BahnverkehrReaktivierung von Schienen nimmt Fahrt auf

Ein rot-weißer Regionalzug der Deutschen Bahn fährt auf einer eingleisigen Bahnstrecke durch eine ländliche, grüne Landschaft. Der Zug befindet sich in einer leichten Kurve und trägt auf der Frontanzeige das Ziel „Grafing Bahnhof“. Entlang der Strecke wachsen Wiesen und Büsche, im Hintergrund sind dichte Bäume und ein Waldrand zu sehen. Rechts neben den Gleisen verläuft ein schmaler asphaltierter Weg.  Das Bild vermittelt eine ruhige, sommerliche Atmosphäre des Regionalverkehrs im ländlichen Raum.
Der Filzenexpress in Bayern: dank verbessertem Angebot wurden mehr Fahrgäste angelockt (Bild: Renardo la vulpo, Wikimedia, Public Domain)

Die Zeichen stehen auf Reaktivierung. Über 900 Kilometer an Schienenwegen könnten bis 2035 wieder in Betrieb genommen werden, hat die Allianz pro Schiene ermittelt. An anderer Stelle verläuft die Ertüchtigung der Schienenwege aber nur schleppend.

20.05.2026 – In den 1990er und 2000er Jahren schrumpfte das deutsche Schienennetz um rund 13 Prozent – während übrigens die Länge überörtlicher Straßen zunahm. Danach stagnierte die Länge der Schienenwege weitestgehend. Im Sinne von Umwelt- und Klimaschutz wird aber schon lange die Reaktivierung von Schienenwegen gefordert. Und die nimmt einer Analyse des Interessenverbandes Allianz pro Schiene inzwischen wieder Fahrt auf.

Weil die entsprechenden Vorhaben bereits im Bau oder die Genehmigungsprozesse schon weit fortgeschritten sind, könnten innerhalb der nächsten fünf Jahre gut 300 Schienenkilometer wieder ans Netz gehen. Holger Krawinkel ist ehrenamtlicher Reaktivierungs-Experte der Allianz pro Schiene und hatte in den vergangenen Monaten den Stand von Reaktivierungsprojekten in allen Bundesländern abgefragt.

„Wir sind optimistisch, dass in Deutschland bis zum Jahr 2035 mehr als 50 Strecken reaktiviert werden“, sagt Krawinkel. Damit würden mehr als 900 Kilometer Schiene wiederbelebt. Besonders viele Projekte seien in Niedersachsen (107 km), Nordrhein-Westfalen (58 km) und Bayern (54 km) in einem fortgeschrittenen Stadium und würden voraussichtlich in den kommenden vier Jahren reaktiviert. Innerhalb der nächsten zehn Jahre hätten auch Rheinland-Pfalz (176 km) und Baden-Württemberg (127 km) großes Potenzial für Reaktivierungen im dreistelligen Kilometerbereich, so die Allianz pro Schiene.

Angebot verbessert, mehr Fahrgäste angelockt

In der Vergangenheit wurden viele Bahnstrecken aufgrund sinkender Nutzerzahlen stillgelegt, anstatt Maßnahmen zu ergreifen, um die Verbindungen wieder attraktiver zu machen. Dabei gibt es Positivbeispiele, wie bei zuvor dahinsiechenden Strecken das Angebot verbessert wurde, wie Allianz pro Schiene aufzeigt. So verkehrt seit Ende 2015 im Osten Niedersachsens, zwischen Hannover, Hildesheim und Wolfsburg, der „enno“ der Metronom Eisenbahngesellschaft. Der bietet Züge mit WLAN und Steckdosen und zu Stoßzeiten dank Doppeltraktion über 500 Sitzplätze pro Zug. Die Fahrgastzahlen vervierfachten sich.

Um 160 Prozent stiegen die Fahrgastzahlen zwischen 2014 und 2019 auf einer Strecke in Bayern. Der sogenannte Filzenexpress verkehrt im Stundentakt zwischen Wasserburg am Inn und München Ost sowie verdichtet zu den Hauptverkehrszeiten und einem verlängerten Angebot bis in den späten Abend. Dabei sollte die Strecke ursprünglich einmal stillgelegt werden – Bürger:innen wehrten sich jedoch erfolgreich dagegen.

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Auch reaktivierte Strecken machen von sich Reden. Nach 45 Jahren wurde der Schienenpersonennahverkehr auf der Strecke zwischen der Grafschaft Bad Bentheim und Neuenhausen im Süden Niedersachsens wieder aufgenommen. In diesem Zuge wurden die Bahnhöfe Bad Bentheim und Nordhorn modernisiert, die beide von der Allianz pro Schiene als Bahnhöfe des Jahres ausgezeichnet wurden. Zudem gibt es Pläne für einen weiteren Ausbau der Strecke in die Niederlande.

In Rheinland-Pfalz fahren seit März 2025 und damit erstmals seit 1983 wieder Personenzüge auf der Trierer Weststrecke. Hier wurden fünf neue Haltepunkte errichtet, die die Nutzung für viele weitere Menschen attraktiv macht. Mit zwei Linien werden die fünf neuen Haltstellen im Halbstundentakt bedient. Auch wurde mit der Reaktivierung wieder eine Verbindung ins Nachbarland Luxemburg erschlossen.

Verbessertes Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz

Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, sagt: „Wir haben jahrelang beklagt, dass es bei der Reaktivierung in Deutschland nur langsam voranging. In den vergangenen Jahren wurde teilweise kein einziger Schienenkilometer reaktiviert, bestenfalls eine niedrige zweistellige Kilometerzahl – trotz des großen Potenzials. Jetzt sehen wir, dass deutlich Bewegung in die Sache kommt. Viele vor langer Zeit angeschobenen Reaktivierungsvorhaben nehmen Fahrt auf, und die Schiene kommt zurück in die Fläche.“

Das liege neben dem oft großen Engagement der Menschen vor Ort auch daran, dass sich die Fördermöglichkeiten durch den Bund über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz verbessert haben. Seit der Novelle des Gesetzes 2019 gibt es Fördersätze von 75 bis 90 Prozent. Vom Bundesverkehrsministerium gab es 2025 einen Fördertopf von insgesamt zwei Milliarden Euro. Ab 2026 soll diese Topf um 1,8 Prozent pro Jahr ansteigen. Stehen die Förderungen insgesamt für Verbesserungen der Verkehrsverhältnisse in Gemeinden bereit, werden Elektrifizierung und Reaktivierung von Schienenstrecken ausdrücklich als Verwendungszwecke genannt.

Die Länder sollten nun auch viel stärker als bisher Mittel aus ihrem Anteil am Sondervermögen nutzen, um Planungsprozesse für Reaktivierungen voranzutreiben, fordert Allianz pro Schiene. Zudem solle der Bund die Regionalisierungsmittel erhöhen, um die Grundlage für den weiteren Angebotsausbau auch durch Streckenreaktivierungen zu schaffen. Dirk Flege sagt: „Bisher ist es so, dass die mit einer Reaktivierung verbundenen Infrastruktur-Investitionen gefördert werden können. Doch ist die Strecke dann in Betrieb, muss das Zugangebot auf der reaktivierten Strecke aus den ohnehin knappen Regionalisierungsmitteln finanziert werden. Hier würde eine Erhöhung der Regionalisierungsmittel durch den Bund helfen, da die Betriebskosten sonst immer wieder ein Hindernis für den Angebotsausbau darstellen.“

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Weniger als zwei Prozent digitalisiert

Schleppend verläuft hingegen weiter die Digitalisierung der Schienenwege. Weniger als zwei Prozent der Bundesschienenwege sind bislang mit dem European Train Control System (ETCS) ausgestattet. das digitale europäische Zugsicherungssystem ist Teil des künftig angedachten einheitlichen Europäischen Eisenbahnverkehrsleitsystems (ERTMS), dass helfen soll den länderübergreifenden Zugverkehr zu verbessern. Europaweit sind bereits 9 Prozent des europäischen Schienennetzes mit ETCS ausgestattet.

Mit der nun vom Bundesverkehrsministerium eingerichteten ERTMS-Koordinierungsstelle zur Steuerung aller Maßnahmen rund um die Digitalisierung der Schiene in Deutschland, ist inzwischen ein wichtiger Schritt getan. Dirk Flege, sagt: „Wir begrüßen es ausdrücklich, dass nach jahrelanger Diskussion nun unter Federführung des Bundesverkehrsministeriums eine Koordinierungsstelle für die Digitalisierung der Schiene eingerichtet wurde. Damit gibt es erstmalig eine Organisationsstruktur dafür, wie Branche, Bund und Länder das Thema Digitalisierung der Schiene operativ steuern wollen.“ Zudem gelte es nun auch die Finanzierung der Digitalisierung sowohl für die Schienenwege als auch die Fahrzeuge sicherzustellen.

Die Mittel für die Digitalisierung sollen zuvorderst aus dem Sondervermögen des Bundes fließen. 2025 flossen in die Digitalisierung 1,59 Milliarden Euro. 2026 sind 2,45 Milliarden veranschlagt. In der Mehrjahresplanung sollen es mehr als 12 Milliarden Euro werden. mg

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