HVO100: Unser „Bio-Kraftstoff“, der anderswo fehlt und keinen Nutzen fürs Klima hat

Nach der Automobilindustrie, setzen inzwischen auch die Bahn und Kommunen ihre Hoffnungen in HVO100, dem vermeintlich nachhaltigen Bio-Kraftstoff. Doch eine neue Analyse zeigt: die klimafreundlichen Versprechungen sind nicht haltbar.
25.08.2025 – HVO sei ein besonders nachhaltiger und hochwertiger Biodieselkraftstoff. HVO in Reinform (HVO 100) habe ein CO2-Emissionsminderungspotenzial von mehr als 90 Prozent, so das Bundesverkehrsministerium. Zudem sei der Ausstoß von Feinstaub, Partikeln und Stickoxiden geringer.
Dem Widersprach die Deutsche Umwelthilfe schon vor mehr als einem Jahr und legte Tests vor, wonach das bei größeren Feinstaubpartikeln zwar zutreffe, aber bei kleineren Partikeln sowie Stickoxiden nicht zu halten sei. So seien etwa in den Tests die Stickoxidemissionen bei HVO100 ungefähr 20 Prozent höher sind als bei herkömmlichem Diesel.
Dem Widersprach wiederum der ADAC in weiteren Tests, wonach bei älteren Fahrzeugen die Schadstoffemissionen im HVO100-Betrieb tendenziell zurückgingen. Bei aktuellen Dieselfahrzeugen, die über eine aufwendige Abgasnachbehandlung verfügen, sei der Schadstoffausstoß ohnehin schon so niedrig, dass eher der jeweilige Betriebszustand der Katalysatoren den Unterschied macht als der verwendete Kraftstoff.
Versprechen der Emissionseinsparung auf dem Prüfstand
In einer neuen umfassenden Analyse ging die Deutsche Umwelthilfe (DUH) nun dem Versprechen des immensen CO2-Minderungspotenzial auf den Grund. Grundlage der Versprechungen sind Gutachten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Für 2023 kam die BLE auf Einsparungen von rund 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente durch den Einsatz von Biodiesel und HVO. Dabei waren 60 % der Ausgangsstoffe Abfälle und Reststoffe, während 40 % aus angebauter Biomasse (z. B. Raps, Mais) stammten. Dabei stammten die Rohstoffe zu 52 % aus Europa und zu 34 % aus Asien.
In der von der DUH beauftragten Analyse des Institutes für Energie- und Umweltforschung (ifeu) werden die Annahmen jedoch in Frage gestellt. Dabei konzentrieren sich die Studienautor:innen auf die Abfall- und Reststoffe. Hauptfaktor dieser Stoffe sei gebrauchtes Altspeiseöl – kurz
UCO als Akronym des englischen Begriffs Used Cooking Oil.
Besonders ins Auge sprang den Autor:innen in der näheren Betrachtung ein sprunghafter Anstieg von Biokraftstoffen aus Industrieabfällen im Jahr 2023, vorwiegend aus China, der nicht unter bestimmte EU-Herkunftsnachweise fiel und somit deren echter Ursprung ungewiss ist. So könnte der Rohstoff auch nicht aus Industrieabfällen, sondern aus direktem Anbau und Produktion von Palmöl stammen. Derartige Betrugsfälle sind insbesondere im Hinblick auf China dokumentiert.
Die ifeu-Expert:innen zeigen zudem auf, dass Altspeiseöle schon in vielfacher Form – etwa an Stelle von fossilem Heizöl als Brennstoff für die Energieerzeugung oder zu Reinigungsmittel verarbeitet – verwendet werden. Die Altspeiseöle, die dann in die Produktion von HVO100 fließen, fehlen an anderer Stelle und werden wiederum durch günstiges, aber umwelt- sowie klimaschädliches Palmöl ersetzt.
Die europäische NGO Transport&Environment zeigte in einer Studie im letzten Jahr bereits auf, dass weltweit deutlich zu wenig Altspeiseöle für die Nachfrage nach HVO100 und andere vermeintliche Biokraftstoffe zur Verfügung stehen. Den Berechnungen der ifeu-Studienautor:innen zufolge bewirkt der Einsatz von HVO100 und weiteren Biokraftstoffen sogar Mehremissionen.
Die Berechnungen sehen dabei wie folgt aus: Pro einem Megajoule (MJ) Palmöl, werden 87,7 g CO2 Äquivalente (Äq) ausgestoßen. Dem stehen Emissionen von 0,2 g CO2 Äq für die Bereitstellung von 1 MJ Altspeiseöl gegenüber. Letztere werden für die Berechnung der Gesamtemissionen von Diesel aus Altspeiseöl abgezogen. Hiermit werde berücksichtigt, welche Emissionen durch die Verwendung von Altspeiseöl anfallen würden, wenn dieses nicht durch Palmöl ersetzt würde.
In der Gesamtheit blieben Mehremissionen durch die ausgelöste Palmölproduktion von 87,5 g CO2 Äq. Gehe man nach der Bilanzierung der Bundesanstalt für Ernährung und Landwirtschaft von einer Einsparung von 75,6 g CO2 Äq für HVO aus Altspeiseöl aus, so verblieben unter Berücksichtigung der Mehremissionen durch die zusätzliche Produktion von Palmöl bei HVO100 Emissionen von knapp 12 g CO2 Äq. Stelle man die gleiche Berechnung für den sogenannten Bio-Diesel aus Altspeiseöl an, entstünden sogar Mehremissionen von gut 14 g CO2 Äq.
Der vermeintlich grüne HVO100-Diesel ist eine Mogelpackung
Jürgen Resch, Deutsche Umwelthilfe
Ungeachtet dessen würden inzwischen sogar die Bahn Abstand von der Elektrifizierung ihrer Strecken und Kommunen von der Elektrifizierung ihrer Busflotten nehmen, berichtet DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. „Der vermeintlich grüne HVO100-Diesel ist eine Mogelpackung. HVO100 aus Altspeiseöl ist mindestens so klimaschädlich wie fossiler Diesel. Die Behauptung, Diesel aus Frittenfett könne nahezu 90 Prozent CO2 einsparen im Vergleich zu fossilem Diesel, hat nichts mit der Realität zu tun. Anstatt CO2 zu sparen, sorgen HVO100 und Co. durch steigende Palmölnachfrage für zusätzliche Emissionen und Naturzerstörung“, so Resch.
Und Axel Friedrich, internationaler Verkehrsexperte, ergänzt: „In den letzten zwei Berichtsjahren der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ist der Anteil von Palmölabfällen, sogenannte POME, an der HVO-Produktion erheblich angestiegen. Bei der Gewinnung von POME werden enorme Methan-Emissionen freigesetzt. Da Methan über 20 Jahre hinweg eine 82-mal stärkere Klimaerhitzung verursacht als CO2, muss das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung dringend die Klimagasemissionen ermitteln und die Zertifikate zurückziehen.“ mg


















































