Atomenergie: 40 Jahre nach Tschernobyl

Krieg und Erosion setzen dem nuklearen Erbe von Tschernobyl 40 Jahre nach der Katastrophe schwer zu. Die durch Drohnenangriffe beschädigte Reaktorruine bleibt ein Mahnmal für die Risiken der Atomenergie.
24.04.2026 – Vier Jahrzehnte nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl wächst die Sorge um die Sicherheit des havarierten Reaktorgeländes. Die Schutzhülle der noch immer stark radioaktiven Reaktorruine wurde 2025 durch einen russischen Drohnenangriff schwer beschädigt. Greenpeace dokumentiert in einem Report die Folgen – und wirbt für Unterstützung beim Wiederaufbau.
“Vierzig Jahre nach der Katastrophe zeigt sich: Atomkraft bleibt ein unkalkulierbares Risiko, das in den Händen von Aggressoren zur Waffe wird”, sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace. “Wer die Schutzhülle von Tschernobyl angreift, nimmt eine weitere Atomkatastrophe in Kauf. Wir stehen an der Seite der Ukraine und fordern mehr Mittel für den sofortigen Wiederaufbau der Hülle.”
Die Havarie des AKW Tschernobyl gilt noch immer als schwerster Unfall in der nicht-militärischen Nutzung von Atomkraft. Das Gebiet um die Reaktorruine ist in einem Radius von 30 Kilometern auch vierzig Jahre nach dem Unfall eine nukleare Sperrzone mit hoher Strahlenbelastung.
‚New Safe Confinement‘ durch Drohnenangriff beschädigt
Anfang 2025 durchschlug eine russische Geran-2-Drohne mit einem hochexplosiven Sprengkopf die äußere Hülle des ‚New Safe Confinement‘ (NSC). Die Drohne schlug auf der nordwestlichen Seite des NSC ein, durchdrang sowohl die äußere als auch die innere Bogenschale und verursachte ein Loch von ca. 15 m2. Kritische Tragelemente wurden beschädigt und es gab kleinere Durchschläge beider Bogenschalen auf einer Fläche von etwa 200 m2.
Ein aus der Explosion resultierendes Feuer vernichtete zudem über die Hälfte der Isolierschicht, die für die Regulierung der Luftfeuchtigkeit im Inneren des Bauwerks notwendig war. Kleinere Brände schwelten noch über drei Wochen unter dem NCS. Um diese zu löschen, wurden an 332 Stellen in der äußeren Schale und den Stirnwänden des NSC Öffnungen geschnitten. Seither ist Kondenswasser zu einem wachsenden Problem geworden, und destabilisiert den darunter liegenden Sarkophag, der die unmittelbare Reaktorruine umschließt.
Notreparaturen haben die Außenfläche des NSC vorläufig abgedichtet. Ohne eine Reparatur vor 2030 werde die Schutzfunktion der Hülle dauerhaft beeinträchtigt, warnt Eric Schmieman in seinen ersten Einschätzungen für Greenpeace. Der Ingenieur gehörte seit 1998 zu den Hauptauftragnehmern bei der konzeptionellen Planung des NSC und wurde von Greenpeace Ukraine 2025 mit der Dokumentation und Einschätzung des Schadens beauftragt.
Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) hat inzwischen ein neues Finanzierungsprogramm mit internationalen Gebern aufgelegt. Ziel ist, 500 Millionen Euro für die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des NSC zu mobilisieren. Der fortlaufende Krieg Russlands gegen die Ukraine erschwert den Wiederaufbau allerdings erheblich. Die Atomruine Tschornobyl befindet sich im frontnahen Bereich des Kriegsgebiets, und wurde 2022 zwischenzeitlich von russischen Truppen besetzt. Mit Planungen und der Beschaffung von Material mit langen Lieferzeiten könnte jedoch bereits vor Kriegsende begonnen werden.
Die größte technisch bewegbare Struktur auf der Erde
Ursprünglich errichteten rund 90 000 Arbeiter in den Monaten nach der Katastrophe unter schwerwiegenden radiologischen Bedingungen eine provisorische Schutzhülle, um die Strahlung einzudämmen. Über den ‚Sarkophag‘ wurde ab 2010 in jahrelanger Arbeit eine weitere Schutzhülle gebaut. Durch die starke Strahlenbelastung konnte die neue Schutzhülle nicht direkt über der Reaktorruine errichtet werden. Stattdessen wurde sie über mehrere Jahre rund 500 Meter neben der Unfallstelle aufgebaut und anschließend langsam mit Hilfe eines eigens gebauten Schienensystems über den havarierten Reaktor 4 geschoben. Mit 110 Meter Höhe, 260 Metern Breite, 165 Metern Länge und 29.000 Tonnen Gewicht gilt die Hülle als wohl größte technisch bewegbare Struktur, die jemals auf der Erde gebaut worden ist.
Das ‚New Safe Confinement‘ wurde 2016 fertig und 2019 offiziell in Betrieb genommen. Die Schutzhülle sollte radioaktive Strahlung für weitere 100 Jahre einschließen sowie einen kontrollierten Rückbau der innenliegenden Reaktorstrukturen ermöglichen. Da die Ukraine die Kosten allein nicht hätte stemmen können, finanzierten die EU sowie 45 weitere Länder das Projekt. Der Bau der neuen Hülle kostete 1,6 Milliarden Euro, der Betrieb weitere 8 Millionen jährlich.
Dezentrale Energieversorgung als Sicherheitsgarant
Neben der Schutzhülle ist auch die Energieversorgung auf dem Gelände gefährdet. Die Sicherheitssysteme des Komplexes sind auf eine kontinuierliche Stromzufuhr angewiesen. Die Infrastruktur der Ukraine, einschließlich Kraftwerken und Stromleitungen, ist jedoch immer wieder Ziel russischer Angriffe, was regelmäßig zu Stromausfällen führt.
Um weniger abhängig vom instabilen nationalen Stromnetz zu werden, wird in der Sperrzone ein Solarkraftwerk errichtet, um kritische Anlagen der Reaktorruine auch bei großflächigen Netzwerkausfällen mit Strom zu versorgen. “Unabhängig, kostengünstig und sicher - auch die Bewacher:innen der Atomruine haben erkannt, dass die Zukunft in Erneuerbaren Energien liegt”, so Smital. Mit den Arbeiten wurde im März dieses Jahres begonnen.
Die schleichende Gefahr eines austrocknenden Kühlsees
Im nuklearen Sperrgebiet lauern allerdings noch weitere Risiken. In den Sedimenten des ehemaligen Kühlwassersees, der sich über mehrere Quadratkilometer neben der Ruine erstreckt, lagern seit der Explosion im Jahr 1986 hochradioaktive Nuklide und Partikel des Kernbrennstoffes. Da der See seit geraumer Zeit sukzessive austrocknet, befürchten Wissenschaftler, dass radioaktive Teilchen durch Winderosion oder Staubbildung erneut in die Umwelt gelangen könnten.
„Der austrocknende Kühlwassersee ist eine tickende Zeitbombe“, warnt Smital. „Wir dürfen die Ukraine neben dem Krieg nicht auch noch dieses Erbe der Atomkraft allein schultern lassen.” Gemeinsam mit dem Ukrainischen Hydrometeorologischen Institut (UHMI) haben Expert:innen von Greenpeace Ende des vergangenen Jahres Proben aus den tieferen Sedimentschichten entnommen, um die Verteilung und Stabilität der radioaktiven Teilchen zu untersuchen. Die Ergebnisse der Analyse werden für die kommenden Monate erwartet.
Nukleare Albträume und der Atomausstieg
Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl führte europaweit zu einem Umdenken in puncto Atomkraft, mehrere Staaten beschlossen einen Atomausstieg oder entschieden sich gegen den Neubau von AKW. Obwohl mit Fukushima 2011 noch eine weitere Atomkatastrophe hinzukam, sind bis 2026 nur Italien, Deutschland und Taiwan endgültig aus der Atomenergie ausgestiegen. Einige weitere Staaten wie Spanien haben einen Ausstieg angekündigt, andere Staaten sind von Ausstiegsplänen wieder abgerückt, wie etwa Japan und Schweden. In der EU sind Anfang 2026 noch 98 Reaktoren am Netz. Europas größtes AKW Saporischschja ist seit 2022 von russischen Truppen besetzt und wurde nach vermehrten Angriffen heruntergefahren. Ebenso wie die Ruine von Tschernobyl benötigt auch Saporischschja selbst im Stillstand eine permanente Stromzufuhr zur Kühlung, um eine erneute nukleare Katastrophe abzuwenden. Julia Broich






















































