Verkehrswende: Transportarmut in Europa

Im Schnitt haben rund 15 Prozent der Menschen in Europa keinen ausreichenden Zugang zum ÖPNV. Experten des Öko-Instituts skizzieren die Dimensionen der Transportarmut in 33 europäischen Ländern sowie Wege, die Situation zu verbessern.
20.05.2026 – Mobilität ist der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe. Viele Menschen in Europa sind jedoch von sogenannter Transportarmut betroffen, zeigt die Studie “Access Denied” (“Zugang verweigert”) des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace Mittel- und Osteuropa. Für die Studie wurde bestehende Forschung zu Mobilitätsarmut in 33 europäischen Ländern ausgewertet und nach mehreren vergleichbaren sozioökonomischen Faktoren wie etwa Einkommen, Alter, Geschlecht und Wohnort aufgeschlüsselt. Ziel ist, einen Überblick über das Ausmaß der Transportarmut in Europa zu gewinnen und basierend auf 11 Schlüsselindikatoren politische Handlungsoptionen aufzuzeigen, um das Transportsystem zu verbessern.
“Wenn Millionen Menschen in Europa abgehängt sind von Bus und Bahn, dann zeigt das ein systematisches Versagen der Verkehrspolitik”, sagt Greenpeace Mobilitätsexpertin Marissa Reiserer. “Wie teuer die Abhängigkeit von einem Verbrenner-Pkw ist, erleben Menschen derzeit schmerzhaft mit der Tankquittung. Ein gut ausgebauter, bezahlbarer öffentlicher Verkehr macht den Alltag für viele günstiger, sichert gesellschaftliche Teilhabe und stärkt die Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen. Wenn die Bundesregierung jetzt über Entlastungen diskutiert, gehören Bus und Bahn ins Zentrum der Überlegungen.”
Was ist Transportarmut?
Als Transportarmut wird eine Situation definiert, in der eine Person oder ein Haushalt kein gesellschaftlich notwendiges Maß an Mobilität erreichen kann. Entscheidend ist dabei, ob oder in inwieweit Transportoptionen verfügbar, zugänglich, bezahlbar und angemessen sind. So sollten etwa essenzielle Dienstleistungen erreichbar und das Transportsystem tatsächlich praktisch nutzbar sein.
Die Ursachen für mangelnde Mobilität sind vielschichtig. Verschärft werden sie durch soziökonomische Faktoren wie ein geringes Einkommen, aber auch die direkten Transportkosten, eine schlecht konzipierte und unzureichende Verkehrsinfrastruktur sowie ein Mangel an anderer notwendiger Infrastruktur vor Ort.
Den öffentlichen Nahverkehr bezahlbar und verfügbar machen
In der überwiegenden Mehrheit der europäischen Länder nutzt mehr als die Hälfte der Bevölkerung den ÖPNV nicht regelmäßig. In Deutschland nutzt etwa nahezu die Hälfte der Bevölkerung nie den ÖPNV und nur 11 Prozent nutzen ihn jeden Tag. Um eine Verkehrsverlagerung weg vom motorisierten Individualverkehr zu erreichen, müssten vor allem die Bezahlbarkeit verbessert und Verfügbarkeit sichergestellt werden.
Mit bis zu 56 Prozent verzichten die meisten Menschen auf den ÖPNV, weil er schlicht nicht verfügbar ist. Ausschlaggebend sind hierbei auch unpassende Fahrpläne und eine schlechte Taktung. Zielgerichtete Investitionen in die Infrastruktur, regionale Planung und unterstützende Verkehrsmaßnahmen könnten hier Abhilfe schaffen.
Etwas über ein Fünftel nutzt den ÖPNV aus Kostengründen entweder nicht, oder empfindet die Kosten als schwere finanzielle Belastung. Vorgeschlagen werden hier Sozialtickets, bezahlbare Abonnements oder ein kostenloser öffentlicher Nahverkehr.
Auch Sicherheitsbedenken und schwere Zugänglichkeit spielen in den meisten Ländern eine Rolle. Zwischen 3 und 5 Prozent der Bevölkerung meiden den ÖPNV aus diesen Gründen. Im Bericht werden bessere Beleuchtung, Überwachung und Notruftasten an Haltestellen, physische Barrierefreiheit sowie Meldeprotokolle und Aufklärungskampagnen vorgeschlagen, um die Situation zu verbessern.
Vulnerable Gruppen gezielt unterstützen
Einige gesellschaftliche Gruppen sind überproportional stark betroffen. Der Anteil der Personen, die den ÖPNV wegen physischer Unzugänglichkeit oder Sicherheitsbedenken nicht nutzen, ist bei Frauen und Menschen ab 65 Jahren am höchsten.
Strategien gegen Transportarmut müssten daher in nationale und lokale Pläne eingebettet werden. Durch eine starke Kooperation nationaler, regionaler und lokaler Akteure können Datenlücken geschlossen und kleine, aber wirksame Maßnahmen umgesetzt werden.
Zeitarmut verhindern
Lange Wege führen direkt in die Zeitarmut. Knapp ein Zehntel der Bevölkerung nutzen den ÖPNV nicht, weil die Fahrzeit zu lang ist. Dabei pendeln bereit bis zu 14 Prozent per einfache Strecke 60 Minuten oder mehr.
Auch hier wird in der Studie vor allem auf bessere Raumplanung verwiesen. Über Daten wie etwa dem Transport Poverty Hub könnten Bedarfsregionen identifiziert und priorisiert werden. Mit Hilfe echter Nutzungsdaten könnten zudem Routen optimiert werden. Eine langfristige Lösung bieten wiederum urbane Konzepte wie die 15-Minuten-Stadt, um den Mobilitätsbedarf vor allem in Vororten zu senken.
Klimaziele und soziale Inklusion vereinbaren
Eine Verkehrswende ist nur zu schaffen, wenn ausreichend ÖPNV-Angebote verfügbar und für den Großteil der Bevölkerung zugänglich ist. In der Studie wird unter anderem herausgestellt, dass nahezu ein Fünftel der Europäer ein Auto besitzen, weil keine Alternative vorhanden ist. Klimapolitische Maßnahmen, die fossile Brennstoffe verteuern, treffen vulnerable Gruppen in diesem Bereich schnell hart.
“Wie teuer die Abhängigkeit von einem Verbrenner-Pkw ist, erleben Menschen derzeit schmerzhaft mit der Tankquittung“, sagt Greenpeace Mobilitätsexpertin Marissa Reiserer. Ein gut ausgebauter, bezahlbarer öffentlicher Verkehr mache den Alltag für viele günstiger, sichere gesellschaftliche Teilhabe und stärke die Akzeptanz von Klimaschutzmaßnahmen. „Wenn die Bundesregierung jetzt über Entlastungen diskutiert, gehören Bus und Bahn ins Zentrum der Überlegungen.” jb




















































