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„Verursacher sollen Kosten ihrer CO2-Emissionen tragen“

Entrepreneur Alexander Voigt in dem Büro seiner neuen Firma Lumenion in Berlin. (Foto: Niels H. Petersen)
Entrepreneur Alexander Voigt in dem Büro seiner neuen Firma Lumenion in Berlin. (Foto: Niels H. Petersen)

Bereits im Jahr 1996 gründete Alexander Voigt den Solarkonzern Solon. Aber als Pionier hilft es nicht zurückzuschauen, sondern nur der Blick nach vorn. Künftig werde Wind- oder Sonnenstrom inklusive Speicherung lokal billiger sein als der Anteil der Netzentgelte am Strompreis, prophezeit Voigt.

01.09.2017 – Die Schere werde sich weiter öffnen, meint Alexander Voigt, denn Technologien seien noch nie teurer geworden.

Herr Voigt, wie wird Ihrer Meinung nach die Energiewelt von morgen aussehen?

Dezentral. Und von unten nach oben. Statt Energie zentral zu erzeugen und dann zu verteilen, werden wir sie verstärkt da erzeugen, wo wir sie auch brauchen - und dann lokal verteilen, speichern und zwischen den Sektoren verschieben. Erst wenn es lokal oder regional keinen Bedarf mehr gibt, beziehungsweise der Bedarf nicht mehr gedeckt werden kann, werden wir auf höhere, überregionale Netzebenen zurückgreifen. Jedenfalls ist das die wirtschaftlichste Art Erneuerbare zu nutzen, wir wären gut beraten das System danach auszurichten.

Was passiert, wenn die Politik nicht bald die Weichen stellt?

Dann läuft die Politik Gefahr, dass sich immer mehr Teilnehmer aus dem System verabschieden. Wind- oder Sonnenstrom inklusive Speicherung ist heute schon zum Teil lokal billiger sein als der finanzielle Anteil des Netzentgelts am Strompreis. Diese Schere wird sich weiter öffnen, wenn der Netzausbau wie geplant weitergetrieben wird. Die Infrastruktur wird nicht den wirtschaftlichen Nutzen haben, den man angenommen hat. Und damit sehr teuer!

Lokale Speicher werden demnach immer wichtiger. Wann wird der Prototyp Ihres neuen Wärmespeichers fertig sein?

Wir wollen in den nächsten zwölf Monaten ein Projekt umsetzen, bei dem die industrielle Prozesswärme von Erdgas auf Erneuerbare umgestellt wird. Im Gegensatz zur Batterielösung von Younicos befinden wir uns in keiner energiewirtschaftlichen Nische mehr. Das Projektvolumen mit einem potenziellen Kunden beläuft sich auf eine halbe Milliarde Euro.

Sie sind mehrfacher Firmengründer. Was sind die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Gründung?

In der erneuerbaren Energiewirtschaft ist es wichtig, nach vorn zu schauen. Die eigene Existenz aus Daten der Vergangenheit abzuleiten, ist keine gute Idee. Stattdessen sollte man sich fragen, was in fünf oder sieben Jahren gebraucht wird. Auch gilt es, alle Beteiligten entlang der gesamten Wertschöpfungskette einzubinden. Mit einem gewissen Risiko muss man ebenfalls leben können. Bei der Suche nach Kapital ist das nicht immer hilfreich, aber dafür beschert der lange Vorlauf für Projekte ausreichend Zeit.

Younicos wurde gerade von Aggreko gekauft. Sind Sie rückblickend zufrieden mit der Entwicklung der Firma?

Die Gesamtentwicklung erfüllt mich schon mit Stolz. Was mich weniger zufrieden macht, ist, dass wir gegen die bestehende Lobby in Deutschland relativ erfolglos angerannt sind, während die Verantwortlichen in Kalifornien unsere amerikanische Konkurrenz mit offenen Armen empfangen haben. Sie haben die Bedeutung der Stabilisierung für das Stromnetz schneller in bestehende Regularien eingebettet. In den USA sind Batterien mittlerweile ein Milliardenmarkt.

Auch dank der Einspeisevergütung durch das EEG konnte die Photovoltaik überhaupt den weltweiten Ausbauboom erreichen. Braucht es künftig noch ein EEG für die Energiewende?

Nein, ich denke, mittlerweile braucht es keine Subventionen mehr. Wir brauchen aber den Vorrang für Erneuerbare, Ökostrom muss im Netz immer Vorfahrt haben. Mit Blick auf die bevorstehende Dekarbonisierung müsste die Wettbewerbssituation im Energiemarkt auf eine neue Grundlage gestellt werden: Die Politik sollte die über Jahre hinweg angestiegene Zahllast durch die EEG-Umlage vom Strom wegnehmen und auf die verbrauchte Kilowattstunde durch fossile Primärenergie umlegen. Es geht dabei nicht um eine nebulöse CO2-Bepreisung, sondern um eine gut planbare und genau zu kalkulierende Basis für die Industrie hierzulande. Soziale Härten sollten darüber hinaus abgefangen werden, damit das Gas zum Heizen für einkommensschwache Haushalte nicht zu teuer wird. Nach meinen Berechnungen bräuchten wir 2 bis 2,5 Cent pro Kilowattstunde Primärenergie, egal, ob es Diesel, Gas oder Kohle ist, um die EEG-Kosten zu decken.

Was bedeutet das konkret für den Kohlestrompreis?

Kohlestrom braucht mehr als drei Kilowattstunden Primärenergie, um eine Kilowattstunde Strom zu produzieren. Folglich würden auf den Kohlestrom 7,5 Cent aufgeschlagen. Bei Gas wären es 5,5 Cent. So käme deutlich mehr Transparenz in den Herstellungsprozess – und die effizientesten Technologien würden belohnt. Sonnen- und Windstrom wären unschlagbar günstig, Gas wäre günstiger als Kohle. Und die Verursacher trügen die Kosten ihrer eigenen CO2-Emissionen.

Wie reagiert die Industrie auf Ihren Vorschlag?

Alle Unternehmen, die nicht an der Wettschöpfungskette von Öl, Kohle und Gas hängen, sind massive Treiber für den Umbau hin zur Ökoenergie. Mit der Organisation RE100 haben sich hundert internationale Konzerne verpflichtet, sich vollständig mit Erneuerbaren zu versorgen. Die nationalen Regierungen wiederum stehen unter enormem Druck seitens der Lobbyisten der fossilen Energiewirtschaft. Aber bereits heute entscheiden sich internationale Konzerne für einen Standort aufgrund dessen erneuerbarer Energieversorgung – diesen Trend scheint die Politik zu verschlafen.

Fehlt den Unternehmen nicht ein ökonomisches Modell, das die grüne Infrastruktur untermauert?

Ein Teil der Wirtschaft schaut immer auf die Zahlen der Vergangenheit. Das ist ohnehin keine gute Basis für eine Entscheidung. Ich orientiere mich lieber an den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten von Physik und Ökonomie: Technologien sind noch nie teurer geworden, nur der Preis von Rohstoffen steigt. Der Wettbewerbsvorteil der Erneuerbaren wird sich somit immer klarer herausstellen, und zwar überall auf der Welt.

Die Aufgabenstellung hat sich also verändert und die Politik läuft nur hinterher?

Die neue Industrie passt sich sehr viel schneller an die Gegebenheiten an als der Gesetzgeber. Gerade die Industrie 4.0 wird sich künftig dort ansiedeln, wo Strom günstig ist: in Norddeutschland. Bis die Gleichstromtrassen bis nach Bayern fertiggestellt sind, wird Audi womöglich schon nicht mehr in Ingolstadt produzieren. Bereits vor 150 Jahren hat sich die Industrie dort angesiedelt, wo Kraftwerke Strom erzeugten.

Das Gespräch führte Niels H. Petersen.

Alexander Voigt hat Physik, Mathematik und Meteorologie an der FU Berlin studiert. Nach dem Studium machte er sich mit einem Ingenieurbüro selbständig. Mitte der Neunziger gründete er Solon, den zeitweilig größten Produzenten von Solarmodulen. 1998 ging das Unternehmen als erste Cleantech Firma an die Börse. Schon früh erkannte Voigt die Bedeutung von Batteriespeichern. Nach zwei Jahren Vorarbeit baute er die Firma Younicos auf, die gerade vom britischen Konzern Aggreko gekauft wurde. Sein aktuelles Thema mit der frisch gegründeten Firma Lumenion ist die Sektorenkopplung von Strom und Wärme. Mit seiner Firma Grips bietet er zudem eine netzunabhängige Energieversorgung von Unternehmen basierend auf erneuerbaren Hybridsystemen an.

   

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