Automotive Package: Abgeschwächtes Verbrenner-Verbot erntet Kritik von allen Seiten

Die EU-Kommission bekommt selbst von der Autoindustrie keinen Beifall für den Vorschlag, nach 2035 noch neue Autos mit Verbrenner-Motor zuzulassen. Die Industrie findet die Bedingungen unakzeptabel. Klimaschützer bezeichnen das Vorhaben als Irrweg.
19.12.2025 – So ist es wohl, wenn politische Kompromisse gemacht werden. Am Ende kommt beim Versuch, es allen recht zu machen, etwas Kompliziertes zustande, dass keinem so richtig gefällt. Die Abkehr vom Verbrenner-Aus ist so ein Fall.
Bislang gilt: ab 2035 null Emissionen am Auto-Auspuff. Das führt zu einem de-facto-Verbot für Neuzulassungen von Verbrennerfahrzeugen. Auch auf Drängen Deutschlands soll diese als Verbrenner-Aus bezeichnete Klimaschutzvorgabe aufgeweicht werden. Die Europäische Kommission legte dazu in dieser Woche einen Vorschlag vor, genannt Automotive Package.
Für Automobilhersteller wird nun eine Flexibilitätsoption von 10 Prozent ab 2035 vorgeschlagen. 90 Prozent der Emissionen müssen weiterhin am Auspuff vermieden werden. Die verbleibenden 10 Prozent können kompensiert werden – über den Einsatz von CO2-reduzierten Materialien, z. B. grünem Stahl made in EU (bis zu 7 %) und durch den Einsatz von erneuerbaren Kraftstoffen (bis zu 3 %).
So können unter anderem Plug-in-Hybride (PHEV), Range Extender (Reichweitenverlängerer) oder Mild-Hybride (Fahrzeug mit Verbrennungs- und Elektromotor, wobei der kleine Elektromotor den Verbrenner beim Anfahren und Beschleunigen unterstützt) auch nach 2035 neu zugelassen werden. Übrigens ist im Kommissionsvorschlag nur vom Verbrenner die Rede, nicht vom hocheffizienten Verbrenner.
Mit dieser Lockerung des bereits beschlossenen strikten Verbrenner-Aus will die Politik den Automobilsektor beim Übergang zu sauberer Mobilität unterstützen. Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben.
Darlehen für Batteriehersteller und Automobil-Omnibus
Zusätzlich soll die Batteriefertigung Schützenhilfe erhalten in Form von 1,8 Milliarden Euro an zinslosen Darlehen für europäische Batteriezellenhersteller. Mit Entbürokratisierung in Form eines Automobil-Omnibus soll der Verwaltungsaufwand für europäische Hersteller verringert, ihre Kosten gesenkt, ihre globale Wettbewerbsfähigkeit gesteigert und Ressourcen für die Dekarbonisierung freigesetzt werden.
Automobilindustrie kritisiert den Vorschlag
Auf den Vorschlag gab es kaum positive Reaktionen. Selbst die Präsidentin des Verbands der deutschen Automobilindustrie Hildegard Müller fand nur kritische Worte: „Brüssel enttäuscht mit seinem vorgelegten Entwurf.“ Was nach mehr Offenheit aussehe, sei mit so vielen Hürden versehen, dass es in der Praxis wirkungslos zu bleiben drohe. Die Verfügbarkeit von grünem Stahl made in Europe aber auch von E-Fuels liege nicht in der Macht der Autoindustrie. Man sei auf Entwicklungen angewiesen, die man nicht selbst beeinflussen könne. „Das ist das Gegenteil von Planungssicherheit. Wir werden dann bestraft, wenn andere ihre Hausaufgaben nicht machen“, lautet Müllers Kritik. Die Branche hofft nun auf Veränderungen durch das Europäische Parlament und den Rat.
Auch E-Fuels-Branche ist nicht zufrieden
Akteure, die eigentlich jubeln sollten, sind ebenfalls nicht zufrieden. Die eFuel-Alliance, in deren Vorstand unter anderem Unternehmensvertreter von Porsche, BMW, Siemens Energy und ADAC vertreten sind, zeigte sich ebenfalls enttäuscht. Trotz diverser Strategiedialoge und Automobilgipfel wurde das Ziel verfehlt, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie mit den europäischen Klimazielen in Einklang zu bringen. Die weiteren Erfüllungsoptionen treten erst ab 2035 in Kraft, die Obergrenze von 3 Prozent für erneuerbare Kraftstoffe entfalte keine Anreize für den Markthochlauf erneuerbarer Kraftstoffe und limitiere den Markt künstlich.
„Die EU-Kommission heizt das Entweder-Oder in der Antriebsdiskussion erneut an“, kritisiert Ralf Diemer, Hauptgeschäftsführer der eFuel Alliance. „Statt eine wirtschafts- und klimapolitische Signalwirkung zu entfalten, ignoriert der jetzige Vorschlag allerlei Potenziale. Der Einsatz von erneuerbaren Kraftstoffen muss jetzt ermöglicht werden, nicht in zehn Jahren. Die eFuel-Alliance fordert eine Erweiterung der Definition zulässiger erneuerbarer Kraftstoffe, die sofortige Anrechnung erneuerbarer Kraftstoffe, die Aufhebung der 3-Prozent-Obergrenze und eine neue Fahrzeugklasse für erneuerbare Antriebe.
Fatales Signal für Klimaschutz und keine Hilfe für die Industrie
Klimaschützer warnen vor wirtschaftlichen und ökologischen Schäden, die die Aufweichung des Verbrenner-Verbots zur Folge haben könnte. Martin Kaiser, Vorstand von Greenpeace Deutschland kommentierte: „Mit diesem Vorschlag macht die Kommission den chinesischen E-Autobauern ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk und opfert Europas Klimaziele. Statt ihren Rückstand auf dem elektrischen Zukunftsmarkt aufzuholen, werden die europäischen Hersteller mit ihren Investitionen noch weit ins nächste Jahrzehnt auf das tote Pferd Verbrenner setzen.“ Es sei höchste Zeit, auch große Flottenbetreiber zum Umstieg auf Elektromobilität zu bewegen. Der geplante Einsatz von Bio-Sprit sei dafür nicht geeignet. „Allein um zehn Prozent des aktuellen deutschen Spritverbrauchs mit Bio-Fuels zu decken, bräuchten wir alle landwirtschaftlichen Flächen Bayerns“, sagte Kaiser. Greenpeace Deutschland tritt für einen Stopp des Vorhabens ein.
Michael Bloss, Schattenberichterstatter der Grünen für die Flottengrenzwerte im Europäischen Parlament, hält das Vorhaben für ein fatales Signal, das Verbraucher und Industrie verunsichere und den Klimaschutz schwäche. „Statt kluger Weichenstellungen bekommen wir ideologische Irrfahrten der Union. Der Weltmarkt hat längst entschieden, dass die Zukunft der Elektromobilität gehört. Wer die Antriebswende verschläft, vernichtet Arbeitsplätze. Das Problem der europäischen Automobilindustrie ist nicht ein Gesetz, das in 10 Jahren greift, sondern dass in China fast keine europäischen Autos mehr verkauft werden.“ Dass die EU-Kommission diesen Weg beschreiten will, bezeichnet Bloss industriepolitische Blindheit.
IG Metall findet Vorschlag gut
Die IG Metall äußerte sich zufrieden mit dem Vorschlag. Sie sieht darin die Chance, den Wandel der Beschäftigung an vielen Standorten gemeinsam mit Gewerkschaften und Betriebsräten besser gestalten zu können. Alles, was jetzt folgt, müsse Arbeitsplätze sichern und industrielle Strukturen stärken, gerade bei den Zulieferern. pfpf















































