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Nachgefragt
17. April 2020

„Speicher wurden in Deutschland zu lange ignoriert“

Das Start-up EnergyNest mit Hauptsitz in Oslo hat eine thermische Batterie aus Stahl und Beton entwickelt. Sie soll Stahlwerken, Chemieparks, Glasproduzenten und anderen energieintersiven Produktionen bei der Dekarbonisierung helfen. Was Deutschland von Norwegen lernen kann und welche Trends bei Speichern vielversprechend sind, verrät Geschäftsführer Christian Thiel im Interview.

Christian Thiel, Geschäftsführer des Start-up EnergyNest

Christian Thiel, Geschäftsführer des Start-up EnergyNest
Foto: © EnergyNest

Herr Thiel, Ihr Startup EnergyNest ist von der Dena als eines von drei Finalisten für den SET-Award 2020 in der Kategorie Renewable Energies & Materials nominiert worden. Was kann ihr Speicher?

Ich denke, unsere thermische Batterie kann einen großen Beitrag zur Dekarbonisierung von energieintensiven Betrieben und damit zur Energiewende insgesamt leisten. Das genaue Leistungsspektrum unserer Hochtemperaturbatterie ist allerdings vielschichtig. Sie kann sowohl für die industrielle Wärmerückgewinnung genutzt werden, indem Industriedampf wieder zu Strom, Prozessdampf und/oder Wärme umgewandelt wird. Zudem macht sie konventionelle wie auch erneuerbare Kraftwerke insgesamt flexibler, denn auch nachts kann die Batterie Strom produzieren. Die thermische Batterie arbeitet bei bis zu 430 Grad Celsius, für uns ist das ein optimaler Wert. Dieser ermöglicht zweistellige Prozentsteigerungen bei der Energieeffizienz sowie einen vergleichbaren Effekt in der CO2-Vermeidung.

Welche Kosten hat Ihr Speicher und die konversierte Megawattstunde?

Die niedrigen Investitions- wie auch Betriebskosten sind Teil unseres Konzepts. Wir haben von Anfang an auf günstige und in Europa frei verfügbare Materialien gesetzt, um eine neuartige Batterie zu entwickeln. Im Ergebnis paart sie einen Spezialbeton mit Karbonstahl. Das Systemdesign haben wir uns patentierten lassen. Zusammen mit einer intelligenten Steuerung kann sich die Batterie je nach Kunden schon in zwei bis sieben Jahren amortisieren. Damit ist der Speicher eine wettbewerbsfähige Investition für Unternehmen, die sich zwischen zahlreichen Investitionsprojekten entscheiden müssen. Einen Wert in Euro pro Megawattstunden für die Kosten zu nennen, hilft eher wenig, da dieser von Anwendungsfall zu Anwendungsfall variiert – wir schauen grundsätzlich auf die kundenspezifische, schlüsselfertige Gesamtlösung und nicht auf einzelne Komponenten. Ein weiterer Vorteil der thermischen Batterie ist ein wartungsarmer und insgesamt günstiger Betrieb, weil wir auf bewegliche Teile verzichtet haben.

Auch andere Unternehmen wie Siemens Gamesa mit ihrem Steinspeicher oder auch Lumenion mit einem Energiespeicher aus Stahl haben eine ähnliche Lösung entwickelt. Was ist ihr Alleinstellungsmerkmal?

Ich persönlich freue mich sehr über die stetig wachsende Anzahl von Technologieunternehmen und Start-ups die sich thermischen Energiespeichern widmen. Gerade in Deutschland, dem Geburtsland der Energiewende, wurde das zu lange ignoriert. Dabei bietet der gerade der industrielle Wärmemarkt die größten Potenziale für eine ernsthafte Dekarbonisierung. Zeitgleich können wir damit der großen industriellen Basis in Deutschland einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil liefern. Speicher sind hier das dringend benötigte Mittel, um diese Potenziale zu heben.

Was unterscheidet Sie also von den Wettbewerbern?

Wir können mit unserem bestehenden Lieferantennetzwerk bereits heute wirtschaftliche Projekte anbieten, zum Teil sogar ohne staatliche Subventionen. So haben wir 2019 zwei Projektaufträge erhalten und befinden uns bereits in der Abwicklungsphase. Darüber hinaus entwickeln wir im Kundenauftrag schon neue Projekte in Norwegen, den Niederlanden und Belgien. Das Alleinstellungsmerkmal von EnergyNest ist also die kommerzielle Produktreife und unsere Fähigkeit, schlüsselfertige Projekte für Kunden zu entwickeln, die einen klaren betriebswirtschaftlichen Mehrwert sowie attraktive Investitionsmöglichkeiten bieten.

Sie sitzen in Oslo und Hamburg, was hat Sie zu einem norwegischen Unternehmen geführt?

Mittlerweile sitzen wir in Oslo, Hamburg und Sevilla. Sie sehen, wir wachsen nicht nur stark, sondern entwickeln uns auch geographisch mit einem immer größer werdenden Kundenkreis. Das enorme Potenzial der Technologie ist der Hauptgrund, warum ich mich vor gut fünfeinhalb Jahren für EnergyNest entschieden habe. Da wir bei industriellen Speicherlösungen noch ganz am Anfang stehen und noch viele Herausforderungen gelöst werden müssen, gibt es hier noch nicht so etwas wie eine Komfortzone. Das ist sicherlich ein weiterer Grund, der mich ursprünglich nach Norwegen geführt hat. Mittlerweile verstehen wir uns bei EnergyNest aber eher als einen paneuropäischen Lösungsanbieter und nicht unbedingt als norwegisches Start-up.

Norwegen hat das Privileg, dass es viel Energie aus Wasserkraft nutzen kann. Was kann Deutschland bei der Energiewende von den Norwegern lernen?

Norwegen nutzt schon heute fast ausschließlich Ökostrom und braucht daher deshalb auch keine Energiewende im Stromsektor, wie wir sie derzeit hierzulande durchführen. Darüber hinaus glaube ich mit Blick auf die Skandinavier, dass wir in Deutschland gesellschaftliche Interessen mehr in den Vordergrund stellen sollten als die wirtschaftlichen Interessen einzelner Marktteilnehmer. Mit einem klaren Zielgerüst und einer für alle verständlichen Vision, wo es hingehen soll, lässt sich mehr erreichen als heute. Daraus können wir auch neue, vor allem regional basierende Standbeine und Zukunftsindustrien ableiten.

Inwieweit hat die sich immer stärker ausbreitende Corona-Krise Einfluss auf Ihr Geschäft?

Corona hat wahrscheinlich einen erheblichen negativen Einfluss auf viele Start-ups weltweit. Auch wir spüren das, aber bis dato nur in abgemilderter Form. Wir haben glücklicherweise im Dezember letzten Jahres eine große Finanzierungsrunde durchgeführt und haben somit erstmal genügend Geld eingesammelt. Mit unseren derzeit zwölf Mitarbeitern sind wir aber auch schlank aufgestellt. Das ist in der aktuellen Lage ein großer Vorteil.

Wo sehen Sie den attraktivsten Markt für ihren Speicher? Und braucht es zusätzliche Rahmenbedingungen von Seiten der Politik?

Aus unserer Sicht ist der Industriesektor eines der attraktivsten Marktsegmente. Dazu gehören energieintensive Betriebe wie Stahlwerke, Chemieparks, Glasproduzenten, Bierbrauereien, Aluminiumhersteller und viele weitere. Unser Wertschöpfungsmodell zielt darauf ab, bei Kunden fossile Brennstoffe wie Erdgas einzusparen und dadurch den CO2-Fußabdruck zu verringern. Die externen Kosten, die durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern entstehen, werden von den aktuellen CO2-Preisen nicht abgebildet, das ist auch die Ansicht zahlreicher Wissenschaftler. Aber auch neben einem ambitionierten CO2-Preis gibt es für Betriebe noch zu geringe wirtschaftliche Anreize, Emissionen zu vermeiden. Hier wäre eine viel aktivere Rolle der Politik sicherlich hilfreich.

Welche Trends und Geschäftsmodelle halten Sie bei Speichern derzeit für vielversprechend?

Bei EnergyNest beobachten wir ein steigendes Interesse an vollfinanzierten, schlüsselfertigen Projekten insbesondere bei Industriekunden. Dazu erarbeiten wir derzeit ein neues Geschäftsmodel für unsere Kunden, das für beide Seiten gewinnbringend ist. Es funktioniert im Prinzip wie ein Leasingmodell: Der Kunde kann die Speicheranlage durch seine jährlichen Energiekosteneinsparungen finanzieren und wir haben ein vom reinen Projektgeschäft entkoppeltes Geschäftsmodell mit jährlichen Einnahmen.

Das Interview führte Niels H. Petersen.


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Kommentare

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Denkender Bürger 23.04.2020, 15:53:42

Ist ja toll, daß das Speicherproblem nun endlich als Thema auf die Tagsordnung genommen wird.

Ich habe mir diesbezüglich lange genug den Mund fusselig geredet und mußte mir hier und anderswo in Foren von technischen Laien genug Schelte dafür anhören. Dabei steht und fällt die Energiewende mit der Frage der Speicher!

Insofern ist der Artikel für mich eine große Genugtuung.


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