Good Mobility FoundationInfrastructure follows Mobility – neuer Think Tank in Berlin

Straßenbaustelle mit einem Mann in schwarzer Jacke und Mobiltelefon und einem Bus im Hintergrund
Viele Baustellen in Berlin: Mobilität und städtische Infrastruktur sollten zusammen gedacht und geplant werden. (Foto: Boring Eyes on Unsplash)

Der neu gegründeten Stiftung Good Mobility Foundation geht es darum, ein jahrzehntelanges, teures Strukturproblem aufzubrechen: Das strikte Silodenken zwischen den zwei größten CO2-Emittenten Deutschlands – dem Verkehrs- und dem Immobiliensektor.

12.06.2026 – Ein radikaler Paradigmenwechsel für die deutsche Stadt- und Regionalentwicklung stehe bevor, sagen die Gründer der gemeinnützigen Stiftung Good Mobility Foundation (GMF) in Berlin. Initiiert und ins Leben gerufen wurde der neue Think Tank von Ingo Kucz und Christian Scheler. „Unsere Gesellschaft steht vor einer der größten Transformationen ihrer Geschichte: Wohnungsnot, Klimaanpassung, Mobilitätswende, dazu schwierige politische Prozesse. Entscheidungen, die kurzfristig in den kommenden Monaten und Jahren getroffen werden, bestimmen, wie Deutschland in fünfzig bis hundert Jahren aussehen wird“, so die beiden Gründer. „Bisher werden Mobilität und Bauen in getrennten Welten, Ministerien und Regelwerken verhandelt. Die GMF tritt an, um diese künstliche Trennung aufzulösen: Mobilität ist essenzieller Teil des täglichen Erlebens. Die Mobilität soll die Infrastruktur formen, nicht anderseherum.“

GMF verspricht fokussierte Arbeit für das Übermorgen

Wie will der Think Tank das große Ziel angehen? Während die GMF als eigenständige Organisation strategisch und diskursiv am Feld von übermorgen arbeiten will – durch die Produktion von Studien, Thesenpapieren und Interventionen in Gesetzgebungsverfahren –, kooperiere sie eng mit dem Good Mobility Council, der mit seinem System Certified Good Mobility die Qualität der Mobilität an Immobilien auszeichnet. Zu den ersten konkreten Schritten der Foundation nach der Gründung im Juni gehört laut Gründern die Ausarbeitung von Impulspapieren für das Jahr 2026 – unter anderem zur gravierenden Mobilitäts-Lücke und der Immobilienfinanzierung. Zudem startet die Konzeption für eine umfassende Szenariostudie zur „Zukunft von Mobilität und Immobilienwirtschaft 2034“, die Ende 2026 veröffentlicht werden soll.

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Nachgefragt

Vorbild Paris

Die Mobilitätswende birgt in jeder Stadt individuelle Herausforderungen. Dennoch liefern Paris und auch Oslo wertvolle Impulse für seine Arbeit, sagt der Hamburger Verkehrssenator Anjes Tjarks im Interview.

Dr. Anjes Tjarks ist seit Juni 2020 Hamburger Senator für Verkehr und Mobilitätswende. Er trat 1998 den Grünen (früher GAL) bei und leitete von 2015 bis 2020 deren Bürgerschaftsfraktion in Hamburg.

Dr. Anjes Tjarks, Senator der Hamburger Behörde für Verkehr und Mobilitätswende.

Manuel Ehlers, Geschäftsführer der Good Mobility Foundation und Experte für nachhaltige Immobilienfinanzierung, kommentiert: „Wir betonieren heute immer noch Parkplätze für Autos, die wir bald nicht mehr besitzen wollen, und binden bis zu 50 Prozent der grauen Energie eines Neubaus in Tiefgaragen. Das ist Zukunftsblindheit. Die wirtschaftlichen Risiken durch veraltete Stellplatzsatzungen oder mangelhafte ESG-Kriterien sind für Banken und Investoren real.“ Als Stiftung wolle man den Finger in diese Wunde legen und zeigen, was unter den Bedingungen von morgen überhaupt noch finanzierbar ist.

Es klaffe eine massive Lücke zwischen dem politischen Wunsch nach lebenswerten Quartieren und der harten Verwaltungswirklichkeit, sagt Meike Niedbal, Vorsitzende des Stiftungsbeirats und Bahn-Managerin a.D. & Staatssekretärin a.D. für Mobilität in Berlin. „Wenn Landesbauordnungen mehrere Dekaden alt sind, bleibt der Klimavollzug aus. Wir müssen im Hier und Jetzt an die Umsetzung herangehen. Ein Hebel ist etwa die Schulwegsicherheit an unseren 33.000 Schulen: Wer Schulbau und Erschließung intelligent verknüpft, nimmt Eltern den alltäglichen Auto-Stress und schafft echte Lebensqualität.“

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Weiß gestrichenes Fahrrad („Ghost Bike“) ist an einen Laternenmast gekettet, als Gedenkstelle für einen tödlich verunglückten Radfahrer. Am Rahmen hängt ein Schild mit der Aufschrift „Radfahrer 88 Jahre 18.06.2018“. Auf dem Boden davor stehen mehrere rote Grabkerzen. Im Hintergrund verläuft eine Straße mit Geländer und Gebäuden.
Radverkehr

Zahl getöteter Radfahrer steigt und Berlin will den Radwegeausbau bremsen

Im vergangenen Jahr starben in Deutschland 462 Radfahrer. Besonders häufig trug der Autoverkehr Schuld an den tödlichen Unfällen. Sichere Radwege sind ein zentrales Ziel des Berliner Mobilitätsgesetzes. Das aber wird aktuell zurückgedreht.

„Der Zugang zu angemessenem Wohnraum und adäquater Mobilität darf kein Privileg sein – beides sind grundlegende Menschenrechte“, meint Gereon Uerz, Stiftungsbeirat und Nachhaltigkeits-Experte für Immobilien & Mobilität. „Aktuell sehen wir jedoch eine tiefe soziale Ungerechtigkeit und den systematischen Ausschluss vieler Gruppen. Wenn bezahlbarer Wohnraum vom öffentlichen Nahverkehr abgeschnitten ist oder die gebaute Umwelt durch fehlende Barrierefreiheit den Alltag blockiert, spaltet das unsere Gesellschaft. Wir müssen Wohnungsbau und Infrastruktur von Anfang an inklusiv und resilient zusammendenken, um echte Teilhabe für alle Menschen zu sichern.“

In der Tat ist die Mobilität ein Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Experten des Öko-Instituts haben vor kurzem in der Studie Access Denied die Dimensionen der Transportarmut in 33 europäischen Ländern skizziert. Im Schnitt haben demnach rund 15 Prozent der Menschen in Europa keinen ausreichenden Zugang zum ÖPNV. Zu den Ursachen für mangelnde Mobilität zählten laut Studie neben soziökonomischen Faktoren eine schlecht konzipierte und unzureichende Verkehrsinfrastruktur sowie der Mangel an anderer notwendiger Infrastruktur vor Ort.

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Im Schnitt haben rund 15 Prozent der Menschen in Europa keinen ausreichenden Zugang zum ÖPNV. Experten des Öko-Instituts skizzieren die Dimensionen der Transportarmut in 33 europäischen Ländern sowie Wege, die Situation zu verbessern.

Quartiersbau ganzheitlich denken

„Wir befinden uns im Jahrhundert der Resilienz. Klimaextreme und demografische Verschiebungen stellen alternde Infrastrukturen akut infrage“, gibt Prof. Stephan Rammler, Wissenschaftlicher Gründungsdirektor und Mobilitäts- & Zukunftsforscher, zu bedenken „Wie widerstandsfähig ein Gebäude oder ein Quartier über die nächsten 50 Jahre bleibt, entscheidet sich an der Schnittstelle von Bewegung und Ort. Die Foundation wird mit fundierter Wissenschaft und klaren Zukunftsszenarien die dringend notwendige Debatte über Resilienz-Designs in die Breite tragen.“

Weg von der Immobilie als statischen Klotz und hin zu vernetzten Quartieren, rät auch Reiner Müller, Stiftungsbeirat und Internationaler Projektentwickler für Immobilien. „Wir können es uns nicht mehr leisten, Gebäude zu bauen und die Erschließung erst im Nachgang mitzudenken. Das Prinzip ‚Mobilität bestimmt die Form‘ gehört in die Köpfe der Bauwirtschaft. Noch scheitern weitsichtige Konzepte an veralteter Bauplanung und behördlichen Dogmen.“ Als Teil der Stiftung wolle er den ungeschönten Praxisbezug großer Bauvorhaben einbringen, „um das Schisma zwischen Bauen und Bewegen aufzubrechen. Eine echte Verknüpfung der Sektoren ist heute nicht nur ökologisch notwendig, sondern wirtschaftlich hochgradig attraktiv.“ na

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