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Nachgefragt
12. März 2019

„RWE zerstört gerade, wie wir in Zukunft leben sollten“

Nachdem im Hambacher Wald vorerst Ruhe eingekehrt ist, konzentriert sich der Widerstand gegen RWE nun auf die Rettung der Dörfer im rheinischen Braunkohlerevier. Wir haben mit David Dresen vom Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ gesprochen, der an vorderster Front für den Erhalt seines Zuhauses in Kuckum und anderen von Abbaggerung bedrohten Dörfern in ganz Deutschland kämpft.

David Dresen ist Mitinitiator des Bündnisses Alle Dörfer bleiben

David Dresen ist Mitinitiator des Bündnisses Alle Dörfer bleiben
David Dresen engagiert sich bei Alle Dörfer bleiben
Foto: © Manuel Först

12.03.2019 – Ungeachtet eines beschlossenen Kohleausstiegs will RWE in den kommenden Jahren den Tagebau Garzweiler massiv ausbauen. Dafür sollen noch mehrere Orte der fossilen Energieversorgung weichen. Um sich diesen Plänen aktiv in den Weg zu stellen, kehrte David Dresen in seine stark bedrohte Heimat zurück.  

Was würde es für dich und deine Familie bedeuten umsiedeln zu müssen?

Die Frage stelle ich mir eigentlich nicht, weil wir das nicht machen werden. Ich wohne mit meinen Eltern und meinen Großeltern zusammen auf einem älteren Bauernhof, wo wir Hühner und Pferde halten, mit einer eigenen Scheune und Wiesen, wo wir anbauen. An dem neuen Ort, mit dem Namen Neu-Kuckum, gäbe es jedoch gar keinen Platz für uns. Einem Angebot von RWE nach bekämen wir dort 85 Prozent weniger Fläche.

Wie rechtfertigt RWE denn ein Angebot mit nur 15 Prozent der ursprünglichen Fläche?

Gesetzlich ist es so, dass RWE das gar nicht rechtfertigen muss. Die sind nicht dazu verpflichtet, uns ein adäquates Grundstück anzubieten. Die sind nur dazu verpflichtet uns den Grundstückswert, plus Entschädigungssumme zu zahlen. Sie sagen stattdessen zu uns sowas wie, Ihr seid ja eh schon alt, ihr braucht das ja nicht mehr. Das ist ja nur ein Hobby. Das könnt ihr doch ruhig aufgeben. Und zu meinen Großeltern sagen sie, wer weiß, ob sie dann noch leben, seien sie froh, wenn sie dann was kleines, altersgerechtes haben.

Und was würde passieren, wenn es zu einer Zwangsumsiedlung kommt?

Wenn es so kommt, dass unser Dorf abgerissen wird, dann werden wir auf jeden Fall völlig woanders hinziehen. Wieder in eine ländliche Gegend, in ein schon bestehendes Dorf. Und für mich geht das noch, weil ich recht jung bin und viel in Deutschland rumgekommen bin. Für meine Eltern ist das aber schon viel schwieriger, weil die ihr ganzes Leben in Kuckum gewohnt haben. Und für meine Oma und meinen Opa ist das eigentlich undenkbar, denn das Weiteste, was meine Oma jemals bereist hat, war Köln. Und das sind 30 km. Die war noch nie woanders. Und für die ist das eine komplette Entwurzelung. Ich kenne mittlerweile viele alte Menschen, die schon umgesiedelt wurden, und die sich mittlerweile völlig heimatlos fühlen. Die einfach den Bezug zu ihrer Lebenswelt so stark verloren haben, dass sie in sich einen Teil ihrer Identität verloren haben, weil ihre Vergangenheit einfach nicht mehr existiert.

Was würde denn eine Umsiedlung für das wirtschaftliche Gefüge des Dorfes bedeuten?

Es wird ja immer debattiert, dass Menschen, die bei RWE arbeiten, ihre Arbeitsplätze verlieren. Aber auch bei uns im Dorf arbeiten Menschen. Wir haben zum Beispiel einen Metzger, zwei Bäckereien, einen Friseur und eine sehr professionell betriebene Reithalle. Das Ist jetzt alles nicht so riesig, aber all diese Menschen werden ihre Jobs aufgeben müssen, weil das im neuen Ort alles nicht mehr möglich ist. Am neuen Ort würden ganz andere Standards gelten, die sich all diese Betriebe nicht mehr leisten könnten. Da haben wir locker acht bis zehn eigenständige Betriebe, die alle aufgeben müssen.

Und wie sieht es mit dem sozialen Gefüge aus?

Es gibt schon viele alte Orte, die umgesiedelt wurden. Da ist die Umzugsrate in den neuen Ort bei 60 Prozent. Das heißt, 40 Prozent ziehen völlig woanders hin. Von einer Erhaltung der Gemeinde kann man da nicht mehr sprechen. Zumal es so ist, dass es vorher immer Einzelorte waren. Kuckum ist ein eigenständiger Ort, Keyenberg ist ein eigenständiger Ort. Das wird jetzt alles zusammengelegt, zu einem Neubaugebiet am Rande der Stadt Erkelenz. Insofern gehe ich davon aus, dass die Gemeinschaft sich völlig verändert und von einer Dorf- zu einer Stadtstruktur wandelt.

Und RWE versucht bereits Fakten zu schaffen, oder?

Es gibt das Dorf Immerath. Das ist bereits leer gesiedelt und sollte eigentlich, laut Planung, als nächstes bergbaulich in Anspruch genommen werden. Allerdings baggern sie jetzt vor Keyenberg, obwohl man nach Immerath und dazwischen noch ganz viel Platz hätte, was man die nächsten zwei Jahre wegbaggern könnte. Natürlich baggert man aber direkt vor Keyenberg, um den Menschen, die dort nicht wegwollen, das Signal zu setzen, hey, der Bagger steht vor eurer Türe, guckt, dass ihr Land gewinnt. Auch werden um Keyenberg und Kuckum herum bereits Grundwasserpumpen gebaut, die Grundwasser aus den Tagebauen abpumpen, sollte Garzweiler einmal das Gebiet der Dörfer erreichen. Und die vermeintliche Aufrechterhaltung der Energieversorgung hebelt gefühlt alle Gesetze außer Kraft, so dass die Baustellen 24 Stunden, sieben Tage die Woche in Betrieb sind. Dort ist es also zu jeder Zeit unglaublich laut, staubig und hell.

RWE drangsaliert also die Bevölkerung?

Ich tue mich eigentlich schwer mit Verschwörungstheorien, aber de facto ist es so. Sobald RWE Grundstücksrechte erworben hat, steht es denen frei, wann sie Maßnahmen ergreifen. Aber die haben jetzt das Tempo verändert, in der sie diese Dinger bauen. Sie bauen jetzt schon Pumpen, die sie aktuell noch gar nicht bräuchten, mit der ganz klaren Message für uns, geht da weg, schöner wird’s hier nicht. Und dann wird jetzt auch noch eine Umgehungsstraße gebaut durch den Keyenberger Wald, um zwei Orte zu verbinden, die stehen bleiben sollen. Die aber nur dann verbunden werden müssten, wenn keines der anderen Dörfer stehen bleibt. Eigentlich müsste die Straße frühestens 2025 gebaut werden. Aber RWE sich dazu entschieden, direkt nach der Kohlekommission zu beginnen. Da stellt sich die Frage, muss das jetzt sein?

Der Abschlussbericht der Kohlekommission besagt, dass bei den Dörfern, denen eine Umsiedlung droht, die Landesregierungen mit den Betroffenen in einen Dialog treten sollen, um soziale und wirtschaftliche Härten zu vermeiden. Was hältst du von dieser Formulierung?

Ja das wäre schön, wenn das so wäre. Bisher ist das nicht passiert, weder der Dialog noch die Vermeidung. Ich finde es immerhin vernünftig, dass dort ein Dialog zwischen Landesregierung und Betroffenen gefordert wird und nicht mit der Landesregierung und der Stadt, weil die Stadt Erkelenz uns nicht wirklich vertritt.             

Warum?

Die Stadt Erkelenz hat gar kein Interesse daran, dass die Umsiedlung gestoppt wird, bzw. dass die Dörfer stehen bleiben. Denn es ist so, dass die Stadt Erkelenz vor 10, 15 Jahren damit aufgehört hat in diese Gemeinden zu investieren. Straßenbau wurde eingestellt, Hauswasserleitungen wurden nur wenn wirklich nötig repariert, die Buslinien wurden zurückgefahren. Auch neuere Technologien wie Internet wurden nicht ausgebaut. Sollten diese Orte jetzt stehen bleiben, dann hat Erkelenz ganz große Rückstandszahlungen, die sie tätigen müssten. Der Ort Neu-Kuckum hingegen ist für die Stadt viel praktischer, weil näher. Das kostet die Stadt weniger an Anschlussgebühren. Darüber hinaus ist so ein Neubaugebiet auch gut für die Bauindustrie. Aber wenn die Hälfte des Ortes da nicht hinzieht, dann sind 50 Prozent der Aufträge, die die Stadt versprochen hat, weg.

Und glaubst du, die aktuelle schwarz-gelbe Landesregierung wird noch an euch herantreten?

Sagen wir mal so: Armin Laschet hat ja betont, dass der Kohlekompromiss eins zu eins umgesetzt werden soll. Dann ist er eigentlich verpflichtet, mit uns in den Dialog zu treten. Er hat auch schonmal öffentlich im WDR verkündet, dass der Dialog schon lange laufen würde, was jedoch Schwachsinn ist. Aber ich hoffe es wird passieren, denn das wurde ja vorgeschlagen.

Dabei geht es ja nicht nur um den Erhalt der Dörfer, sondern auch um Klimaschutz.

Genau, da spielt auch mein eigener Werdegang eine Rolle. Vor zehn Jahren noch ging es mir vor allem um den Erhalt meiner Heimat. In der Zeit war aber der Widerstand in der Region noch nicht so groß. Von daher bin ich weggezogen, und habe mich, ich nenne es mal radikalisiert, für die Umweltproblematik und den Klimawandel als Problem. Und habe gemerkt, wow, da geht es um viel mehr. Denn der Erhalt unseres Dorfes würde immer auch bedeuten, dass mehr Braunkohle im Boden bleibt, was immer auch bedeuten wird, weniger Treibhausgase in die Atmosphäre zu entlassen. Über diese Problematik habe ich mich wieder für Kuckum interessiert, denn mit dem Erhalt der Dörfer können wir aktiv einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Der Tagebau Garzweiler macht ja schon 13 Prozent der Treibhausgasemissionen NRWs aus.

Und andere Menschen im Dorf und der Region denken genauso?

Ja! Es gab mal das Narrativ des großen, tollen Industrielandes NRW. Dafür hat RWE viel Lobbyarbeit geleistet und hat sich in alle kleineren und größeren Vereine der Region mit Sponsoring eingekauft. Da haben die Leute noch geglaubt, RWE leiste etwas Gutes, und die Region würde einen wichtigen Beitrag zur Stromversorgung Deutschlands leisten. Doch inzwischen gibt es in den Altdörfern Bestrebungen, eigene Perspektiven zu entwickeln und so eine Art Dorf der Zukunft zu werden. Wir beschäftigen uns zum Beispiel gerade damit Erneuerbare-Energien-Projekte in unsere Orte zu holen. Weil wir sagen, wir wollen nicht nur stehen bleiben, sondern wenn wir stehen bleiben, dann wollen wir auch einen Beitrag leisten zur Energiewende. Und da arbeiten wir mit verschiedensten Kleinunternehmen zusammen und entwickeln Konzepte, wie wir unseren Raum für Erneuerbare nutzen können.

Wie hat sich dieser Wandel in den Köpfen der Menschen vollzogen?

Irgendwann Anfang der 2000er, als auch die Umweltbewegung in Deutschland stärker wurde, gab es bereits ein paar Stimmen aus den Dörfern, die gesagt haben, muss das denn noch alles sein? Damals war das aber noch nicht so groß und deswegen haben Leute einfach weiterhin ihre Grundstücke an RWE verkauft. Man hatte sich damit abgefunden. Aber seit zwei, drei Jahren, wo auch der Hambi so groß geworden ist, haben Menschen plötzlich gemerkt, wir dienen nicht mehr dem Allgemeinwohl, wenn wir hier wegkommen, denn Allgemeinwohl ist jetzt nicht mehr Energieversorgung, sondern Klimaschutz. Und mit dem Urteil im Hambi – dass nicht nur wegen der Bechsteinfledermaus gefällt wurde, sondern auch Allgemeinwohl umdefiniert hat – haben Leute gemerkt, da gibt es Alternativen und haben angefangen sich zur Wehr zu setzen.

Zieht sich das durch die gesamte Region?

Nein, es gibt auch viele, die sehr unzufrieden sind mit den Abfindungen und wie die Umsiedlungen verlaufen, aber sich nicht trauen etwas zu sagen, weil sie davon ausgehen, dass RWE mächtiger ist als das Gesetz und Ihnen gar nichts zahlen könnte. Das stimmt zwar nicht, vor Gericht würde das sicher nicht so laufen, aber die Menschen haben so große Angst vor RWE, so wenig Vertrauen in die deutsche Justiz, dass sie sich öffentlich nicht äußern wollen. Von daher haben viele Angst bei „Alle Dörfer bleiben“ mitzumachen, da sie denken – und ich glaube berechtigterweise – dass sie dann bei RWE gelistet werden als WiderständlerIn und gewisse Formen von Repressionen erleiden.

Wie definiert sich für dich dieser Widerstand?

Für mich ist das auf der Metaebene ein Kampf zwischen neuer und alter Welt. Unser Dorfleben ist geprägt von Subsistenzwirtschaft, von Nachbarschaftshilfe. Bei uns ist es so, wir verschenken Eier an die Nachbarschaft, die Nachbarschaft verschenkt Milch an uns. Wenn irgendjemand ein Haus baut, baut das ganze Dorf mit. Das ist ein Lebensstil wie vor gefühlt 100 Jahren. Dabei lebt man sehr genügsam. Und jetzt kommt dieser Großkonzern, wo es um Profitmaximierung geht. Da kämpft Subsistenzwirtschaft gegen Wachstum und Kapitalismus. Und deswegen finde ich diesen Kampf so plakativ, weil den Menschen vor Ort gesagt wird, du musst jetzt nicht nur umsiedeln, sondern du musst jetzt deine dörfliche genügsame Lebensweise aufgeben um in die neue Welt, in die Wirtschaftswelt zu ziehen. Wo du in ein Neubaugebiet kommst, was hochmodern ist, was am Rande einer Großstadt ist, sodass du deine Art zu leben völlig umstrukturieren musst. Man sagt den Leuten, gib dein Lebensmodell auf, denn jetzt kommt der Kapitalismus und der braucht billige Energie.

Dabei werden nachhaltige Lebensweise und Nachbarschaftshilfe heute wieder stärker propagiert.

Genau, ich habe in verschiedenen Städten gewohnt und kenne einige Leute in linkeren Kreisen, die sagen, hey ich will zurück zum alten, zurück zum Genügsamen, ich will wieder aufs Land ziehen, ich will mich selbst versorgen. Und diese nicht nachhaltige, nicht genossenschaftlich organisierte Energieversorgung zerstört gerade, wie wir in Zukunft leben sollten.

Das Interview führte Manuel Först

Für Samstag den 23.03. ruft das Aktionsbündnis „Alle Dörfer bleiben“ zu einem Sternmarsch im Rheinland auf, mit dem Ziel und einer Abschlusskundgebung in Keyenberg, das nach den Plänen RWEs als nächstes dem Tagebau Garzweiler weichen soll.


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Kommentare

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Denkender Bürger 12.03.2019, 20:46:32

Eines finde ich in der bundesdeutschen Gesetzgebung eigenartig:

In der DDR wurden Gebiete mit feststehender Abbau-Absicht teilweise jahrzehnte vor der bergbaulichen Inanspruchnahme zu sog. Bergbauschutzgebieten erklärt. Das bedeutete für die betroffenen Orte einen weitgehenden Zuzugsstop und einen weitgehenden Baustop. Auch Reparaturen an Gebäuden oder der Invrastruktur war dann auf Ausnahmen und ein unbedingt notwendiges Minimum reduziert.

Damit ging dann schon lange vor der bergbaulichen Inanspruchnahme eine schleichende Entvölkerung der betreffenden Orte von statten und jeder im Ort wußte verbindlich, was ihn erwartet.

Wieso hat man das im vereinten Deutschland nicht zum Vorbild genommen?

Das hätte jetzt viel Ärger und Kummer erspart - auf beiden Seiten.


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