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Nachgefragt
23. März 2016

Recycling: Nachhaltige Espressotassen aus Kaffeesatz

Nach jahrelangem Experimentieren ist es dem Produktdesigner Julian Lechner gelungen, wiederverwendbare Espressotassen aus altem Kaffeesatz herzustellen. Eine Mischung aus Biopolymeren und Holzanteilen verleiht den Tassen ihre Widerstandsfähigkeit, wodurch sie sogar spülmaschinengeeignet sind.

Nach jahrlangem Experimentieren ist es dem Produktdesigner Julian Lechner gelungen, wiederverwendbare Espressotassen aus altem Kaffeesatz herzustellen. (Foto: © Julian Lechner)
Nach jahrlangem Experimentieren ist es dem Produktdesigner Julian Lechner gelungen, wiederverwendbare Espressotassen aus altem Kaffeesatz herzustellen. (Foto: © Julian Lechner)

23.03.2016 – Julian Lechner studierte in Italien Produktdesign und geriet dadurch unweigerlich mehrmals täglich mit Espressotassen in Berührung. Es kam ihm die Idee, die Überreste der Kaffeeproduktion zu verwenden um daraus neue und nachhaltige Kaffeetassen herzustellen. Inzwischen hat er seine eigene Firma Kaffeeform gegründet und vertreibt die außergewöhnlichen und sozial verträglich hergestellten Tassen sehr erfolgreich.

Herr Lechner, wann kam Ihnen das erste Mal die Idee, derartige Espressotassen zu entwickeln?

Der erste Moment, in dem Kaffeesatz für mich eine besondere Rolle gespielt hat, war 2009 in Bozen in Italien, wo ich Produktdesign studiert habe. Damals stand ich kurz vor dem Schreiben meiner Abschlussarbeit im Bereich „Esskulturen und Umgang mit Lebensmitteln“. Mit meinen Mitstudenten habe ich täglich mehrere bis zu viele Espressi getrunken. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, was eigentlich mit den tagtäglichen Überresten der Kaffeeproduktion passiert und habe von den Barbetreibern immer die gleiche Antwort erhalten: Der wird entsorgt, es gibt keine weitere Verwendung! Ich habe mir dann einen Beutel mit Kaffeesatz mitgeben lassen und Zuhause getrocknet. Über die Menge, die man täglich geschenkt bekommen könnte, war ich damals wirklich erstaunt. Ich war mir sicher, dass man viele Möglichkeiten hätte, wenn man das getrocknete Kaffeepulver formen und verfestigen könnte. Das habe ich dann als Thema meiner Abschlussarbeit gewählt und die Espressotasse kam mir schnell als repräsentatives Produkt in den Sinn. Es war praktisch der Idealfall, eine Espressotasse ausgerechnet aus altem Kaffeesatz herzustellen.

Es war ja ein langer Weg, bis die Tassen zu dem geworden sind, was sie heute sind. Wie sahen die Anfänge der Kaffeesatz-Tassen aus?

Die Anfänge waren tatsächlich sehr rudimentär. Es waren keine hochtechnologischen Schritte, sondern eher vielfältige Tests über Wochen und Monate. Dazu gehörten auch viele Recherchen im Bereich von Leimen und Bindemitteln, zum Teil auch aus vergessenen Zeiten, wo man sich noch ohne den Einsatz von heute üblichen Stoffen wie beispielsweise Erdöl behelfen musste. Ich habe dann in kleinen Schritten versucht, den Kaffeesatz mithilfe alter Rezepte und einem Pressverfahren zu verhärten. Die ersten Tassen bestanden dann aus einem Zucker-Kaffeesatz-Gemisch, das materialbedingt nur für fünf bis sechs Kaffeefüllungen seine Form behielt.

Inzwischen sind die Tassen ja sogar spülmaschinengeeignet. Welche Materialien müssen Sie verwenden, um diese Eigenschaften erfüllen zu können?

Es kommt dem Projekt zugute, dass Kaffee an sich schon sehr fein gemahlen ist, die Körnung ist ideal zum Pressen. Jedoch ist Kaffee natürlich wasserlöslich, weswegen mit einem Bindemittel gearbeitet werden muss um das Produkt auch langfristig fest zu halten. Meine Recherchen gingen dann in den Bereich der Biopolymere, wodurch ich sehr spannende Möglichkeiten entdeckt habe, den Kaffee als Füllstoff erhärten zu lassen. Dazu werden dann noch zu sehr geringen Anteilen Pflanzenfasern mit Holzanteilen integriert. Das Ganze ergibt am Ende eine Rezeptur, die die Espressotassen in sich versiegelt und auch stabil hält.

Nachhaltigkeit spielt eine zunehmend wichtige Rolle in unserer Gesellschaft – kommen Ihre Tassen aus diesem Grund so gut an oder glauben Sie, dass vor allem das Design eine wichtige Rolle spielt?

Das Design und die Idee dahinter sind zurzeit die Hauptaspekte, weswegen die Tassen gekauft werden. Man hat eine Geschichte und einen sehr interessanten Ansatz. Das Projekt selbst ist mit dieser Espressotasse als sehr anschaulichem Produkt gestartet und sicherlich wird es mit weiteren Produkten noch interessanter. Beispielsweise im Bereich von Mehrwegbechern, wo der ökologische Gedanke eine noch größere Rolle spielt. Das Material eignet sich ideal dafür, da es leicht und sehr stabil ist.

Der Nachhaltigkeitsaspekt spielt für Kaffeeform ebenfalls eine wichtige Rolle, oder?

Ja, auf jeden Fall. Die Philosophie hinter dem Unternehmen Kaffeeform ist, dass die Prozessschritte möglichst lokal und sozial verträglich gestaltet werden. So wird der Kaffeesatz direkt in der nahen Umgebung in Berlin Kreuzberg gesammelt, meist zu Fuß oder mit dem Lastenfahrrad. Dieser wird dann in einer Behindertenwerkstatt getrocknet, wo Menschen in den Prozess integriert werden, die in anderen Berufen vielleicht keine Chance haben und denen die Arbeit auch deutlich Spaß macht. Sie bauen dann sogar eine für sie neue Affinität zu Kaffee und dem Umgang mit Abfällen auf. Daraus etwas kreieren zu können macht sie sehr stolz, da sie direkt in den Entstehungsprozess mit eingebunden werden. Das zieht sich durch die komplette Fertigung der Tassen und beginnt mit der Bereitstellung des Kaffeesatzes, dem Trocknen und spielt auch beim Verpacken und Verkleben der fertigen Espressotassen eine Rolle.

Woher beziehen Sie den Kaffeesatz?

Anfangs war es ja noch das eigene Sammeln, Trocknen, Verarbeiten und Testen. Dafür konnte ich problemlos selbst genügend Kaffeesatz auftreiben. Mittlerweile hat sich der Herstellungsprozess schon so weit entwickelt, dass drei bis vier Leute jeden Morgen unterwegs sind und bei unterschiedlichen Cafés den Kaffeeabfall abholen. Der wird uns übrigens gerne zur Verfügung gestellt und man freut sich, dem Abfallprodukt damit noch eine weitere Verwertung zu ermöglichen. Die dahinterstehende Idee wird also gerne unterstützt.

Herkömmliche Espressotassen bestehen aus dickwandigem Porzellan, wodurch der Espresso sehr lange heiß bleibt. Wie sieht es da mit Ihrer Entwicklung aus?

Die isolierenden Eigenschaften des Materials sind ziemlich gut und es ist von sich aus weniger kalt als Porzellan. Die Tassen können dennoch ideal mit heißem Wasser vorgewärmt werden. Da das Material wenig Hitze aufnimmt aber wiederum auch wenig Wärme abgibt, bleibt der Kaffee lange heiß.

Wieviel zahlt man für die Kaffeesatz-Tassen in ihrer jetzigen Form?

Momentan kostet eine einzelne Tasse mit Untertasse 19 bis 20 Euro. Der Preis wird allerdings mit der Nachfrage auch langsam sinken, wir amortisieren gerade noch die Entwicklungskosten. Ein Set mit zwei Tassen kostet 35 Euro und ich denke, dass der Preis bis zum Ende des Jahres noch deutlich sinken wird.

Was können wir in den nächsten Jahren erwarten. Wird es unterschiedliche Designs und Modelle geben?

In den nächsten Jahren möchten wir die Kaffeelinie um Cappuccino- und Mehrwegbecher erweitern. Im Gastronomiebereich soll es dann auch weitere aus Kaffeesatz hergestellte Produkte, wie etwa ein Tablett geben. Ich könnte mir ebenfalls vorstellen, dass das Material auch noch in ganz anderen Anwendungen integriert und vielleicht sogar als Ersatz für andere Stoffe eingesetzt werden kann. So könnte es in eigentlich untypischen Bereichen der Gastronomie, wie beispielsweise im Oberflächenbereich, für Verkleidung von Bartresen oder zur Herstellung von Stühlen und Tischen verwendet werden. Es gibt auf jeden Fall sehr spannende Anwendungsbereiche und die Forschung zu diesem Material ist noch im vollen Gange. Kaffeesatz als Grundstoff gibt einfach extrem viel her.

Herr Lechner, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Joschua Katz.

Mehr Informationen auf www.kaffeeform.com


Kommentare

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Christine Köhler Kesthelji 24.03.2016, 10:09:43

+112 Gut Antworten

Super!

 

Nehme auch 2...... bitte senden Sie per E-Mail die Unterlagen zu für die Bestellung. Genau. So machen wir es......

 

Gruß

 

Köhler

Joschua Katz 24.03.2016, 10:48:53

+106 Gut Antworten

Hallo Frau Köhler Kesthelji,

 

Sie können die Tassen direkt im Onlineshop von Kaffeeform (www.kaffeeform.com/shop/) bestellen.

 

Viele Grüße,

Joschua Katz / Redaktion


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