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Nachgefragt
12. Juli 2018

„Mit fossilen Energieträgern können wir keine Kreisläufe schließen“

Mit Bildungs- und Vernetzungsarbeit bringt der Cradle to Cradle e.V. der Gesellschaft das Prinzip einer Kreislaufwirtschaft mit einem positiven ökologischen Fußabdruck näher. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Nutzung Erneuerbarer Energien, wie uns die c2c-Expertin Nora Sophie Griefahn erklärt.

Nora Sophie Griefahn, Geschäftsführerin des Cradle to Cradle e.V   

Nora Sophie Griefahn, Geschäftsführerin des Cradle to Cradle e.V   
Foto: Cradle to Cradle e.V.

10.07.2019 – Das wissenschaftliche Konzept Cradle to Cradle ist vor rund 30 Jahren aus der Umweltbewegung entstanden. Um mit dem Konzept auch eine gesellschaftliche Transformation einzuleiten hat sich vor 6 Jahren der Cradle to Cradle e.V. gegründet und ist heute mit über 700 ehrenamtlichen Helfern in ganz Deutschland aktiv.

Frau Griefahn, worum geht es bei dem Konzept Cradle to Cradle?

Es geht darum, dass wir Menschen aufhören uns nur als Schuldige zu sehen und als Schädlinge auf dieser Erde, hin dazu, wie wir einen positiven Beitrag leisten können – wie es andere Lebewesen auf dieser Erde auch tun. Das heißt wir sollten nicht nur versuchen unseren Fußbadruck zu minimieren, sondern einen positiven Fußabdruck zu maximieren und uns zu überlegen, wie kriegen wir all dass, was wir produzieren, so gestaltet, dass es positiv für Mensch und Umwelt ist.

Wie lässt sich dies praktisch umsetzen?

Wir differenzieren immer in Gebrauchsprodukte und Verbrauchsprodukte. Die werden entweder in biologischen oder in technischen Kreisläufen eingeordnet. Ein Verbrauchsprodukt ist zum Beispiel ein Shampoo, das am Ende im Wasser landet und dementsprechend biologisch abbaubar sein muss. Aber auch meine Schuhsohle muss zum Beispiel so gestaltet sein, dass sie biologisch abbaubar ist, denn wenn ich laufe reiben sich Partikel ab und bleiben in unserer Umwelt. Das heißt, es ist immer wichtig sich das Nutzungsszenario anzugucken und zu überlegen, für welches Nutzungsszenario produziere ich.

Und was sind Gebrauchsprodukte?

Ein Gebrauchsprodukt muss nicht biologisch abbaubar sein weil ich es gebrauche und nicht verbrauche. Das heißt, meine Waschmaschine zuhause reicht vollkommen, wenn sie so konzipiert ist, dass sie am Ende technischer Nährstoff für andere Produkte wird. Wenn ich also die einzelnen Teile leicht wieder auseinandernehmen und wieder in Kreisläufe überführen kann.

Wie lassen sich Erneuerbare Energien in das Cradle to Cradle Konzept integrieren?

Cradle to Cradle baut auf 3 Grundprinzipien auf. Eines lautet: Abfall ist Nahrung, oder Nahrung ist Nahrung. Dass heißt, alles wird immer wieder zu einem neuen Nährstoff für etwas anderes. Ein weiteres Prinzip ist: Nutze die Diversität oder teile die Diversität, die wir auf unserer Erde haben. Und das letzte Prinzip schreibt ganz klar die Nutzung Erneuerbarer Energien vor. Denn wir können keine Kreisläufe schließen, wenn wir dafür fossile Energieträger nutzen. Zwar gibt es immer wieder Kritik gegenüber diesen Kreisläufen, und dass diese zu viel Energie verbrauchen würden, aber die Sonne scheint jeden Tag und somit haben wir eigentlich kein Energieproblem, sondern ein Materialproblem.

Was ist aus Cradle to Cradle Sicht das Problem mit sekundären Energieträgern wie der Atomenergie?

Da ist auf der einen Seite das Risiko, was passiert während der Nutzung. Aber noch viel wichtiger ist doch, was passiert mit dem Material das am Ende übrig bleibt. Bei Cradle to Cradle haben wir immer das Credo zu sagen, alles was wir machen, muss reversibel sein. Denn wie wollen wir zum Beispiel wissen, was in 3.000 Jahren ein geeigneter Ort für ein Atommüllendlager ist. Wenn wir das Ganze nicht reversibel machen, wissen wir am Ende gar nicht, wie wir das wieder in Ordnung bringen können.

Was waren die Beweggründe Cradle to Cradle e.V. zu initiieren?

Das wissenschaftliche Konzept Cradle to Cradle existiert schon seit 30 Jahren und ist aus der Umweltbewegung rund um Greenpeace und Co. entstanden. Neben wissenschaftlichen Arbeiten sind seitdem auch in der Wirtschaft bereits einige Produkte auf den Markt gebracht worden. Wir haben vor sechs Jahren dann gesagt, dass es auch ein gesellschaftliches Umdenken und Veränderung braucht. Wie schaffen wir eine gesellschaftliche Transformation. Dafür hat sich dann der Cradle to Cradle e.V. gegründet. Um Bildungsarbeit zu machen, um Vernetzungsarbeit zu machen, um Akteure zusammenzubringen und dafür eine Aufmerksamkeit zu schaffen, was wir anders machen müssen.

Wie ist die Reaktion auf die Bildungsarbeit?

Sehr gut! Unternehmen sehen zum Beispiel, dass es um Innovationen geht. Es gibt große Firmen, die neue Kollektionen auf den Markt gebracht haben und zeigen, das krieg ich mit Erneuerbaren Energien hin. Die Perspektive ist dabei nicht, wie kann ich noch etwas einsparen, sondern wie kann ich Sachen noch einmal ganz anders machen und mich entwickeln. Sogar ganze Städte und Regionen wollen inzwischen Cradle to Cradle als Vorbild nutzen und sich danach entwickeln.

Das klingt sehr interessant! Können Sie dies näher erläutern?

In der Region Venlo zum Beispiel soll alles, was neu gebaut wird, nach dem Cradle to Cradle Konzept erschaffen werden. Bezogen auf ein Gebäude heißt das, dass die Luft innen sauberer ist als vor dem Gebäude; dass das Wasser, welches aus dem Gebäude wieder rauskommt, sauberer ist als das, was reinging. Und natürlich sollte das Gebäude die Energie der Sonne nutzen und CO2 positiv sein. Auch Feinstaub und andere Schadstoffe sollte dieses Haus nicht produzieren. So besitzt ein bereits fertig gestelltes Haus in Venlo Grünfassaden, welches im Gebäude produziertes CO2 aufnimmt und neutralisiert. Auch ist das Haus einem Termitenschornstein nachempfunden. Auf dem Dach gibt es ein Gewächshaus, was die Luft aufwärmt und einmal durch das ganze Gebäude zirkuliert.

Wie reagiert dieses Gebäude auf unterschiedliche Sonneneinstrahlungen in Sommer- und Wintermonaten?

Das Gebäude ist zur Sonnenseite hin optimiert und nach Süden hin verglast. So kann es auch im Winter, bei niedrigem Sonnenstand, viel Wärme aufnehmen. Im Sommer hingegen schützen Sonnensegel das Haus vor zu starker Einstrahlung bei hochstehender Sonne. So lässt sich quasi schon manuell, ohne viel zusätzliche Elektronik, die Wärme im Gebäude regeln.

Das Interview führte Manuel Först

Mit über 50 Initiativen ist Cradle to Cradle e.V. in Deutschland aktiv. Vom 14. Bis 15. September findet in Lüneburg der jährliche c2c-Kongressstatt, bei dem einem internationalen Publikum die c2c-Denkschule näher gebracht wird.


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