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Spielwiese statt Zukunftsbahnhof

Ein E-Linienbus vor dem Berliner Bahnhof Südkreuz (Foto: © RLI)
Ein E-Linienbus vor dem Berliner Bahnhof Südkreuz (Foto: © RLI)

Die Deutsche Bahn testet seit 2014 an Berlins drittgrößtem Fernbahnhof neue Mobilitäts- und Energiekonzepte. Es ist ein Schaufenster innovativer und nachhaltiger Verkehrsmöglichkeiten – leider mit einem entscheidenden Haken. Denn trotz erfolgreicher Umsetzung wird das Projekt nicht weitergeführt.

26.05.2017 – Über 100.000 Reisende nutzen täglich den Bahnhof Südkreuz im Berliner Stadtteil Schöneberg. Neben ICEs fahren dort zahlreiche Regionalzüge ab, mehrere S-Bahnlinien und Busse steuern das Drehkreuz an. Die Deutsche Bahn hat sich also für ihr Projekt „Zukunftsbahnhof“ keinen unbedeutenden Fleck ausgesucht, was hier funktioniert kann auch auf die großen und etwas kleineren Stationen im ganzen Land übertragen werden.

Die Liste der Projekte, die hier seit drei Jahren erprobt werden, klingt vielversprechend: Direkt vor Ort erzeugen zwei kleine Vertikalwindräder auf dem Dach des Bahnhofs und eine Solar Mover genannte, bewegliche Solaranlage vor dem hinteren Eingang sauberen Strom. Neben dem Haupteingang hat die Bahn mit dem Micro Smart Grid ein intelligentes kleines Stromnetz errichtet. Eine Photovoltaikanlage und ein Batteriespeicher sorgen seitdem dafür, dass immer genügend CO2-freier Strom zur Verfügung steht, um Elektro-Carsharing-Autos und Leih-Pedelecs der Bahn zu laden.

Direkt daneben testen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihre ersten Elektrobusse auf der sechs Kilometer langen Linie 204 zum Bahnhof Zoo. Die Busse werden an den Endhaltestellen in wenigen Minuten induktiv – also ohne Kabel – aufgeladen. Dafür sind unter der Fahrbahn Ladeplatten eingelassen, die BVG verspricht den Einsatz von 100 Prozent grünem Strom. Schätzungsweise 260 Tonnen Kohlendioxid sparen die Verkehrsbetriebe so pro Jahr ein. Noch ein bisschen nachhaltiger geht es wenige Meter entfernt auf dem Bahnhofsvorplatz zu: An einer öffentlichen Schnellladesäule können private Elektrofahrzeuge mit Ökostrom von NATURSTROM geladen werden. Am Südkreuz ist also innerhalb weniger Jahre ein Elektrofahrzeug-Hotspot entstanden.

Nachhaltige Mobilitätsangebote attraktiver machen

Ohne Förderung kommen solche Projekte noch nicht aus: Die E-Buslinie der BVG fördert das Bundesverkehrsministerium mit vier Millionen Euro und die öffentlichen Elektroladesäulen lässt der Berliner Senat im Rahmen seiner 400-Ladesäulen-Initiative für die gesamte Stadt bauen. Und auch Konzepte zur besseren Vernetzung der Mobilitätsangebote am Südkreuz werden durch öffentliche Gelder unterstützt.

Einer der Projektpartner der Deutschen Bahn ist dabei das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ), an dem die Bahn beteiligt ist. Die Verkehrsforscher sitzen auf dem EUREF-Campus und damit nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt. Auf der alten Industriebrache um den Schöneberger Gasometer haben sich viele Firmen, Forschungseinrichtungen und Startups rund um die Themen Energie und Vernetzung angesiedelt. Viele von ihnen erproben dort innovative und nachhaltige Mobilitätskonzepte, die Gutes für die Zukunft hoffen lassen.

Die meisten neuen Angebote am Bahnhof Südkreuz wurden zunächst auf dem EUREF-Campus im halböffentlichen Raum getestet, berichtet InnoZ-Projektleiter Marc Schelewsky. Zwei Jahre lang hat er ein Projekt zur besseren Vernetzung von nachhaltigen Verkehrsangeboten und den geschaffenen regenerativen Energiesystemen am Südkreuz betreut. Ziel war es, die neuartigen Mobilitätsangebote wie das Elektroauto-Carsharing mit Solarstrom und altbekannte Verkehrsmittel wie Bahn und Busse besser zu verzahnen und für Nutzer attraktiver zu machen. Dafür wurde eine Indoor-Navigation für Bahnhofsbesucher aufgebaut, um schnell und zielgerichtet das nächste Elektroauto, den passenden Bus oder die S-Bahn zu finden. Das Projekt war Teil des nationalen Schaufensters Elektromobilität, mit dem die Bundesregierung bundesweit Demonstrations- und Pilotvorhaben fördert.

Projektende – und dann?

Herzstück des aufwändigen Vorhabens war der sogenannte Mobilitäts-Monitor. Auf mehreren Bildschirmen konnten Reisende auf einen Blick erkennen, wo im Bahnhofsumfeld das nächste Carsharing-Auto und wo das nächste Leih-Pedelec standen. Mit dabei waren neben den Elektroautos der Bahn auch andere Carsharing-Anbieter. Es war ein leuchtendes Beispiel, wie moderne und nachhaltige Mobilität einfach und funktional vernetzt werden kann. Ein echter Mehrwert für weiterreisende Bahnhofsnutzer: bequem und umweltfreundlich mit Carsharing und ÖPNV statt fossilem Individualverkehr.

Übrig geblieben ist davon nichts, der Mobilitäts-Monitor wurde nach Ende der zweijährigen Projektlaufzeit wieder abgebaut, die Ergebnisse schlummern trotz erfolgreicher Umsetzung in der Schublade. Den Zukunftsbahnhof Südkreuz holte ein, was mit zahlreichen anderen erfolgreichen Konzepten in Deutschland geschieht: „Viele sinnvolle Projekte werden einfach nicht verstetigt“, sagt Projektleiter Schelewsky. Denn Fördergelder werden nur für den engen Projektzeitraum bewilligt, obwohl der Weiterbetrieb oft nicht viel kosten würde. Für den Mobilitäts-Monitor wären es nur wenige Arbeitsstunden pro Monat gewesen. Dennoch konnten sich die Deutsche Bahn und ihre verschiedenen Gesellschaften nicht zur Kostenübernahme überwinden. Die verwobenen und komplexen Strukturen im Staatskonzern erschweren innovative Konzepte, mutmaßt Schelewsky.

Die Entschlossenheit fehlt

Welches Mobilitätsprojekt wird am Zukunftsbahnhof also als nächstes getestet? „Ich weiß gar nicht, ob am Südkreuz noch mehr gemacht werden muss“, sagt der InnoZ-Mobilitätsforscher. „Es wurde schon fast alles ausprobiert.“ Viel wichtiger sei es, die Erkenntnisse aus drei Jahren Zukunftsbahnhof und die erfolgreich umgesetzten Projekte auf andere Bahnhöfe zu übertragen. Denn es brauche deutschlandweit nachhaltige, vernetze und attraktive Mobilitätsangebote, findet Schelewsky. Doch bislang tut sich wenig bei der Deutschen Bahn. Nicht nur fehlt eine Übertragung auf weitere Stationen, auch am Zukunftsbahnhof wäre deutlich mehr Zukunft möglich.

Auf einer riesigen Betonfläche am nördlichen Flügel des Bahnhofs sollte schon vor Jahren eine große Photovoltaikanlage gebaut werden und auch zwei weitere Vertikalwindräder standen in den Startlöchern. Der südliche Flügel dient als Parkhaus, mit ein wenig Willen könnte dort auf der obersten Ebene eine Solaranlage entstehen. Gleichzeitig zeigt ein Blick auf die Erzeugungsdaten der bisherigen Wind- und Solaranlagen, dass noch viel Luft nach oben ist. Das Micro Smart Grid zur Speisung der Elektrofahrzeuge wird kräftig aus dem normalen Stromnetz unterstützt, die Vertikalwindräder erzeugten einer Studie zufolge in den ersten Jahren jeweils nur 100 Kilowattstunden (kWh) jährlich. Immerhin gibt die Bahn für den Solar Mover eine Erzeugung von ca. 8.000 kWh pro Jahr an und für die Photovoltaikanlage am Micro Smart Grid etwa 7.200 kWh.

Maximal 16.000 kWh sauberen Strom erzeugen die Anlagen am Südkreuz jährlich, so die offizielle Schätzung der Bahn. Für kleine Gewerbetreibende mag das ein guter Wert sein, für den drittgrößten Fernbahnhof der Hauptstadt reicht es nicht: Nur 0,5 Prozent des Bahnhofsbedarfs kann die Bahn damit abdecken. Die nüchternen Zahlen zeigen, was dem Zukunftsbahnhof Südkreuz fehlt: Die Entschlossenheit der Deutschen Bahn etwas zu verändern und Vorreiter in Sachen nachhaltige und vernetzte Mobilität zu sein. So bleibt das Südkreuz nur eine Spielwiese ohne konsequente Umsetzung. Clemens Weiß


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Kommentare

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Eitel Heck 07.06.2017, 19:32:47

Der Artikel weist ein positives, kleinflächiges Ergebnis für grünen Wind- und Solarstrom auf dem Bahnhofsdach des Bahnhofes Südkreuz nach. Ein Elektrobus als Versuchsobjekkt wird mit 4,0 Millionen EURO Fördergeldern durch das Bundeswirtschaftsministerium

unterstützt.Diese Fördergelder begeistern mich nicht.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf den Untersuchungsberichtes des Bundesrechnungshofes, mit dem festgestellt wurde, dass es ieffiziente Förderprogramme gebe und die Organisation des Projekts Energiewende kaum nachvollziehbar ist.

Mei Standpunkt für zielgerichtete Fördermittel:

1.Das patentierte Konzept für den Dual Fluid Kernreaktor hat so eine große ökonomische Bedeutung und damit Einfluss auf die Industrieproduktivität und des Wohlstandsniveau unseres Landes, dass dieser Kernreaktor für Fördermittel nicht mehr negiert werden kann, nur weil offensichtlich die Fachkompetenz zur Bewertung dieses Reaktors fehlt.

-sichere Technologie,

-Nutzung des gegenwärtigen Atommülls als wertvollen Rohstoff zur Stromerzeugung, der ansonsten komplett in geologischen Endlagern entsorgt werden muss.

-Kopplung der Stromproduktion mit der Herstellung chemischer Erzeugnisse, die ansonsten aus Erdöl hergestellt werden.

Es gibt in Deutschland keine weiter Stromerzeugungsanlage, die so eine effiziente Technologiekoppelung ermöglichen.

2. Wasserstoffkraftwerke mit umweltfreundlichen Brennzellen zur Stromerzeugung, die in Japan geplant.

3.Aufnahme der Serienproduktion von Kraftfahrzeugen mit Wasserstoff-Brennzellen(umweltfreundlicher als E-Autos mit Li-Ionen-Batterien).

4.Konzentration der Forschungsarbeiten auf die Redox Flow Batterie mit dem Ziel eines vanadiumfreien Elektrolyten( Beispiel Ferrocen) als wahrscheinlich erfolgversprechendste Lösung zur großflächigen Speicherung von überschüssigen Wind-und Solarstrom. Nutzung der Forschungsergebnisse der Harvard Universität.


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