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Nachgefragt
14. Oktober 2014

Klimawandel in der Stadt

Der weltweit renommierte Klimaforscher Mojib Latif erläutert, warum die schweren Unwetter von Pfingsten ein Zeichen sind, dass der Klimawandel längst in Deutschland angekommen ist – und rät zu einer umfassenden Entschleunigung als auch zu einem sehr viel schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien.

Prof. Dr. Mojib Latif leitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik  sowie die Forschungseinheit Maritime Meteorologie (Foto: © Mojib Latif).
Prof. Dr. Mojib Latif leitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik sowie die Forschungseinheit Maritime Meteorologie (Foto: © Mojib Latif).

14.10.2014 – Pfingsten wütete das Tief „Ela“ in Düsseldorf und anderen Regionen. Bilanz: Sechs Tote, 17.000 entwurzelte Bäume, allein in Düsseldorf 65 Millionen Euro Schaden.

Herr Latif, das war ein extremes Wetterereignis, oder?
Ja, das war in der Tat ein extremes Wetterereignis, wobei es dafür keine exakte Definition gibt. Aber auch nach den gängigen Beschreibungen lässt sich sagen: Das war ein ziemlich außergewöhnliches Ereignis.

Was macht eigentlich ein extremes Wetterereignis aus?
Da zählen statistische Eigenschaften: Ein solches Ereignis muss sehr selten sein. Dabei stellt sich aber die Frage, wie selten es zu sein hat, damit wir es als extrem bewerten. Das richtet sich nach der subjektiven Einschätzung des Betrachters, ab wann er von Starkregen oder extremen Windböen spricht. Der Deutsche Wetterdienst bezeichnet als Starkregen Niederschläge von 15-25 l/m² in einer Stunde und 20- 35 l/m² in sechs Stunden.

Lässt sich da ein Zusammenhang mit dem Klimawandel herstellen?
Es sind ja per se seltene Ereignisse, für die es nur wenige Fälle gibt. Daher lässt es sich für eine bestimmte Region nicht sicher nachweisen, ob es dort schon vermehrt zu solchen Wetterextremen kommt. Das ist aber möglich, wenn wir Mittelwerte betrachten, die wir in mehreren Gegenden der Welt gemessen haben. Wenn wir alle Landregionen der Erde ins Auge fassen und die Entwicklung der extremen Wetterereignisse untersuchen, tritt deutlich ein Trend nach oben zu Tage: Starkregen-Ereignisse oder Dürreperioden nehmen weltweit zu. Das passt auch genau zu den Aussagen, die unsere Klimamodelle zur globalen Erwärmung treffen.

Wie schätzen Sie dann das Unwetter in Düsseldorf ein?
Solche extremen Wetterphänomene wie in Düsseldorf erwarten wir auch aufgrund regionaler Modelle, wenn wir diese für die Folgen des Klimawandels in einzelnen Regionen zu Rate ziehen. Dabei muss es über das Jahr im Durchschnitt gar nicht mehr regnen, es reicht, dass die Verteilung der Niederschläge anders ausfällt. Die gewitterartigen, kleinräumigen Phänomene nehmen zu, verbunden mit stürmischen Winden und Starkregen. Gleichzeitig treten auch extreme Dürren auf.

Zum Beispiel 2003 die extreme Hitzeperiode in Deutschland.
Genau. Das sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille, die globale Erwärmung heißt.

Wie hängt das jetzt zusammen? Extreme Wetterereignisse und globale Erwärmung?
Das ist ein einfaches Naturgesetz: In einer wärmeren Welt kann mehr Wasser verdunsten. Dieses verdunstete Wasser bezeichnen wir als „latente Energie“; wir könnten auch von „versteckter Energie“ sprechen. Je mehr Wasser verdunstet, desto mehr Energie ist in der Atmosphäre – und desto extremer können Wetterereignisse ausfallen. Wir kennen das aus den Tropen, wo die Wetterextreme sowieso viel stärker sind. Denn je höher die Temperaturen steigen, desto heftiger fällt das Wetter aus, wenn genug Feuchtigkeit vorhanden ist.

„Gefühlt“ scheint es in Deutschland mehr Gewitter als vor 30 Jahren zu geben. Ist an diesem Gefühl etwas dran?
Das lässt sich an der Zahl der Blitze erkennen: Satelliten erfassen sie aus dem Weltraum, wobei eine deutliche Zunahme verzeichnet wird. Das ist ein Anhaltspunkt dafür, dass auch die Zahl der Gewitter gestiegen ist.

Wie ist es mit den Überschwemmungen? Zwei „Jahrhundertfluten“ in rund zehn Jahren, 2002 und 2013? Wir hatten sogar noch mehr dieser Flutereignisse. Es vergeht kaum ein Jahr, in dem sich nicht eine solche Jahrhundertflut in Deutschland ereignet. Das hat verschiedene Ursachen: Es können kurze, heftige Regenfälle sein, die lokal nur einen Bach über die Ufer treten lassen. Das können aber auch Mittelmeer-Tiefs sein, wie meistens im Osten Deutschlands. Sie treiben dann von Südosten auf unser Land zu. Diese Tiefs haben bereits heute sehr viel mehr Wasser im Gepäck, weil sich das Mittelmeer allmählich durch den Klimawandel erwärmt.

Die „latente Energie“, von der Sie eben sprachen?
Genau! Diese Tiefdruckgebiete ziehen sehr langsam, weshalb sie ihre „Fracht“ fast nur an einem Ort abladen – und das als Starkregen. Die Oder- oder Elbeflut wurde begleitet von tagelangen Regenfällen, die ganze Landstriche unter Wasser gesetzt haben.

Statistiken der Versicherer zeigen ja, wie sehr die Schäden durch solche Ereignisse gestiegen sind.
Diese Zahlen sind natürlich auch zu bereinigen, weil in der Vergangenheit immer dichter an Flüssen gebaut wurde, wodurch die Höhe der Schäden zugenommen hat.

Aber nach dieser Bereinigung bleibt immer noch ein deutlicher Anstieg übrig, oder?
So ist es. Das ist ein weiteres Indiz für den Zusammenhang zwischen Klimawandel und extremen Wetterereignissen. Da kommen gewaltige Summen zusammen, etwa wie durch Tief „Ela“ die Millionenbeträge in Düsseldorf. Daher sagen wir schon seit Jahrzehnten, es ist besser den Klimawandel in Schach zu halten, als nach solchen Ereignissen nur die Schäden zu begleichen.

Warum lassen wir es dann in Deutschland zu, dass weiter Kohle In Kraftwerken verbrannt wird – und dadurch die CO2-Emissionen seit kurzer Zeit wieder steigen?
Da dürfen Sie nicht mich fragen! Das beklage ich genauso. Die Ursache scheint mir zu sein, dass der europäische Emissionshandel nicht funktioniert. Daran ist auch Deutschland schuld, weil es jahrelang Reformen verhindert hat! Wir haben einfach zu viele Zertifikate, weshalb es zu einem Preisverfall gekommen ist. Ein Tonne C02 kostet inzwischen nur noch rund fünf Euro. Ihr Preis müsste aber zwischen 30 und 40 Euro liegen, um eine Lenkungswirkung zu entfalten. So lohnt sich weiter das Verbrennen der Kohle – und die Zertifikate werden aus der Portokasse bezahlt.

Wäre es da nicht sinnvoller, statt des komplizierten Emissionshandels eine feste Steuer pro Tonne CO2 einzuführen?
Das könnte vernünftig sein, aber das Totschlagargument an dieser Stelle lautet: Wenn das in den übrigen Länder nicht geschieht, dann würde die deutsche Wirtschaft ihre Industrie verlieren, was auch ein Stück weit stimmt. Denn Unternehmen könnten in Regionen wechseln, wo keine Steuer anfällt. Daher bräuchten wir einen verbindlichen Rechtsrahmen in ganz Europa, um eine CO2-Steuer einzuführen.

Fracking wird jetzt auch in Deutschland diskutiert. Diese Technologie verlängert aber nur das fossile Zeitalter. Wie sehen Sie das als Klimaforscher?
Fracking finde ich überhaupt nicht gut, zumal unklar ist, wie die ökologischen Auswirkungen aussehen. Solange ich die nicht kenne, würde ich mit dieser Technik gar nicht erst anfangen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Das von Ihnen genannte Argument gilt auch für die Kernkraft. Denn wir verhindern so den notwendigen Strukturwandel in der Energieversorgung. Wir müssen die Erneuerbaren Energien zügig etablieren! Wenn wir aber die konventionellen Energien länger im Markt halten, zum Beispiel durch Fracking oder Kernkraft, dann verhindern wir, dass sich die Erneuerbaren Energien durchsetzen. Investitionen in diese Energieformen würden systematisch gebremst.

Aber der Vorstandsvorsitzende von Bilfinger, Roland Koch, verweist auf den halb so hohen Gaspreis in den USA. Dabei malt er die drohende Deindustrialisierung an die Wand, weil bei uns die Preise für Energie zu hoch seien.
Dieses Problem sehe ich ebenfalls: Die Wirtschaft ist globalisiert, die Politik ist es nicht. Solange das so bleibt, werden uns die international agierenden Konzerne immer einen Schritt voraus sein. Deshalb wäre es bei der CO2-Steuer so wichtig, dass sehr viele Staaten eine solche Maßnahme durchsetzen würden. Das gilt auch für den Finanzbereich …

… zum Beispiel die Tobin-Steuer auf Finanztransaktionen?
Darin besteht letzten Endes das Elend bei allen großen Problemen, die die Menschheit hat: Es gibt keine weltweit abgestimmte Politik, es fehlt so etwas wie eine Weltregierung.

Aber gewaltige Schäden wie in Düsseldorf müssten doch richtige Schmerzen auslösen, so dass es zu einem Umdenken kommt.
Ja, das tut schon weh. Das Klimaproblem ist aber nur global lösbar. Es ist egal, wo das CO2 entsteht. Aber es passiert genau das Gegenteil von dem, was eigentlich passieren müsste. Der weltweite CO2-Ausstoß steigt. Diese Entwicklungen rufen nicht genug Leid hervor, zumindest nicht in den Industrieländern. Die Schmerzgrenze ist noch nicht erreicht, was auch für die Energiepreise gilt: Alle jammern über hohe Energiepreise, doch jeder von uns vergeudet Energie. Denken Sie nur an die Autos, die immer größer und schwerer werden. Nehmen Sie den Benzinverbrauch! Ich habe das mal für mich ausgerechnet: Wenn ich statt 130 km/h nur 100 km/h auf der Autobahn fahre, spare ich einen Liter Benzin auf 100 Kilometern. Bei einer jährlichen Fahrleistung von nur 20.000 Kilometer sind das ca. 300 Euro! Das bekommt kein Mensch von seinem Arbeitgeber als Gehaltserhöhung.

Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte über Suffizienz, also den maßvollen Umgang mit knappen Ressourcen?
Wichtig ist bei dieser Diskussion, dass wir nicht die Verzichtskarte spielen. Denn in Wirklichkeit gewinnen wir an Lebensqualität.

Was gewinnen wir denn, wenn wir bescheiden und maßvoll mit Ressourcen umgehen?
Der Gewinn ist offensichtlich: Wir schonen die Umwelt und unseren Geldbeutel. Vielleicht gelingt uns auch eine gewisse Entschleunigung, denn die Welt dreht sich im Moment immer schneller, was nicht unbedingt gut für uns ist. Wenn wir aber mehr Ruhe und Erholung haben, wäre das auch ein Wert an sich. Unser Koordinatensystem für Wertvorstellungen hat sich völlig verschoben, in Richtung auf Scheinwerte wie Geländewagen oder Smartphones. Das sind aber keine Werte an sich. Wahre Werte spiegeln sich in unseren menschlichen Beziehungen, zum Beispiel in der Familie oder mit unseren Kindern und Freunden.
Die Fragen stellte Ingo Leipner (Textagentur EcoWords).

Prof. Dr. Mojib Latif leitet am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik sowie die Forschungseinheit Maritime Meteorologie.


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