Radverkehr: Zahl getöteter Radfahrer steigt und Berlin will den Radwegeausbau bremsen

Im vergangenen Jahr starben in Deutschland 462 Radfahrer. Besonders häufig trug der Autoverkehr Schuld an den tödlichen Unfällen. Sichere Radwege sind ein zentrales Ziel des Berliner Mobilitätsgesetzes. Das aber wird aktuell zurückgedreht.
28.04.2026 – Es sind erschreckende Zahlen, die das Statistische Bundesamt (Destatis) am gestrigen Montag vorlegte: Die Zahl getöteter Radfahrer:innen im deutschen Straßenverkehr ist 2025 gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen, um 3,8 Prozent. Noch eklatanter der Vergleich zu vor 10 Jahren. Gegenüber 2015 nahm die Zahl getöteter Radfahrer:innen um 20,6 Prozent zu. 462 Menschen starben 2025, während sie mit ihrem Rad im Straßenverkehr unterwegs waren.
Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 95.794 Fahrradunfälle mit Personenschaden – auch hier ein Anstieg gegenüber 2024 von 3,1 Prozent. An einem Großteil dieser Unfälle – mit 66,5 Prozent – waren andere Verkehrsteilnehmer:innen beteiligt. Und in 69,8 Prozent der Fälle war dies eine Autofahrerin oder ein Autofahrer (44 463 Unfälle). Das Destatis führt die steigende Zahl von Radunfällen mit Personenschaden vor allem auf den E-Bike Boom zurück.
Dies führe dazu, dass mehr Menschen das Rad nutzen, um von A nach B zu kommen. Während die Anzahl der bei Straßenverkehrsunfällen getöteten Radfahrer:innen ohne Hilfsmotor in den vergangenen Jahren tendenziell zurück ging, stieg im gleichen Zeitraum die Anzahl tödlich verunglückter auf E-Bikes. Dabei scheinen ältere Radfahrer:innen besonders gefährdet. Im Jahr 2025 waren 61,5 Prozent der tödlich verunglückten Menschen auf dem Rad 65 Jahre und älter.
Längere Wege auf dem Rad
Bei der Entwicklung der Mobilität in Deutschland zeigt sich, dass der Fahrrad-Anteil am Modal Split (dem Anteil der Wege) seit fast zwei Jahrzehnten auf einem gleichbleibenden Niveau verharrt (11 Prozent seit 2008), in dieser Zeit aber die sogenannten Fahrradpersonenkilometer pro Tag deutlich anstiegen. 2008 fuhren die Deutschen insgesamt 96 Millionen Kilometer am Tag, 2023 waren es 118 Millionen Kilometer. Die etwa gleiche Anzahl von Menschen fuhr also täglich im Schnitt längere Strecken. Es sind Zahlen, die aus der Umfrage „Mobilität in Deutschland“ des Bundesverkehrsministeriums hervorgehen.
In vielen Städten dagegen stieg der Anteil der Radfahrenden im selben Zeitraum. Der kommunalen Verkehrsbefragung der TU Dresden zufolge, die auch offizielle Datengrundlage der Berliner Senatsverwaltung ist, stieg der Anteil der Radfahrenden von 13 Prozent 2013 auf nunmehr 18 Prozent 2023. Im gleichen Zeitraum nahm der Anteil des motorisierten Individualverkehrs von 30 auf 22 Prozent ab. Zudem wurde an manchen Dauerzählstellen in der Stadt eine Zunahme des Radverkehrs von bis zu 32 Prozent gemessen.
Als erste Stadt und Bundesland in Deutschland verabschiedete der damalige rot-rot-grüne Senat 2018 ein Mobilitätsgesetz. Vorangegangen war eine Unterschriftensammlung der Initiative „Volksentscheid Fahrrad“. Die hatte in einem ersten Schritt für ein Volksbegehren 100.000 Unterschriften von Berliner:innen gesammelt – nötig wären 20.000 gewesen – mit dem Ziel, eine „sichere und komfortable Radinfrastruktur“ für alle Altersgruppen in Berlin zu schaffen. Unter anderem sollen bis 2030 an allen Hauptverkehrsstraßen geschützte Radwege entstehen, sowie neue Radschnellverbindungen.
Unter dem Bündnis aus SPD, Linken und Grünen, nahm die Umsetzung des Mobilitätsgesetzes zunächst Fahrt auf, obwohl es an vielen Ecken noch knirschte. Nach der Neuwahl des Abgeordnetenhauses 2023 und der daraus folgenden schwarz-roten Koalition aus CDU und SPD aber, gab es bereits von vielen befürchtete erste Rückschritte beim Mobilitätsgesetz. So wurde unter anderem der Bau der meisten Radschnellverbindungen bis 2030 eine Absage erteilt, wegen vermeintlicher Finanzierungsschwierigkeiten.
Auf ihrer Klausurtagung Ende vergangener Woche haben sich schwarz-rot darauf geeinigt, weitere zentrale Vorgaben aus dem Mobilitätsgesetz zu streichen. Der Tagesspiegel berichtete unter anderem. Bislang galt das auf allen Hauptverkehrsstraßen Radwege angelegt werden sollen, die breit genug zum sicheren Überholen sind. Einem neuen Entwurf des Gesetzes zufolge darf bei Platzmangel nicht nur diese Breite unterschritten, sondern auf Radwege komplett verzichtet werden. Zudem soll ein Verzicht möglich sein, wenn „im unmittelbaren Umfeld“ eine geeignete Strecke auf Nebenstraßen vorhanden ist.
Der Berliner Ableger des Allgemeinen Fahrradclub Deutschlands (ADFC) erklärte in der Folge: „Die Mehrheit der Berliner:innen hat kein Auto und ist auf sichere Radwege und den ÖPNV angewiesen. Die CDU treibt mit diesen Plänen ihre unverantwortliche Feindseligkeit gegenüber dem Radverkehr voran. Die SPD macht sich unglaubwürdig, wenn sie ihr eigenes Mobilitätsgesetz entgegen aller Bekenntnisse und Versprechen aushöhlt. Eine lebenswerte Stadt braucht sichere Mobilität für alle im Verkehr.“
Gegenüber dem Tagesspiegel sagte der Verkehrspolitiker der SPD-Fraktion, Tino Schopf, die CDU hätte noch viel weitergehende Forderungen zu Lasten des Rad- und Fußverkehrs gestellt, die man als SPD hätte abwehren können. So habe im CDU-Entwurf gestanden, dass bei Verbesserungen für den öffentlichen Nahverkehr „Benachteiligungen insbesondere des motorisierten Individualverkehrs“ vermieden werden sollten. Mit dieser Maßgabe ließen sich praktisch jede neue Busspur und jedes vom Autostau befreite Straßenbahngleis verhindern, so Schopf laut Tagesspiegel.
Kindgerechte Radwege entscheidend für deren spätere Radmobilität
So fehlt es in Berlin weiterhin an sicheren Radwegen für Jung und Alt. Dabei zeigt sich, laut dem letzte Woche erschienen Fahrrad-Monitor im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums, dass kindgerechte Radwege entscheidend für deren spätere Radmobilität sind. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder sagte: „Die Umfrage zeigt, dass vor allem positive, früh gewonnene Erfahrungen auf dem Rad Voraussetzung für eine langfristige Fahrradnutzung sind. Nur mit einer sicheren und gut ausgebauten Radverkehrsinfrastruktur können Kinder im frühen Alter unbeschwert Fahrrad fahren lernen.“
Erstmals wurden in die Befragung Eltern und deren Kinder einbezogen. Ein Ergebnis: Radfahren ist bei Kindern weit verbreitet und wird überwiegend positiv erlebt. Fast neun von zehn Rad fahrenden Kindern (88 Prozent) geben an, gerne Fahrrad zu fahren – insbesondere jüngere Kinder und solche, deren Eltern selbst regelmäßig Rad fahren. Insgesamt zeigt sich in der Befragung eine stabile bis leicht steigende Fahrradnutzung: 80 Prozent der Menschen in Deutschland ordnen sich selbst als Radfahrer oder Radfahrerin ein (Vergleich 2023: 81 Prozent) und 41 Prozent der Bevölkerung nutzen Fahrrad oder Pedelec regelmäßig (Vergleich 2023: 39 Prozent).
In Berlin hoffen viele weiter auf eine Fahrradgerechte Stadt. Die entscheidende Möglichkeit die Politik wieder zu ihren Gunsten zu verändern ist am 26. September. Dann wählen die Berlinerinnen und Berliner ein neues Abgeordnetenhaus. mg



















































