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Nachgefragt
10. Dezember 2014

Mehr Bäume in Europa

Animierte Karten veranschaulichen: Ein Drittel mehr Wald und zahlreiche aufgegebene Flächen, die von der Natur zurückerobert wurden – doch es gibt auch neue Probleme. Geoinformatiker Richard Fuchs erklärt im Interview, wie sich die Landnutzung Europas zwischen 1900 und 2010 verändert hat.

(Bild: Richard Fuchs)
(Bild: Richard Fuchs)

Herr Fuchs, Sie haben untersucht, wie die Menschen „das Gesicht“ des alten Kontinents formen. Welche markante Veränderung der letzten 110 Jahre fällt Ihnen als erste ein?

10.12.2014 - Die Landnutzung hat sich seit dem Jahr 1900 grundlegend verändert. Unsere Rekonstruktion der 27 EU-Mitgliedsstaaten und der Schweiz für das letzte Jahrhundert hat gezeigt, dass etwa die Hälfte des untersuchten Areals einen Nutzungswandel durchgemacht hat. Häufig kam es auch zu mehrfachen Landnutzungsveränderungen auf ein und derselben Fläche. Die Waldfläche allerdings hat sich seit 1900 in Europa um rund ein Drittel vergrößert. In Großbritannien und den Niederlanden beispielsweise haben sich die Waldanteile von ein bis drei Prozent auf heute zehn bis zwölf Prozent erhöht. In der Provinz Vaucluse in Frankreich, in der Nähe von Avignon, sind ganze Gebirgsketten, die um 1900 kahl waren, mittlerweile wieder aufgeforstet.

Zusammenhängende Waldgebiete waren also vor hundert Jahren rar?

Bis weit in das 20. Jahrhundert war Holz ein elementares Wirtschaftsprodukt, ohne das ein wirtschaftlicher Aufstieg nicht möglich gewesen wäre. Der Rohstoff wurde für beinahe alles gebraucht, zur Metallherstellung, im Hausbau, als Brennstoff, für Strommasten, in Bergwerken als Stützpfeiler, im Schienenbau, im Krieg für Schützengräben, bei Seefahrernationen in großem Umfang für den Schiffsbau und für vieles mehr. Bereits seit dem Mittelalter hat man Wälder in Europa kontinuierlich abgeholzt, um an Holz zu kommen und neue Siedlungsfläche zu erschließen. Das hat dazu geführt, dass spätestens um 1900 kaum Wälder in Europa übrig geblieben sind, mit schweren Folgen für Mensch und Natur. Viele europäische Länder haben jedoch erkannt, dass die Ressource Holz endlich ist. Insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg kam es deswegen zu massiven Wiederaufforstungsprogrammen, die bis heute andauern. Viele frühere marginale Ackerlandgebiete, beispielsweise in den Mittelgebirgen, sind inzwischen wieder bewaldet.

Ihre Oberflächenanalysen beziehen sich auch auf Zeiträume, in denen noch keine genauen europaweiten Daten erhoben oder gar digitalisiert werden konnten. Woher beziehen Sie das für Ihre Arbeit notwendige Datenmaterial?

Es gibt sehr viel verlässliches Datenmaterial, auch aus den ersten Jahren unserer Untersuchungen! Wir arbeiten derzeit an einer Veröffentlichung, in der wir die Vielfalt vom Karten und Statistiken um 1900 und vor allem deren Qualität zeigen wollen. Schon damals wurde mit sehr viel Aufwand gemessen und kartiert. Wir haben häufig mehrere unabhängige Statistiken und Karten für ein und dieselbe Region um 1900, die wir vergleichen können. So gut wie jeder Staat hat damals seine eigenen Surveys gemacht, häufig um später Steuern auf Land oder Produkte zu erheben oder für militärische Zwecke. Um Fakten für die erste Hälfte des Jahrhunderts zu bekommen, konnten wir auf alte Kriegskarten der früheren Großmächte und Statistiken aus Enzyklopädien zurückgreifen. Für Auswertungen ab 1950 nutzten wir verstärkt topographische Karten, heutzutage gibt es Satellitenaufnahmen. Die Landnutzungsarten sind allerdings in den Ländern zum Teil unterschiedlich definiert. Karten und Statistiken geben zudem nur eine Momentaufnahme wieder. Die große Herausforderung unserer Arbeit war, die Dynamik der Veränderungen daraus abzuleiten.

Ausgehend von der Tatsache, dass es inzwischen sehr viel mehr Wald gibt:Könnte man sagen, die Natur erobert Europa zurück?

Mancherorts entstehen tatsächlich neue grüne Flecken auf dem Atlas. Es gibt in Europa jedoch so gut wie keine Flächen mehr, die in einem wirklich natürlichen Zustand sind. Beinahe alle Landnutzungsveränderungen sind menschengemacht. Auch unsere Wälder sind Plantagen, keine Urwälder. Durch die Urbanisierung in den letzten Jahrzehnten haben wir viele Habitate zerstört oder fragmentiert und weitreichende Flächen versiegelt. Die Versiegelung führt zum Beispiel zu erhöhtem Oberflächenabfluss von Niederschlag. Hochwasser können die Folge sein. Durch den globalen Wettbewerb im Agrarsektor sind unsere Felder in Europa in den letzten Jahrzehnten immer grösser geworden, um sie effizienter mit Maschinen bewirtschaften zu können. Dieser Wettbewerb hat viele ursprüngliche Kulturlandschaften und Lebensräume von Flora und Fauna verdrängt und zur Verbreitung von Monokulturen beigetragen. Immerhin, im Vergleich zu vielen anderen Regionen der Welt erkennt man in Europa ein wachsendes Umweltbewusstsein. Das ist generell etwas Positives. Die landwirtschlich genutzte Flächen gehen zudem seit Jahrzehnten zurück. Die Gebiete werden manchmal für die Viehzucht genutzt, in vielen Fällen aber auch ganz aufgeben. Nach einigen Jahren entsteht in diesen Regionen meist Buschland und später wieder Wald.

Die animierte Graphik von Richard Fuchs zeigt die Veränderungen der Landnutzung Deutschlands während des Zeitraums 1900 bis 2010.

Würden Sie sagen, die Landwirtschaft hat an Bedeutung verloren?

Sie hat sich zumindest verändert. Im letzten Jahrhundert hat es zahlreiche technologische Neuerungen im Agrarsektor gegeben, zum Beispiel synthetischen Dünger, neue Maschinen und Bewässerungsmethoden. Das hat dazu geführt, dass wir heute gleiche Ernteerträge auf wesentlich weniger Fläche anbauen können als vor 100 Jahren. Es werden auch weniger Arbeitskräfte gebraucht. In den letzten Jahrzehnten haben viele Menschen im Agrarsektor ihre Arbeit verloren und sind in die Stadt gezogen. Es gibt also auch in Europa das Phänomen der Landflucht. Im Apennin in Italien kann man dies seit den 60er Jahren beobachten. Zudem importiert der alte Kontinent inzwischen sehr viel mehr Lebens- und Futtermittel aus anderen Erdteilen. Dennoch lassen sich in manchen Regionen auch umgekehrte Entwicklungen feststellen. In Südeuropa sind viele neue Agrarflächen durch die künstliche Bewässerung entstanden. In Almeria und El Ejido, beides sehr trockene Gebiete in Südspanien, finden sich heute Anbaugebiete für Obst und Gemüse. In den meisten Teilen Osteuropas kam es nach dem Fall der Sowjetunion zu massiven Umwälzungen.

Politische Umwälzungen haben also die Landschaften in Europa auch maßgeblich mitgeprägt?

Ja, Landschaften verraten natürlich auch etwas über Politik. Unsere Untersuchungen zeigen, dass viele Veränderungen zeitnah zu politisch-historischen Umbrüchen wie Kriegen oder dem Fall des Eisernen Vorhangs stattfinden. Schaut man sich beispielsweise die Landnutzungsveränderung vor und nach dem Jahr 1990 an, um dessen Zeitraum der Fall des Eisernen Vorhangs und die Einführung der EU-Agrarreform stattfand, dann sehen wir einen deutlichen Anstieg der Veränderungen nach 1990, insbesondere im Süden und Osten Europas. In Rumänien und Polen zum Beispiel sind viele ehemalige staatliche und kollektive Agrargebiete nach 1990 nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen und aufgegeben worden. Mittlerweile sind die ertragreichen Gebiete wieder zu begehrten Spekulationsobjekten für Agrarfirmen geworden und werden erneut bewirtschaftet.

Welche Veränderungen innerhalb Deutschlands halten Sie für wissenswert?

Auch Deutschland hat inzwischen mehr Wald. Doch auch die Besiedlungen haben sich sehr stark ausgebreitet. Urbanisierung ist also ein Stichwort. München, Hamburg und Berlin sind stark gewachsen. Das Ruhrgebiet hat sich mit der Industrialisierung explosionsartig verstädtert. Seit der Kohlekrise in den 50ern ist es erneut im Wandel und die Städte bilden sich dort an einigen Stellen wieder zurück. Nordrhein-Westfalen ist heute als dicker, roter Fleck in der Karte erkennbar, das heißt also, hier leben inzwischen viel mehr Menschen als noch vor hundert Jahren.

Blicken wir in die Europakarte der Zukunft: Wird sich das Gesicht des Kontinents künftig aufgrund des Klimawandels ändern?

Die Landwirtschaft erschließt seit einigen Jahren auch wüstenartige Gebiete. Das führt in diesen Regionen Europas zu negativen Wasserbilanzen. Es ist anzunehmen, dass sich die Situation künftig zuspitzt. Die Niederländer haben große Teile Land hinzugewonnen, indem sie Deiche in Gebieten bauten, die normalerweise dem Meer gehören. Diese Schutzwälle müssen womöglich verstärkt und erhöht werden, um dem steigenden Meeresspiegel zu begegnen. Allerdings ist das Land technisch besser gegen den Klimawandel gewappnet als ärmere Südseeinseln. Ich habe Aufnahmen gesehen, auf denen ganze Gebirgsketten um 1900 abgeholzt waren. Bodenerosion war die Folge und Hochwasser. Aus solchen Sünden der Vergangenheit hat man mittlerweile gelernt. Heute sind diese Gebirgszüge wieder aufgeforstet. Und entlang einiger großer Flüsse werden Flussbetten renaturiert, um dem Fluss seinen natürlichen Lauf und damit mehr Freiraum bei Hochwasser zu geben. Hochwasserschutz wird ganz sicher auch in Deutschland künftig eine besonders große Rolle spielen. Genaue Prognosen sind aber schwierig. Wer sie erstellen könnte, würde viel Geld verdienen.

Sehr geehrter Herr Fuchs, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Rebecca Raspe.

Die animierte Graphik von Richard Fuchs zeigt die Veränderungen der Landschaftsnutzung in Europa während des Zeitraums 1900 bis 2010.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter folgenden Links:

Auf der Webkarte unter: www.wageningenur.nl/hilda

In der Publikation Biogeosciences:  http://www.biogeosciences.net/10/1543/2013/bg-10-1543-2013.html

In der Publikation Global Change Biology:  http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/gcb.12714/abstract?campaign=wlytk-41823.5110185185


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