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BIPV: Europäische Standards nötig

Der auf Erneuerbare Energien spezialisierte Rechtsanwalt Sebastian Lange ist Vorstandsvorsitzender der Allianz Bauwerkintegrierte Photovoltaik mit Sitz in Potsdam. (Bild: Dombert)
Der auf Erneuerbare Energien spezialisierte Rechtsanwalt Sebastian Lange ist Vorstandsvorsitzender der Allianz Bauwerkintegrierte Photovoltaik mit Sitz in Potsdam. (Bild: Dombert)

Die bauwerkintegrierte Photovoltaik (BIPV) hat zwar ein enormes Anwendungspotenzial, fristet aber immer noch ein Nischendasein. Wir brauchen mehr Aufklärung von Architekten, einheitliche Standards und eine bessere Zusammenarbeit der Baugewerke, fordert BIPV-Experte Sebastian Lange.

17.05.2017 – Der auf Erneuerbare Energien spezialisierte Rechtsanwalt Sebastian Lange ist Vorstandsvorsitzender der Allianz Bauwerkintegrierte Photovoltaik mit Sitz in Potsdam.

Herr Lange, bisher ist sind erst relativ wenige BIPV Systeme in Deutschland und Europa installiert. Was sind die Hauptursachen hierfür aus Ihrer Sicht?

Vordergründig werden regelmäßig die Kosten dafür verantwortlich gemacht, dass es bislang bei wenigen schönen Leuchtturmprojekten geblieben ist. Aber dies alleine sind nicht die Hauptursache. Sicherlich sind BIPV-Projekte mit höheren Kosten verbunden als konventionelle Fassaden oder konventionelle PV-Systeme. Aber ein Oberklassewagen kostet ja auch mehr als ein Wagen der Mittelklasse. Ich sehe vielmehr zwei Hauptursachen: Zum einen ist bislang noch recht wenig bekannt, was die BIPV leisten kann und welche Vorzüge sie hat. Das muss besser kommuniziert werden. Zum anderen besteht aber auch noch ein sehr großer Wissensbedarf bei Architekten, Planern und Anwendern. Bei der bauwerkintegrierten Photovoltaik kommen ganz verschiedene Gewerke und Akteure zusammen. Dabei sprechen sie noch nicht immer die gleiche Sprache. Auch das werden wir noch verbessern müssen.

Wie haben sich die Kosten von gebäudeintegrierter Photovoltaik (BIPV) entwickelt?

Wie sehen Sie die weitere Kostenentwicklung? Allgemeine Aussagen zu den Kosten sind sehr schwierig, da es sehr unterschiedliche BIPV-Systeme gibt. Photovoltaik kann sowohl im Dach, als auch in der Fassade, in Brüstungen und in allen erdenklichen Sonderelementen integriert werden. Dabei können gleichermaßen kristalline Module, Dünnschichtmodule oder auch organische Photovoltaik verwendet werden, je nachdem, welche Eigenschaften für das jeweilige Projekt gewünscht sind. Allgemein lässt sich daher nur sagen, dass die sinkenden Preise der Photovoltaik natürlich auch der bauwerkintegrierten Photovoltaik zugutekommen. Das schafft auch neue Spielräume, Photovoltaik künftig dort einzuplanen, wo es sich bislang kaum rechnen würde. Weitere Potentiale zur Kostensenken der BIPV liegen zudem in der Standarisierung. Bislang sind viele Projekte noch maßgeschneiderte Einzellösungen, mit eigens hierfür angefertigten Modulen. Solche Projekte wird es auch in Zukunft sicherlich geben. Daneben wird sich aber auch ein Markt standarisierter BIPV-Konzepte entwickeln müssen – sowohl in der Herstellung, als auch in den Bauabläufen.

Wie hat sich die Technik weiterentwickelt?

In technologischer und auch gestalterischer Hinsicht sind mittlerweile kaum noch Grenzen gegeben. Fast alles ist machbar. Vor allem können heute schon PV-Module in ganz verschiedenen Farben, Formen und Größen verwendet werden. Unterschiede gibt es noch bei den Wirkungsgraden und bei der Lebensdauer der einzelnen Technologien. Hier entwickeln wir uns kontinuierlich weiter. Bauseitig besteht, wie gesagt, eine Herausforderung darin, Bautechnik und Bauabläufe weiter zu standarisieren. Hier sind also auch die Experten in der Fassadentechnik gefragt.

Wie aufwendig ist die Montage?

Das hängt sehr von den eingesetzten Systemen ab. Selbstverständlich sind bei der BIPV besondere Anforderungen in der Planung und Montage zu beachten. Als Allianz BIPV arbeiten wir nun kontinuierlich daran, entsprechende Richtlinien und Leitlinien zu erarbeiten, um die Umsetzung von BIPV-Projekten leichter und sicher zu machen. Unsere erste Richtlinie für BIPV in vorgehängten hinterlüfteten Fassaden konnten wir vor wenigen Tagen veröffentlichen.

Sind die Installateure ausreichend geschult?

Da es bislang noch nicht so viele BIPV-Projekte gibt, gibt es naturgemäß noch nicht so viele Installateure, die bislang eigene Erfahrungen sammeln konnten. Um die BIPV von der Nische in die breite Anwendung zu führen, wird es daher erforderlich sein, die Installateure und Fassadenbauer entsprechend zu schulen. Hersteller – ich denke da vor allem an unsere Mitgliedsunternehmen – leisten hier schon viel. Darüber hinaus gibt es heute schon entsprechend qualifizierte Berater, die bei Planung und Umsetzung von BIPV-Projekten helfen. Um mit der BIPV in die breite Anwendung zu gelangen, werden wir in Zukunft deutlich mehr solcher Solarteure brauchen.

Gibt es Hürden bei der Zertifizierung der Systeme?

Gibt es hierfür eine einheitliche europäische Norm? Die Zertifizierung und Zulassung ihrer Produkte ist ein Thema, das alle unsere Mitgliedsunternehmen derzeit sehr beschäftigt. Da die europäischen und die nationalen Vorgaben noch nicht sauber ineinandergreifen und sich der Rechtsrahmen infolge der Rechtsprechung geändert hat, besteht derzeit eine große Unsicherheit. Von Aufwand und Kosten der Zulassungsverfahren ganz zu schweigen. Es ist daher in der Tat erstrebenswert, auf europäischer Ebene einen einheitlichen und klaren Rahmen für alle Mitgliedstaaten zu schaffen.

Wie wollen Sie erreichen, dass mehr BIPV-Systeme verwendet werden?

Die Allianz BIPV ist noch ein recht junger Verband. Ziel der Allianz BIPV ist nichts Geringeres, als die BIPV von der Nische in die breite Anwendung zu führen. BIPV soll zum selbstverständlichen Bestandteil von Bauwerken werden. Ein Ansatz von uns ist, in der Öffentlichkeit und bei allen relevanten Stellen für die BIPV zu werben. Das heißt vor allem, dass wir die Vorzüge und die Möglichkeiten der BIPV vermitteln werden. So arbeiten wir gerade daran, unsere Internet-Seite zu einem umfassenden BIPV-Portal auszuarbeiten. Hier wollen wir alle relevante Informationen zusammentragen und auch aufzeigen, welche unserer Mitglieder bei der Verwirklichung von BIPV-Projekten helfen können. Ein anderer Ansatz ist, dass wir die bestehenden Hemmnisse gezielt nach und nach angehen werden und darauf hinwirken, die Rahmenbedingungen für die BIPV zu verbessern. Dazu gehört auch, dass wir eigene Richtlinien und Leitlinien für BIPV-Projekte erarbeiten. Darüber hinaus sind auch namhafte Forschungseinrichtungen Mitglied der Allianz BIPV. Gemeinsam mit Herstellern und Planern und Beratern tauschen sie sich in der Allianz BIPV darüber aus, wir die BIPV-Technologien weiterentwickelt und weiterverbessert werden können. Das halte ich für einen ganz wichtigen Schritt.

Sollten die Hersteller nicht auch ein viel offensiveres Marketing betreiben?

Die Hersteller leisten bereits sehr viel. Dabei stehen die Hersteller jedoch vor der Herausforderung, dass sie erst einmal vermitteln müssen, welche Vorteile und Nutzen die Integration der PV-Technologie in die Gebäudehülle haben. Erst danach kommt die Vermarktung ihres eigenen Produktes. Ich würde mir wünschen, wenn wir die erste Stufe soweit wie möglich in der Allianz BIPV bündeln könnten. Die Vermittlung der Argumente, die für die Bauwerkintegration als solche sprechen, könnte gewissermaßen vor die Klammer gezogen werden. Unsere Mitglieder könnten sich dann auf das eigentliche Marketing ihrer Produkte konzentrieren – ohne lange Einführung, warum BIPV Sinn macht. Das BIPV-Portal, an dem wir gerade arbeiten, soll auch das leisten können.

Welches Potenzial sehen Sie für BIPV in Europa?

BIPV hat nicht nur in Europa, sondern weltweit ein enormes Potential. Die Vorzüge der BIPV sind überall die gleichen, nur die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind von Land zu Land verschieden. Mit Blick auf unsere europäischen Hersteller sollten wir allerdings aufpassen, dass uns nicht andere Hersteller den Rang ablaufen. Unsere Unternehmen haben ein Know-how aufgebaut, das weltweit Spitze ist. Mittlerweile zerbricht man sich aber auch im Silicon Valley und in Asien den Kopf darüber, wie man die BIPV aus der Nische in die breite Anwendung führen kann. Das muss für den europäischen BIPV-Markt nicht unbedingt schlecht sein. Noch nützt alles, was die bauwerkintegrierte Photovoltaik bekannter macht. Wenn es uns aber nicht bald gelingt, den Absatz unserer Unternehmen zu stärken, werden andere schneller an uns vorbeiziehen, als uns lieb ist. Bei der konventionellen Photovoltaik verhielt es sich ja ganz ähnlich.

Was sind die fünf wichtigsten Märkte für BIPV in Europa?

Innerhalb Europas liegt ein Schwerpunkt sicherlich im deutschsprachigen Raum, in den Benelux-Staaten, in Frankreich und in England. Dabei nimmt die Schweiz fast schon so etwas wie eine Schlüsselrolle für die BIPV ein. Aber auch in Skandinavien steigt das Interesse und die Nachfrage.
Die Fragen stellte Hans-Christoph Neidlein.

   

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