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„Klassische Sonnenhäuser wird es noch in 20 Jahren geben“

Foto: Bild von Georg Dasch
Architekt Georg Dasch hat das Sonnenhaus-Institut mitgegründet und ist 1. Vorsitzender des Sonnenhaus-Institut e.V (Foto: © Sonnenhausinstitut e.V.)

Beim nachhaltigen Bauen haben Bauherren heute viele Optionen: Higtech oder Lowtech, Passivhaus, Plusenergiehaus oder Sonnenhaus – wofür soll man sich entscheiden? Wir haben mit dem erfahrenen Architekten Georg Dasch darüber gesprochen, warum klassische Sonnenhäuser immer noch ihre Berechtigung haben.

29.03.2018 – Georg Dasch ist Architekt in Straubing und plant seit den 1990er Jahren Sonnenhäuser. 2004 hat er das Sonnenhaus-Institut mitgegründet und ist seitdem 1. Vorsitzender des Sonnenhaus-Institut e.V.

Herr Dasch, Heizen mit Strom, vor allem mit Photovoltaik und Wärmepumpe, ist im Trend. Warum sollte heute überhaupt noch jemand ein Sonnenhaus mit einer großen Solarthermie-Anlage bauen?

Das klassische Sonnenhaus-System ist heute schon mit 100 Prozent regenerativer Heizenergie möglich. Ein gutes Sonnenhaus hat die niedrigsten Heizkosten bei einer geringen Komplexität der Anlage. Der Vorteil der Solarwärme besteht in den geringen spezifischen Speicherkosten und der Langlebigkeit von Wärmespeichern mit Wasser als Medium.

Also keine Photovoltaik auf dem Sonnenhaus?

Ich habe schon bei meinen ersten Sonnenhäusern zusätzlich zur Solarthermie-Anlage Solarstrommodule mit in das Dach integriert. Damals waren sie zur Volleinspeisung, heute wird der Strom im Haushalt mitverbraucht. Die Kombination von Solarthermie, Nachheizen mit Biomasse und die Stromversorgung für Haushalt und Mobilität über eine Photovoltaikanlage ermöglichen ein Maximum an Eigenversorgung mit Solarenergie.

Foto: Kinder laufen eine Wendetreppe hoch.
Um den Pufferspeicher mit 4 Kubikmeter Fassungsvermögen führt die Treppe in das Obergeschoss. (Foto: Sonnenhaus-Institut / Petra Höglmeier)

Um mindestens 50 Prozent Heizenergie von der Sonne zu erreichen, muss die Solarwärme zwischengespeichert werden. Dafür ist ein Langzeitwärmespeicher nötig und der braucht Platz. Was hat sich hier getan?

Ein Langzeitwärmespeicher ist dann nötig, wenn der solare Deckungsgrad die 50 Prozent überschreiten soll. Ein Speicher von acht Kubikmetern ermöglicht bei einem Einfamilienhaus Deckungsraten von ca. 70 Prozent. Der Platzbedarf ist also nicht mehr so groß. Außerdem kann der Speicher geschickt in das Gebäudeinnere integriert werden, zum Beispiel als optischer Blickfang im Flur, um den herum sich die Treppe in das Obergeschoss schlängelt.

Ist eine Holzheizung oder eine Gastherme das bessere Nachheizsystem in Sonnenhaus?

Wenn das Ziel eine 100 Prozent regenerative, CO2-freie Energieversorgung ist, dann scheidet eine Gastherme aus. Wenn es darum geht, geringe Investitionskosten zu haben und ein Anteil fossiler Energieverbrauch toleriert wird, dann ist eine Gasheizung eine Option.

Das Sonnenhaus-Konzept wird immer häufiger in Mehrfamilienhäusern und Geschosswohnungsbauten eingesetzt. Meistens kommen große Solarthermie-Anlagen zum Einsatz. Wie kann sich die Solarthermie hier gegen Photovoltaik und Wärmepumpe durchsetzen?

Der Vorteil der Solarthermie ist die Bereitstellung von Temperaturen jenseits der 60 Grad, was eine komfortable, hygienisch einwandfreie Versorgung mit Warmwasser ermöglicht. Mehrfamilienhäuser werden in der Regel mit Gasthermen oder Biomassekesseln beheizt. So lange im Nachheizsystem ein Feuer brennt, ist die Kombination mit einer großen Solarwärmeanlage sehr sinnvoll. Eine PV-Anlage auf dem Dach kann ja sonst die Heizkosten nicht senken. Wenn die Nachheizung mit einer Wärmepumpe geplant ist, dann ist die Entwicklung eines Photovoltaik-Wärmepumpenheizsystems sinnvoll.

Wird es in 20 Jahren noch klassische Sonnenhäuser mit Solarthermie geben?

Auch in 20 Jahren wird es noch klassische Sonnenhäuser geben, weil sie technisch nicht überholt sind. Welche Technik neu eingesetzt wird, das will ich heute nicht beurteilen, weil bei der PV-Wärmepumpentechnologie noch viel Potenzial liegt. Wenn die Stromerzeugung ganzjährig regenerativ ist und Strom für ein paar Wochen gespeichert werden kann, dann muss man bewerten, was wirtschaftlicher ist: Strom oder Wärme zu speichern.

Herr Dasch, herzlichen Dank für das Gespräch.

Foto: Bild eines Strohballenhauses.
Dieses klassische Sonnenhaus am Chiemsee wird mit 30 Quadratmetern Solarkollektoren zu 60 bis 70 Prozent solar beheizt. Für die Nachheizung im Winter sorgt ein Stückholzkessel. (Foto: Sonnenhaus-Institut / Petra Höglmeier)
   

Forum

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  1. Daniel 16.04.2018, 12:59 Uhr
    Hallo Florian,
    ich kann mir nicht so recht vorstellen wie sich die Solarthermie für eine Brauchwasser Unterstützung rechnen soll. Es muss sich mal jeder seine Heizkostenabrechnung vom letzten Jahr zur Hand nehmen und dann schauen, wie hoch davon der Anteil für die Erwärmung des Wasser ist. Das sollte im allgemein hin bei ca. 100 € liegen (zumindest bei mir). Wenn ich mir vorstelle da kann ich jetzt 1/4 bis 1/3 einsparen, kommt nicht sonderlich viel Einsparpotential zusammen. Ich glaube auch nicht, das zusammen mit den regelmäßigen Austausch des Kältemittels der Solarthermie irgendwann tatsächlich ein Einsparung eintritt.
    Gruess
    Daniel
  2. Florian 07.04.2018, 20:17 Uhr
    guter Artikel, mein Herz schlägt zwar für die Photovoltaik da die enormen Überschüsse großer Solarthermischer Anlagen die im Sommer entstehen nur bei Einbeziehung der erwähnten großvolumigen Langzeit Wärmespeicher genutzt werden können, die Photovoltaik hat den Vorteil der ganzjährigen Netzeinspeisung wenn man von einigen bedingt sinnvollen Abregelungen die bei großen Anlagen entweder seitens Netzbetreiber oder bei kleinen Anlagen seitens Gestezgeber kommen absieht. Aber auch die Solarthermische Nutzung der Sonnenenergie ist durchaus eine gute Sache und kann helfen viele andere Energieträger einzusparen, ideal sofern das Dach groß genug für beides ist natürlich beides zu nutzen. Nicht zu vergessen das auch Solarthermie für Steuerung und Pumpen ein wenig Strom benötigt, genauso wie die meisten Biomasse Kessel die für Gebläse, Pumpen und Fördereinrichtungen oft gar nicht so wenig Strom verbrauchen, gut wenn man da ein wenig eigenen Strom vom Dach zur Verfügung hat. Wirklich interessant finde ich die Solarthermie bei Einbeziehung der Heizung und mit dem erwähnten Langzeit Speicher. Aber auch eine kleine Solarthermie nur für Warmwasser / Brauchwasser ist besser als nichts. Gerade im Bereich großer Wohnobjekte die durch Projektbaugesellschaften neu errichtet werden beobachte ich ein komplettes fehlen der Sonnenenergie Nutzung und das einseitige Nutzen von Biomasse. Das ist zwar besser als fossile Energie aber Biomasse ist auch in endlicher Menge verfügbar und sollte sparsam in Verbindung mit Sonnenenergie genutzt werden. Vorhandene Dachflächen zur Energiegewinnung zu nutzen ist noch mit am schonendsten für Natur und Landschaft.
  3. Rudolf Tarantik 30.03.2018, 18:32 Uhr
    Sehr gute und klare Analyse. Es gibt kein entweder/oder, sondern immer ein sowohl als auch bei der Energiewende. Auch bei der Wärmewende ist die Wirtschaftlichkeit der entscheidende Faktor, wobei hier nicht nur die betriebswirtschaftlichen Faktoren, sondern ganz besonders auch die volkswirtschaftlichen Kosten berücksichtigt werden müssen, also einen Preis bekommen müssen.

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