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Brenner AutobahnVerkehrskollaps in den Alpen

Teil der Brenner Autobahn ist die Europabrücke. Mit 146,5 Metern die höchste Brücke Österreichs (Bild: Roschue / WikiCommons, CC0)

Touristen und Güterverkehr sorgen für lange Staus in den Alpen. Besonders der Brennerpass ist betroffen. Ein Eisenbahntunnel ist zwar in Bau, für die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene braucht es jedoch weitere Maßnahmen.

23.09.2020 – Am Brennerpass konzentriert sich das gesamte Desaster. Bis zu 40.000 Pkws mit Urlaubern passieren täglich den Grenzpass in den Ostalpen zwischen Österreich und Italien. Und die Urlauber sind noch nicht einmal das Hauptproblem. Etwa 2,4 Millionen Lkws passieren jährlich den Brenner. Das macht 50 Prozent des alpenquerenden Güterverkehrs aus. Ca. eine Million dieser Fahrten sind Umwegeverkehr, da die Maut auf der Brennerroute und Diesel in Nordtirol vergleichsweise günstig sind.

Ein weiteres Problem: Die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene geht nur schleppend voran und ist für viele Logistiker nicht attraktiv genug. Das Verhältnis von Schiene zu Straße beim Gütertransport liegt bei 27 zu 73 Prozent. Mit dem Brenner Basistunnel ist eine neue Eisenbahnstrecke in Bau, deren Inbetriebnahme für 2028 geplant ist. Die Alpenvereine von Deutschland, Österreich und der Schweiz jedoch sehen die Alpen schon jetzt akut bedroht. „Komplexe Ökosysteme, jahrhundertealte Kulturlandschaften und soziale Gleichgewichte geraten in Schieflage“, so die Vereine in einem gemeinsamen Aufruf.

Für die Touristen müsste der öffentliche Nahverkehr im ländlichen Raum der Alpen ausgebaut werden. Gleichzeitig bitten die Alpenvereine die Touristen schon jetzt Autofahrten möglichst effizient zu gestalten, indem sie etwa Fahrgemeinschaften bilden, längere Aufenthalte an einem Ort einplanen und näher gelegene Ziele bevorzugen. Auch lehnen sie den Neubau hochrangiger Straßenprojekte strikt ab. Gemeint sind damit alle Autobahnen und Schnellstraßen. So sei etwa die Verlängerung der sogenannten Alemagna Autobahn in Italien fatal, die zu einer neuen alpenquerenden Route Venedig-München führen könnte. Neben dem Urlaubsverkehr würde dadurch auch der Lkw-Verkehr durch Österreich weiter zunehmen.

Um die Transitbelastung stattdessen abzumildern fordern die Alpenvereine die Einführung einer EU-weiten Lkw-Maut, die Schäden von Natur und Gesundheit mitberücksichtigt. Der Lkw-Verkehr dürfe nicht mehr den Brennerpass nehmen, weil er die günstigste aber nicht unbedingt schnellste Alternative ist. Den Brenner Basistunnel sieht der Deutsche Alpenverein (DAV) dabei als wichtiges Projekt an, dass das Potential für eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene hat. „Ob diese Verlagerung aber tatsächlich stattfindet, hängt wesentlich von der Preisgestaltung insbesondere bei der LKW-Maut ab“, sagte Steffen Reich vom DAV auf Anfrage der energiezukunft.

Auch der Alpenverein CIPRA fordert Mautgebühren länderübergreifend einzuführen und unter Einbeziehung aller externen Kosten wie Umwelt- und Klimaschäden. Dabei haben sich die Alpenstaaten eigentlich schon vor 20 Jahren zu einer sogenannten Wegekostenrichtlinie bekannt, die das besondere Umweltgefüge des Alpenraums schützen soll. Passiert ist jedoch nichts.     

Vorbild Schweiz

Als Vorbild sieht die CIPRA die Schweiz. Dort ist die Autobahn pauschal abgabepflichtig. Für Lkws gilt eine besondere Schwerverkehrsabgabe, die Gewicht, Emissionsstufe und gefahrene Kilometer einberechnet. 2001 wurde die gesonderte Abgabe eingeführt. Seitdem ging der alpenquerende Schwerlastverkehr durch die Schweiz um 33 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg der Anteil des Güterverkehrs deutlich an.

Der alpenquerende Güterverkehr auf der Schiene macht inzwischen über 70 Prozent aus und ist für die Logistiker attraktiver als der Lkw-Transport. Auch weil der Schienengüterverkehr deutlich schneller unterwegs ist. Dazu führt unter anderem ein Nachtfahrverbot für Lkws auf Schweizer Straßen. Auch der 2016 eröffnete Gotthard Basistunnel für den Zugverkehr gab dem Schienenverkehr durch die Alpen Vortrieb. Ende 2020 wird schließlich der Ceneri-Basistunnel eröffnet, der eine durchgängige Alpendurchquerung schafft.

Der alpenquerende Schienenverkehr in der Schweiz soll einmal Teil einer europäischen Magistrale von den Häfen Rotterdams und Antwerpens bis nach Genau in Italien sein. Doch während das Schienennetz in den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Italien bereits vollendet ist, hinkt Deutschland hinterher. Beim sogenannten Rhein-Alpen-Korridor gibt es in Deutschland zu wenige Schienen für den Güterverkehr. Der Ausbau scheitert an lokalen Klagen. Die Schweiz erwägt nun eine Ausweichroute über Frankreich.

Probleme in Oberbayern

Ähnlich verhält es sich bei den geplanten Zuläufen zum Brenner Basistunnel. Während Österreich und Italien mit dem Tunnel am Brenner ab 2028 für Entlastung auf den Straßen sorgen wollen, stockt der Ausbau von Schienentrassen in Deutschland. Südlich von München gibt es zu wenige Trassen und die vorhandenen sind veraltet. Das macht den Personen- und Güterschienenverkehr von Deutschland nach Österreich nicht attraktiv genug. Dabei soll die Magistrale Teil einer transeuropäischen Strecke von Skandinavien bis nach Italien werden.

Doch neben Versäumnissen bei der Deutschen Bahn und dem Verkehrsministerium stellen sich potenzielle Anwohner gegen den Bau neuer Trassen. Eine entsprechende Petition erreichte über 30.000 Unterschriften. Die Bahn versucht nun die Bürger in Beteiligungsverfahren stärker einzubeziehen. Fünf mögliche Trassenverläufe werden nun auf ihre Raumverträglichkeit geprüft. Bürger hatten die Möglichkeit Stellungnahmen abzugeben.

Anfang der Woche kamen indes die EU-Verkehrsminister für Beratungen in Berlin zusammen. In einer gemeinsamen Erklärung, machten sie sich für einen deutlichen Ausbau des transnationalen Schienenverkehrs stark. Während es für den Personenverkehr bei Absichtserklärungen blieb, wurden für den Güterverkehr bereits konkrete Schritte genannt. Dabei geht es vor allem um die Digitalisierung des europäischen Schienengüterverkehrs, die den europäischen Warenverkehr effizienter machen würde. mf


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