Zweirad-Elektromobilität – Mobilitätswende: Tüfteln am selbst entworfenen Elektro-Rennmotorrad

Das eLaketric Racing Team der HTWG Konstanz entwickelt und optimiert seit zehn Jahren Motorräder mit Elektroantrieb. Beim Wettbewerb auf der Rennstrecke Motorland Aragón fährt das Team dabei regelmäßig mit auf die vordersten Ränge.
11.11.2025 – Die Beschleunigung ist – der Kalauer muss sein – ziemlich abgefahren. Von null auf hundert in 3,3 Sekunden. Als Johannes Hangleiter, Teamleiter und Student an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG Konstanz) die Maschine anwirft, überträgt sich das maximale Drehmoment des Elektromotors aus dem Stand auf das Hinterrad. Es wäre nicht zu halten, hätte sein Team das Motorrad in der Werkstatt nicht aufgebockt. Faszinierend: ein Rennmotorrad, das nach einem leisen Düsenjet klingt und nicht nach Feuerstuhl. Die Studenten der Hochschule haben es selbst konstruiert – und durchaus Grund, stolz zu sein.
Szenenwechsel: Fürs Social-Media-Video steht Professor Florian Lang nicht im Hörsaal, sondern – lässig mit Polo-Shirt, kurzer Freizeithose und Lanyard mit Namensschild am Hals – neben der Rennstrecke Motorland Aragón im Nordwesten Spaniens. Grund für die Exkursion ist das Saisonfinale des MotoStudent-Wettbewerbs – ein absolutes Highlight, auf das die rennsportbegeisterten Studenten alle zwei Jahre entgegenfiebern. 80 Hochschulen und Universitäten aus 19 Ländern waren hier im Oktober am Start – und das wortwörtlich. Mittendrin: das interdisziplinäre Rennteam eLaketric der HTWG Konstanz. Das Ergebnis – ein sechster Platz in der Gesamtwertung der Elektroklasse – zeige, so Professor Lang, das außergewöhnliche Engagement des eLaketric-Teams vom westlichen Bodensee.

Das eLaketric Racing Team in der Boxengasse der Rennstrecke Motorland Aragón im Nordwesten Spaniens. (Foto: © eLaketric – HTWG Konstanz)
Der See findet sich auch als Wortspiel im Namen des eLaketric-Teams wieder, der sich aus dem englischen „lake“ und „electric“ zusammensetzt. Der Name des Zweirads Amperia ist ebenfalls eine Anspielung – auf die Statue Imperia, dem Wahrzeichen im Hafen der Stadt Konstanz, und natürlich auf die elektrische Stromstärke Ampere. „2015 waren zwei Kollegen und ich der Meinung, wir bräuchten an der HTWG ein studentisches E-Mobilitätsprojekt“, blickt Florian Lang auf die Anfänge zurück. „Das Thema steckte damals noch in den Kinderschuhen.“ Nach etwas Recherche sei er auf den Entwicklungswettbewerb in Spanien gestoßen, bei dem 2016 zum ersten Mal mit E-Antrieben gefahren wurde. „Wir sind Gründungsmitglied der E-Klasse“, so der Leiter des HTWG-Studiengangs Intelligente Mobilitätssysteme. Ein lauffähiges Motorrad überhaupt durch die Disziplinen zu bringen, habe in der ersten Saison zunächst im Fokus gestanden.
Laufende Optimierung
Seitdem optimiert ein aktuell 50-köpfiges, interdisziplinäres Studierendenteam das Zweirad in vielerlei Hinsicht – etwa an der Motorsteuerung, der Kühlung, der Agilität und der Ergonomie. So ist der Radstand des aktuellen Prototyps zehn Zentimeter kürzer und der Rahmen vier Zentimeter schmaler ausgefallen als beim Vorgängermodell. Die Aerodynamik wurde ebenfalls merklich weiterentwickelt. Auf diese Weise hat das eLaketric Racing Team über die Jahre hinweg handfeste Ergebnisse erzielt.
Das aktuelle Motorrad, so Professor Lang, hat mit 45 kW im Vergleich zur Amperia 16 aus der ersten Saison eine etwa doppelt so hohe Maximalleistung. Die Höchstgeschwindigkeit liegt heute bei etwa 195 km/h (nach etwa 155 km/h im Jahr 2016). Damit reduzieren sich auch die Rundenzeiten (5,1 km pro Runde) im Motorland Aragón von über 2:40 auf derzeit ungefähr 2:25 Minuten.
Jendrik Sättele, HTWG-Masterstudent der Mechatronik, ist der vierte Fahrer seit Gründung des Teams. Er hat das Zweirad beim Abschlussrennen über sieben Runden und nach 35 Kilometern ins Ziel gebracht. Zu den Aufgaben des Wettbewerbs zählen zudem ein Bremstest, ein Handling-Parcours, ein Beschleunigungstest und eine Höchstgeschwindigkeitsprüfung.

Seit zehn Jahren nimmt das Team der Konstanzer HTWG am MotoStudent-Wettbewerb teil. (Foto: © eLaketric – HTWG Konstanz)
Wissenstransfer im Zeichen der Mobilitätswende
Was das Team freut: Erstmals haben diese Saison zwei weitere Teams aus Deutschland in der Elektroklasse des MotoStudent-Wettbewerbs teilgenommen, eines von der Hochschule RheinMain Wiesbaden und eins der TU München. Damit liegt vor dem Hintergrund der Mobilitätswende die Frage nach dem Wissenstransfer auf der Hand. Welche Relevanz hat die Arbeit an der Amperia für die Industrie? „Wir haben aktuell eine Entwicklungspartnerschaft für einen effizienten Motorcontroller mit einem Industriepartner“, bestätigt Lang. „Das Interesse zeigt sich auch daran, dass mehrere Team-Mitglieder der letzten Jahrgänge unmittelbar nach dem Abschluss von der Motorradindustrie angeworben wurden.“ Das Konstanzer Know-how ist offensichtlich gefragt.
Auch beim elektrischen Zweirad-Markt hat Asien die Nase noch vorn
Generell vollzieht sich die Umstellung auf elektrische Antriebe im Motorrad-Bereich sehr viel zögerlicher als im Pkw-Bereich. „Dabei sind Elektro-Motorräder und Elektro-Roller vielleicht nicht für lange Strecken, aber als Alltagsfahrzeuge ein außerordentlich spannendes Konzept“, meint Lang. Die Marktzahlen gehen überall nach oben, und das Potenzial ist riesig, wird in Fernost aber viel schneller gehoben als etwa in Europa. 2024 entfiel mit über 97,3 Prozent der größte Marktanteil bei elektrischen Zweirädern auf den asiatisch-pazifischen Raum.
Tüfteln in Teamarbeit für die Arbeitswelt der Zukunft
Unterm Strich ist der Konstanzer Hochschule wichtig: Es geht um Zukunftsqualifikationen für die Arbeitswelt von morgen, auch jenseits der fachlichen Kompetenzen. „Im Team voneinander lernen, zielorientiert gegen Widerstände etwas erreichen, Verantwortung übernehmen – das lernen die Studierenden in solchen Projekten intensiver als in anderen Lehrveranstaltungen“, erklärt Florian Lang. Ein Beispiel liefern der Professor und der Student unvermittelt bei der Frage nach der Neuentwicklung der Amperia 27. In Bezug auf die Batteriekapazität (erhöhen – ja oder nein?) gehen die Ansichten zunächst auseinander. Lang schmunzelt: „Das werden wir gemeinsam ausdiskutieren“ und beim MotoStudent-Wettbewerb in zwei Jahren sicher wieder eine gute Rolle spielen. Benedikt Brüne
Weitere Informationen:
https://elaketric.de/
https://www.instagram.com/elaketric
Auf diesen Events kann man das eLaketric Racing Team aus Konstanz live erleben:
- Motorradwelt Bodensee, Friedrichshafen (23. bis 25. Januar 2026)
- i-Mobility, Messe Stuttgart (9. bis 12. April 2026)



















































