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Urbane MobilitätIn der Coronakrise nimmt die Verkehrswende Fahrt auf

Bild einer breiten Straße in Brüssel, auf der viele Fahrradfahrer unterwegs sind und keine Autos.
So könnte es in Brüssel bald dauerhaft aussehen. Bislang ist dies nur bei den jährlich stattfindenden autofreien Sonntagen möglich. (Bild: European Cyclists' Federation / flickr.com, CC BY 2.0)

In Berlin ploppen immer mehr Radwege auf. In Brüssels Zentrum haben Fußgänger und Radfahrer künftig Vorrang. Auch Mailand plant mehr Platz für Outdooraktivitäten ohne Auto. Die Coronakrise sorgt für eine Verkehrswende. Die Frage ist, für wie lange?

28.04.2020 – Im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg konnten Radfahrer in den vergangenen Wochen wiederholt jubeln. Als erster Bezirk Deutschlands nahmen die Verantwortlichen die Corona-Pandemie zum Anlass, im Schnellverfahren gesicherte Radwege zu installieren. Weichen mussten dafür Autospuren. Sieben dieser breiten Radwege wurden in den letzten Wochen im ganzen Bezirk installiert. Erst letzte Woche kamen in beide Richtungen Spuren auf dem Kottbusser Damm hinzu. Bislang fehlten auf dieser Hauptverkehrsader zwischen Kreuzberg und Neukölln Radspuren größtenteils. 15 Kilometer geschützte Radwege wurden in den vergangenen Wochen geschaffen. Viele weitere sollen noch folgen. Auch in anderen Berliner Bezirken sind die Planungen für sogenannte Pop-Up-Radwege teilweise weit vorangeschritten.

Vorbild ist das kolumbianische Bogotá. Um den ÖPNV zu entlasten und Verkehrsunfälle zu vermeiden, hat die Stadt insgesamt 117 Kilometer neuer Radwege erschaffen. Wie in Berlin wurden Spuren auf Hauptverkehrsstraßen komplett zu Fahrradspuren umgewidmet. Auch die Metropole New York folgte dem Beispiel Bogotás. In Europa arbeitet neben Berlin auch Paris an der Umwidmung von Autospuren in Fahrradstreifen. 11 größere Pop-Up-Bikelanes quer durch die Stadt sind geplant. Insgesamt werden gerade 650 km Radwege in Paris fitgemacht für das Ende des französischen Lockdowns Mitte Mai. Das sorgt in der Coronakrise nicht nur für Entlastung des ÖPNVs, Radfahrer und Fußgänger können so auch besser Abstand voneinander wahren.

Brüssel und Mailand wollen dem nicht motorisierten Verkehr Vorrang geben

Auch Brüssel will im Zuge der Corona-Pandemie dafür sorgen, dass der nicht motorisierte Verkehr mehr Platz im öffentlichen Raum erhält. Ab dem vierten Mai dürfen Autos und öffentliche Verkehrsmittel im Stadtzentrum nur noch 20 km/h fahren. Fußgänger und Radfahrer dürfen sich dann überall aufhalten und haben auch auf Straßen gegenüber Autos Vorrang. Mit Ausnahme von Straßen mit Tramverkehr sollen Ampeln dann überall nur noch gelb blinken. Derweil wird ab 2021 im ganzen Brüsseler Stadtgebiet nur noch Tempo 30 gelten. Auch Mailand wird Tempo 30 im gesamten Stadtgebiet einführen. Ab Sommer soll die neue Regelung gelten. Darüber hinaus werden 35 km an Straßen von Auto- zu Fahrradwegen umgewidmet. An vielen Stellen soll der nicht motorisierte Verkehr dann ebenfalls Vorrang vor Autos erhalten.

Bleiben die Maßnahmen auch nach der Coronakrise erhalten?

Dabei sorgen die Maßnahmen nicht nur für mehr Platz, auch die Luftqualität verbessert sich durch die Verdrängung des motorisierten Verkehrs spürbar. Und das hat mit großer Wahrscheinlichkeit Auswirkungen auf die schwere der Krankheitsverläufe von Covid-19. Bereits bei der SARS-Epidemie 2003 zeigte sich, dass Menschen in Gegenden mit erhöhter Luftverschmutzung ein 84 Prozent höheres Risiko hatten zu sterben. Auch eine neue Studie aus den USA weist für SARS-CoV-2 auf ähnliche Tendenzen hin. Mehr Fuß- und Radverkehr kann also dafür sorgen, dass die schwere an Krankheitsverläufen von Lungenkrankheiten in Zukunft abnimmt.

Und Brüssel kündigte bereits an, dass die Maßnahmen im Stadtzentrum für unbestimmte Zeit gelten. Auch Mailand plant den Umbau des Verkehrs langfristig zu gestalten. In Berlin ist zwar die Rede von temporären Radverkehrsanlagen, doch viele der Radwege sind ohnehin geplant. Die zuständige Verkehrs- und Umweltsenatorin erklärte gegenüber der Deutschen Presse Agentur: „Unser Ziel ist es, aus den vorgezogenen Maßnahmen möglichst überall dauerhafte Anordnungen zu machen.“

Während Berlin voranprescht, ist aus anderen deutschen Städten wenig zu vernehmen, was auf eine beschleunigte Verkehrswende hindeutet. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat in diesem Zuge inzwischen in 203 Städten Anträge auf temporäre Umwidmung von Verkehrsflächen gestellt, wie die Einrichtung von Fahrradstraßen. Laut DUH hat der Anteil von Fahrradfahrern am Verkehrsmix, im Zuge der Corona-Pandemie und verringerter Angebote von Bus und Bahn, seit Januar um 250 Prozent zugenommen. mf