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VerkehrswendeKroatische Pioniere der E-Mobilität

Statue von Nikola Tesla im kroatischen Smiljan
Schon vor über einem Jahrhundert bewegte ein Kroate die Welt mit elektrisierenden Innovationen – Statue von Nikola Tesla im kroatischen Smiljan. (Foto: Zátonyi Sándor, (ifj.) Fizped / Wikimedia Commons / CC BY 3.0)

Vor über einem Jahrhundert bewegte ein Kroate die Welt mit elektrisierenden Innovationen. Heute sorgt sein Landsmann Mate Rimac für Furore in der E-Mobility. Der ausgegründete E-Bike-Hersteller Greyp besticht durch neue Produkte und will mit alltagstauglichen City-Bikes seine Landsleute überzeugen.

07.01.2022 – Tesla ist wahrlich nicht nur eine amerikanische Story. Nein, die Geschichte dieses Namens beginnt in einem kleinen Dorf in den zentralkroatischen Bergen, genauer gesagt in Smiljan. Dort nämlich erblickte der geniale Erfinder und Elektroingenieur Nikola Tesla als Sohn eines serbisch-orthodoxen Priesters in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts das Licht der Welt.

Heute befindet sich an diesem Ort des für die Welt der Elektrizität bahnbrechenden Mannes ein Museum. Es wird von Menschen aus allen Teilen der Welt besucht, die von dem Pionier des Wechselstroms mehr erfahren wollen. Ihnen begegnet an dieser behutsam gestalteten Gedenkstätte das illustre Leben eines Naturwissenschaftlers, der mit seinen Ideen und Erfindungen herausragende technische Leistungen voranbrachte. Und: „Er wollte die Welt und die Menschen miteinander verbinden“, steht in Smiljan auf einer Tafel geschrieben.

Tesla gehört Allen

Eine Botschaft, die Nikola Krpan, Managerin des Museums, aus Überzeugung an die nächste Generation weitergibt. Beispielsweise an die Schülerinnen vieler Schulklassen, die aus allen Regionen Kroatiens hierherkommen. „Tesla gehört allen“, so Krpan, die im benachbarten Gospić aufwuchs und als Kind den Krieg zwischen Serben und Kroaten hautnah miterlebte, verlief doch die Kriegsfront nur wenige Kilometer weit von ihrem Zuhause. Von daher hat sie keinerlei Verständnis für politische Verwerfungen zwischen Serbien und Kroatien, die erst jüngst aufflammten, als Kroatien erklärte, den serbischen Kroaten Nikola Tesla auf die Rückseite der in zwei Jahren kommenden Euro-Münze zu prägen.

Kroatische E-Mobilitäts-Manufaktur

Rund zweihundert Kilometer weiter nördlich, in Sveta Nedelja, einem westlichen Vorort der kroatischen Hauptstadt Zagreb: Im dortigen Gewerbegebiet neueren Datums, mit Kreisverkehr, konventioneller Tankstelle inklusive Verkauf von Kaffee aus Automaten, einem Einkaufszentrum und wie überall auf der Welt ewiggleichen kubischen Fabrikbauten mit asphaltiertem Gelände rundherum, ist die Manufaktur des Herstellers exklusiver E-Bikes, die Greyp Bikes d.o.o. anzufinden.

Sie wurde einst gegründet von Mate Rimac, dem kroatischen Shooting-Star der elektrisch fahrenden Luxus-Automobilität. Der 33-Jährige begann vor rund einem Jahrzehnt in einer Garage, so das Narrativ, an Automobilen herumzubasteln, sie zu tunen. Nicht ohne Resultat, denn in rasant kurzer Zeit entstand sein erster elektrisch betriebener Rennwagen namens „Concept One“, der in Kroatien, aber auch international für Furore sorgte.

Elon Musk des Balkans

Mittlerweile ist aus seiner Garagenfirma ein Unternehmen mit vielen hundert Mitarbeitern geworden, die in bemerkenswerter Weise stringent an der Weiterentwicklung von elektrischen Super-Luxusboliden weiterarbeiten. Das allerneueste Modell ist der Nevera, von dem Thomas Geiger (FAZ) in einem Youtube-Beitrag ebenso schwärmt wie der frühere Formel-1-Rennfahrer Niko Rosberg.

Aber nicht nur Promotion und Medien sind vom „Elon Musk des Balkans“ begeistert, sondern auch die Entscheider bei Porsche scheinen beeindruckt zu sein: Sie haben im Juli 2021 das Joint-Venture Bugatti Rimac gegründet, um das globale Superreichen-Segment mit dem Nevera zu erobern, der knapp 2.000 PS elektrisch unter der Haube hat und eine atemberaubende Spitzengeschwindigkeit von 412 Stundenkilometer erreichen soll.

Dabei steht für die Porsche-Vorstandsriege besonders die Batterietechnologie im Fokus ihres strategischen Interesses. Kann doch das Automobil durch ein 250 kW-Schnellladesystem innerhalb einer halben Stunde auf 80 Prozent der Akkuladung geladen werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt sicherlich auch in der speziellen Entwicklung von digitalen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine.

Mehr Power auf zwei Rädern

Wenngleich das schicke Ungetüm auf vier Rädern in Zeiten den Klimawandels das wohl überflüssigste Produkt schlechthin ist und dennoch bald im geplanten futuristischen Produktionskomplex Kampus Rimac gebaut werden wird, geht die E-Fahrradproduktion von der ausgegründeten Schwesterfirma Greyp Bikes in unmittelbarer Nachbarschaft unbeirrt eigene Wege. Das Management beabsichtigt neben der bisher sehr exklusiven E-Spezialbike-Produktion zukünftig auch neue Produkte für breitere Käuferschichten zu lancieren: Man will ein alltagstaugliches E-Bike produzieren.

„Wir arbeiten intensiv an einem neuen Modell, das für die Nutzung in der City taugt“, erklärt Rea Berger in Sveta Nedelja, „wir hoffen, obwohl sich durch Covid-19 einiges verzögert hat, mit so einem E-Bike schon bald auf den Markt zu kommen.“

Der Preis soll dann weiter unter 5.000 Euro liegen. „Wir sehen für so ein Modell große Marktpotenziale in Großbritannien, Schweiz, Deutschland, Italien und Österreich“, erklärt die PR-Frau, während ein Mitarbeiter mit einem Hochdruckreiniger ein hochpreisiges und rund 150 Kilogramm schweres Mountainbike-Modell reinigt. „Wir hatten am Wochenende ein Downhill-Event, da war es im Einsatz“, erläutert Berger.

Digitale Spielereien

Die 42-Jährige zeigt offenherzig das Innenleben der Fahrradmanufaktur, in der auffällig viele junge Leute arbeiten. Insgesamt 100 Mitarbeiter sind derzeit auf der Gehaltsliste des Herstellers, der seit 2016 unabhängig von Rimac Automobili agiert.

Zu den jungen Mitarbeitern gehört auch Karmela Petrović, die für die produkteigene Software zuständig ist. Sie teilt sich in einem kleinen Büro ihren Arbeitsplatz mit weiteren Mitstreiterinnen. Die 28-Jährige kommt ursprünglich aus Slovanksi Brod einer Stadt im östlichen Landesteil Slawonien. Sie hat Computer-Science studiert und vor ihrer Beschäftigung bei Greyp Bikes schon fünf Jahre Erfahrung in der Softwareindustrie sammeln können.

Ohne App kein Spaß

Petrović leitet ein Team von sechs Mitarbeiterinnen, die sich um die Software der Fahrräder kümmern. Es geht dabei vor allem um die Weiterentwicklung der Apps, in denen die Nutzer eine Reihe von Parametern wie Geschwindigkeit, Kurs, Höhenmeter und Fitness (Puls etc.) erfahren können. Zudem liefern zwei integrierte Kameras, die sowohl vorne an der Lenkstange als auch am Heck montiert sind, optional jederzeit Live-Filmmaterial. „Die Kameras sind extrem wichtig, damit punkten wir bei unseren Kunden“, weiß Rea Berger um die Aspekte eines vermeintlich wichtigen Selbstperformings in sozialen Medien.

In manchen Räumen von Greyp arbeiten vier, fünf Leute dichtgedrängt vor ihren Bildschirmen. Die Stimmung ist locker, aber konzentriert. Auch ein Deutscher, Jan Meister, ist im innovativen Team; er ist in der Konstruktionsabteilung beschäftigt. Seine Bürowand ist komplett mit kleinen Spickzetteln tapeziert, auf denen Begriffe wie „Stimulation“, „Autonomy“, „Relatedness“, „Significance“ und „Company“ notiert sind. Wäre Jan nicht im Urlaub, hätte er sicherlich erzählt, was sich hinter diesen Termini konzeptionell verbirgt.

High-Tech-Fertigung

Während sich Konstruktion, Software-Weiterentwicklung und Administration in den oberen Stockwerken befinden, führt eine Holztreppe zu den im Parterre befindlichen Herstellungsräumen. Dahinter schließt sich direkt eine Lagerhalle an, dann gibt es noch ein Rapid Manufacturing Labor und ein Raum für die Batteriefertigung. Dort löten einige Mitarbeiter die am Ende 3-Kilogramm schwere Fahrradbatterie aus kleinen Modulen zusammen. Die Batterie lässt sich nach Angaben von Berger rund tausendmal problemlos laden und ist leicht vom Rahmen abnehmbar.

Im Montagesaal fügen ein halbes Dutzend Mitarbeiter aus rund 60 Einzelteilen – darunter die Batterie mit einer Speicherkapazität von 700 Wattstunden und der taiwanische Elektromotor – zu High-Tech-Fahrrädern zusammen. Für jedes Exemplar braucht es rund 3,5 Stunden Arbeitszeit, dann sei es fertig montiert, so Berger. Die anschließende Qualitätskontrolle nimmt eine weitere Stunde in Anspruch.

Landsleute überzeugen

In diesem Jahr werden rund 1.000 Zweiräder die Fabrik verlassen. Hunde huschen zwischen den verschiedenen Arbeitsplätzen herum. „Wir sind eine hundefreundliche Firma“, sagt Berger. Okay, hundefreundlich – aber wie sieht es eigentlich mit Fahrradfahren in Zagreb aus? „Na ja, ganz ehrlich, das ist noch nicht so doll, aber trotzdem entsteht auch in unser doch sehr autoaffinen Kultur ein neues Bewusstsein für das zweirädrige Fortkommen. Es wird langsam besser.“

Sie selbst fährt ein E-Bike, allerdings nicht an den Werktagen, muss sie doch von ihrem Wohnort im Zentrum von Zagreb bis hin zum Gewerbegebiet in Sveta Nedelja eine Distanz von mehr als 20 Kilometern zurücklegen. „Das ist für mich zu viel, daher lege ich meinen Arbeitsweg mit dem Auto zurück“, gesteht sie; und nutzt ihr Fahrrad nur in der Freizeit.

Wer in letzter Zeit in Zagreb war und die schöne Innenstadt zu Fuß durchquerte oder mit Straßenbahn oder Auto unterwegs war, der hat wahrlich nur wenige Radelnde gesehen. Und noch weniger Radwege. „Das ist ohnehin nicht ganz ungefährlich, sich dort mit dem Fahrrad fortzubewegen“, warnt denn auch Bojan Reščec, kroatischer Länderchef der RP Global, eines international agierenden Energieunternehmens, das Solar- und Windenergieprojekte entwickelt und betreibt.

Zwar befürwortet Reščec die Elektrifizierung des Verkehrs, insbesondere wenn der dafür gebrauchte Strom aus erneuerbarer Quelle kommt, doch fehle es in Kroatien neben der Infrastruktur noch am energiepolitischen Rahmen, der dies auch möglich machen würde. Obgleich eine Elektrifizierung auf dem Papier gut aussehe, so Reščec, hinke die Realität in vielen Details deutlich hinterher. Leerstehende Parkplätze vor Ladestationen sind ein Beweis dafür.

Auch die Statistik lügt nicht: 50 E-Autos wurden im Schnitt der ersten drei Monate dieses Jahres in ganz Kroatien zugelassen. Das ist Fakt. Das kann auch die große Promo-Parade von E-Edelrennwagen, wie sie Anfang September in Zagreb zu bestaunen gab, nicht wegkaschieren.

Immerhin scheinen die öffentlichen Inszenierungen des smarten Mate Rimac aber nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. „Ich bin ziemlich stolz darüber, dass wir hier in Kroatien Unternehmungen wie Rimac und Greyp haben. Sie zeigen, was in unserem Land möglich ist und zeigen neue Wege in der Mobilität auf“, meint die Filmstudentin Gabriela Žgela mit Nachdruck und sicherlich stellvertretend für viele andere junge Kroaten.

Obschon die Anschaffung eines E-Bikes von Greyp himmelweit über ihrem aktuellen Budget liegt, werde Gabriela sich vielleicht später, nach ihrem Studium, für so ein zweirädriges E-Mobil und gegen ein Auto entscheiden. Das wäre sicherlich ganz im Sinne und in der Tradition von Tesla – dem kroatischen Tesla wohlgemerkt. Dierk Jensen

 


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Kommentare

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ZoGo 08.01.2022, 15:06:39

Nikola Tesla ist alles aber kein Kroate. Jetzt ist er Kroate in den 1990er Jahre ein Sche... Serbe und sein Geburtshaus wurde zerstört. Damals gab es kein Kroatien nur zur Info.

Dierk Jensen 10.01.2022, 14:38:46

+1 Gut

Lieber Leser,

vielen Dank für den Kommentar! Läse man nur die Einleitung, so könnte der Eindruck entstehen, Tesla sei "nur" Kroate. Doch es ist - wie immer - viel komplizierter, weil vielschichtiger, so wie es im Fließtext auch zu lesen ist.

Aber unabhängig von der Herkunft und welcher Nationalität auch immer, ist es doch viel wichtiger, was der Mensch und Wissenschaftler Tesla uns hinterlassen hat.

In diesem Sinne! Dierk Jensen


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