommen, was vorher hineingegangen ist.

Gibt es einen Zielkonflikt zwischen dem optimalen Einsatz des Speichers für den Betreiber und dem fürs Stromnetz?

Wenn man es richtig macht, gibt es diesen Konflikt nicht. Die Bundesnetzagentur muss weiterhin eine stabile Versorgung sichern, aber auch Flexibilität honorieren. Es ist völlig unstrittig, dass es Netzausbau geben muss. Die Leistung treibt aber auch im Verteilnetz den Netzausbau und damit die Kosten. Eine Energie-Flatrate für die Grundlast und zusätzliche Leistungspreise können ein sinnvoller Anreiz sein. Jeder kann dann selbst durch Investition die Leistungsspitze optimieren. Durch abschaltbare Lasten, Speicher oder sonstige Mittel.

Das Karlsruher Institut für Technologie, kurz KIT, hat vor mehr als zwei Jahren auf die Frage der Sicherheit bei Heimspeichern aufmerksam gemacht.Wie ist es um die Qualität und Sicherheit der Systeme im Markt bestellt?

Es ist gut, dass das Bewusstsein für das Thema Sicherheit nun so präsent ist und die neuen Technologien bei Prüfunternehmen wie DKE, VDE, TÜV etc. einen entsprechenden Stellenwert bekommen haben.

Müssen die Hersteller bei den Angaben in ihren Datenblättern transparenter werden?

Das Datenblatt vermittelt oft ein falsches Gesamtbild oder die Daten werden leicht missverstanden. Ein Beispiel: Eine Batterie verkraftet laut Datenblatt 10.000 Zyklen und kann zwischen 60 Grad Celsius und minus 20 Grad Celsius eingesetzt werden. Das gilt jedoch nicht alles parallel und jeweils unter besonderen Bedingungen. Die Elektrochemie ist mit einem Lebewesen vergleichbar und reagiert teilweise sehr sensibel. Die komplexen Zusammenhänge sind wichtig und die maximalen Grenzwerte der einzelnen Parameter können nicht einfach gleichzeitig angesetzt werden. Und wenn dieser Zusammenhang nicht erklärt und offen gelegt wird, führt das oftmals zu einer falschen Erwartungshaltung beim Käufer.

Wie kann diese Komplexität verständlicher ausgedrückt werden?

Die Produkte können auf jeweils konkrete Anwendung ausgelegt und optimiert werden. Beispielsweise bei Batteriespeichern, die primär auf die Optimierung des Eigenverbrauchs ausgelegt werden und den Überschuss mit moderater Leistung und unter definierten Randbedingungen vom Tag in die Nacht verschieben. Nicht jede Anwendung lässt sich auch mit jedem Speicher bedienen – das Gegenteil zu vermitteln, ist aus Marketingsicht kontraproduktiv. Wenn ein Energieversorger Fahrpläne fahren möchte, dann will er das dauerhaft und mit nominaler Leistung tun. Eine völlig andere Anforderung als die PV-Eigenverbrauchsoptimierung. Pauschale Antworten sind bei komplexen Themen oftmals zu kurze Antworten.

Wie sieht es mit der Effizienz der Speichersysteme aus?

Im meist herrschenden Teillastbetrieb werden nur schwache Werte erzielt. Viele Produkte sind wie Legosteine aus Komponenten von verschiedenen Herstellern zusammengebaut, deshalb arbeitet das gesamte System oft nicht optimal. Es geht aber genau darum, das gesamte System aus Zelle, Verkabelung, Batteriemanagement und Umrichter zu optimieren. Jedes Speichersystem hat zudem durch die eingebauten Mikrokontroller einen gewissen Grundverbrauch. Ein eingebautes Kommunikations-Gateway mit 15 bis 30 Watt oder hohe Wirkungsgradverluste in der Systemkette können teilweise energetisch gar nicht mehr amortisiert werden. Diese Grundlast wird bei kleinen Speichern aber nicht unbedingt weniger.

Was bedeutet das?

Dass sich ein kleiner Speicher mit zwei Kilowattstunden Kapazität und einer stetigen Grundlast von zehn Watt über das Jahr gar nicht mehr rechnet. Das sind immerhin 240 Wattstunden pro Tag an zusätzlichem Energieverbrauch, die man ohne den Speicher vorher gar nicht gehabt hätte.

Das Interview führte Niels H. Petersen.


Kommentare

Diskutieren Sie über diesen Artikel

Stefan 20.08.2016, 21:37:41

+348 Gut Antworten

240 Kilowattstunden Pro Tag?

 

Dies ist der bislang schlechste Artikel Ihre sonst eigentlich ganz guten Artikel

Niklas 22.08.2016, 09:35:06

+373 Gut Antworten

100.000 Elektroautos und 2-3 GW dynamische Ladeleistung?

 

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass alle gleichzeitig laden, wären das 20-30 kW pro Anschluss. Die Mehrzahl aller Fahrzeuge lädt aber mit 3,7 kW einphasig am heimischen Anschluss. Und das genügt auch. Nächte sind lang, und Arbeitszeiten auch. Und in einer Siedlung gibt es üblicherweise gar keinen Bedarf für Schnelllader. Fazit: Am Netz wird die Elektromobilität sicher nicht scheitern.

 

Und wenn es kritisch wird: Wie wäre es mit dynamischer Ladesteuerung?

 

Und außerdem: Elektroautos _sind_ der Speicher. Da braucht man nicht auch noch einen Quartiersspeicher...

N. Petersen 22.08.2016, 10:13:58

+340 Gut Antworten

In der letzten Antwort muss es natrürlich 240 Wattstunden heißen, ohne Kilo. Dankeschön für den Hinweis!

Sebastian 08.02.2017, 01:49:36

+354 Gut Antworten

Also wer sich ein Elektroauto kauft, der wird auch Photovoltaik auf der Garage haben .....

Das Thema heute lautet ehr Autarkie, denn wer soll den Ausbau der Netze bezahlen?

Wenn die Energie weiter so steigt kann man viele 10.000€ sparen wenn man selber die Energie erzeugt.

Das Problem ist ehr, Sonne haben wir Tags über, aber das Auto steht dann beim Job vor der Tür und in der Nacht steht es Zuhause


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