Öffentliche Ladeinfrastruktur: Schneller laden als tanken - Politik am Zug

Öffentliches Laden in Europa erreicht die Massenmarktreife: Schnellladen treibt die Akzeptanz, doch Netzengpässe und ein negativer politischer Ton bremsen die nächste Wachstumsphase, so Branchenvertreter in Berlin.
04.09.2026 – Das öffentliche Laden in Europa tritt in eine neue Phase ein, in der Technik, Nutzererfahrung und Geschäftsmodell schneller zusammenwachsen, als viele Beobachter vermuten. Das war die gemeinsame Einschätzung führender Vertreter von Hubject, dem BDEW und EnBW Charging, im Rahmen eines Pressegesprächs anlässlich der "Intercharge Network Conference 2026" ("icnc26") in Berlin. Die Diskussion ging dabei über die reinen Zulassungszahlen hinaus und konzentrierte sich auf die Infrastruktur sowie das politische Narrativ, die darüber entscheiden werden, ob Elektromobilität wirklich skalieren kann.
Industrie erreicht neue Reifephase
Christian Hahn, CEO von Hubject, setzte den Ton, indem er auf das industrielle Gewicht verwies, das der Sektor inzwischen erreicht hat. „Nach 15 Jahren Entwicklung ist die Industrie da, und sie muss auch dort bleiben", sagte er und verwies auf 1,7 Millionen Elektrofahrzeuge, die 2025 in europäischen Werken produziert wurden, sowie auf mehr als 2,6 Millionen Neuzulassungen im europäischen Markt. Die nächste Phase, so Hahn, sei der Übergang in einen echten Massenmarkt, der sowohl eine höhere Akzeptanz bei den Verbrauchern als auch eine größere Reife des umgebenden Ökosystems erfordere. „Was wir brauchen, ist Skalierung. Nur so können wir sicherstellen, dass Angebot und Produkte weiterhin zur Nachfrage der Nutzer passen."
Schnellladen überzeugt die Nutzer
In Deutschland sind derzeit rund 214.000 öffentliche Ladepunkte in Betrieb, und im ersten Halbjahr 2026 sollen 1.000 weitere Schnelllader hinzukommen. Für Kerstin Andreae, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des BDEW, war das Schnellladen der eigentliche Wendepunkt für die Branche. „Das Schnellladen war der Gamechanger für die Elektromobilität", sagte sie und erinnerte an frühere Jahre, die von leistungsschwachen kommunalen Ladesäulen geprägt waren. „Als Elektroautofahrerin, die selbst europaweit im Urlaub unterwegs ist, kann ich sagen: Das ist überhaupt kein Thema mehr."
Die Nutzerperspektive scheint dies zu bestätigen. Eine BDEW-Umfrage ergab, dass 94 Prozent der E-Auto-Besitzer wieder ein Elektrofahrzeug kaufen würden und 91 Prozent angaben, dass ihre Erwartungen an das öffentliche Laden erfüllt würden.
Politik hinkt der Realität hinterher
Für Andreae macht dies das aktuelle politische Framing umso frustrierender. „Wir hören sehr viel ‚Aber', und wir müssen weg vom ‚Aber'", sagte sie. „Was wir brauchen, ist eine positive Grundstimmung zur Elektromobilität." Zu oft, so ihre Kritik, werde die Debatte von einzelnen Schwachstellen dominiert statt von der Evidenz dessen, was tatsächlich funktioniere. „Wenn wir immer nur über das reden, was irgendwo nicht funktioniert, dann reden wir viel zu wenig über das, was funktioniert. Diese 94 Prozent sind ein signifikanter Beweis dafür, dass Elektromobilität, wenn man sie einmal erfährt, hält, was sie verspricht."
Andreae übte besonders Kritik an der Diskrepanz zwischen Nutzerrealität und politischer Kommunikation. „Diese positive Wahrnehmung und Haltung zur Elektromobilität ist in Teilen der Politik noch nicht angekommen", sagte sie und verwies auf die anhaltende Debatte über das EU-Verbrenner-Aus 2035 und jüngste Versuche, die CO2-Ziele wieder aufzuschnüren. Deutschland sollte, so ihre Forderung, den Markt der Zukunft aktiv gestalten, statt an dessen Schwelle zu zögern. Sie stellte dem deutschen Ansatz Norwegen gegenüber, das trotz kälteren Klimas einen deutlich höheren Anteil an Elektrofahrzeugen erreicht habe. „Es wäre ziemlich klug, wenn wir diesen Markt aktiv gestalten und nicht verschlafen würden."
Schnellladehubs lösen kommunale Säulen ab
Martin Roemheld, CEO EnBW Charging, bot eine stärker technische Perspektive darauf, warum die Wahrnehmung des Ladens als langsam und unbequem zunehmend überholt sei. Neue Batteriezelltechnologien erlaubten das Laden von 10 auf 80 Prozent in unter zehn Minuten bei Spitzenleistungen von 500 bis 600 kW. „Ein Fall, in dem Laden tatsächlich schneller und einfacher wird als Tanken, ist keine Zukunftsvision mehr. Es ist technische Realität, und die Fahrzeuge kommen jetzt auf den Markt", sagte er.
Roemheld verwies zudem auf einen strukturellen Wandel in der Nutzung des Ladens, bei dem zentrale Schnellladehubs zunehmend das traditionelle leistungsschwache kommunale Modell ablösen. „Kunden denken in Reichweiten, Convenience und Use Cases", sagte er. In dicht bebauten städtischen Räumen seien Schnellladestationen, die die Fläche einer herkömmlichen Tankstelle einnehmen, deutlich effizienter als große Anordnungen langsamerer AC-Ladepunkte.
Netzanschlüsse werden zum Engpass
Der wichtigste Engpass für den weiteren Ausbau sei nicht mehr die Technik, sondern die Netzkapazität. Ladeinfrastruktur konkurriert inzwischen um Anschlusskapazitäten mit Rechenzentren, Batteriespeicherprojekten, Großwärmepumpen und dem entstehenden Netz von E-Lkw-Ladehubs. Andreae forderte schnellere Netzanschlussverfahren, mehr Flächenverfügbarkeit und beschleunigte Genehmigungen sowie eine Senkung der Stromsteuer auf das im Koalitionsvertrag vereinbarte europäische Mindestmaß. Roemheld ergänzte, dass die Branche inzwischen ohne Förderungen investiere. „Wir bewegen uns marktlich und brauchen keine Förderung mehr", sagte er. „Öffentliche Unterstützung sollte sich auf die Fahrzeugseite des Marktes konzentrieren."
Hahn schloss mit einem Appell an die politische Kontinuität, die dem Momentum der Industrie entsprechen müsse. „Europa war von Anfang an Leitmarkt und Leitanbieter im Bereich Elektromobilität", sagte er. „Ob wir das in zehn Jahren immer noch sein werden, hängt von der Klarheit ab, die wir jetzt schaffen." hcn























































