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Foto: © Umweltministerium/Regenscheit

Nachgefragt 14.08.2025

60 Prozent Erneuerbare im Stromnetz, das macht mir Zuversicht

Auf ihrer Sommertour am Mindelsee haben wir mit Baden-Württembergs Grüner Umweltministerin über die Klimapolitik im Ländle und den Kurs der schwarz-roten Bundesregierung gesprochen.

Thekla Walker, Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (MdL Bündnis 90/Die Grünen)


Nachgefragt 14.08.2025

60 Prozent Erneuerbare im Stromnetz, das macht mir Zuversicht

Auf ihrer Sommertour am Mindelsee haben wir mit Baden-Württembergs Grüner Umweltministerin über die Klimapolitik im Ländle und den Kurs der schwarz-roten Bundesregierung gesprochen.

Foto: © Umweltministerium/Regenscheit

Thekla Walker, Ministerin für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (MdL Bündnis 90/Die Grünen)



Seit 1979 betreut der BUND den Mindelsee, eine einzigartige Naturoase am westlichen Bodensee. Im Rahmen ihrer Sommertour besuchte die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker diesen wertvollen Lebensraum.

Frau Walker, mit welchem Interesse besuchen Sie den Mindelsee?

Der BUND bietet hier eine wunderbare Möglichkeit, Natur zu erleben – und das in so toller Umgebung, das ist fast nicht zu toppen. Die Entwicklung der vergangenen Monate zeigt auch, wie wichtig Umweltbildung ist. Viele meinen, aktuell seien andere Themen wichtiger. Aber ohne natürliche Lebensgrundlagen haben wir keine Sicherheit und auch keinen wirtschaftlichen Erfolg. Das ist kein Entweder-Oder-Thema.

Beim Klimaschutz gab es zuletzt eine Diskussion über die Äußerung von Kanzler Merz, Deutschland trage nur zwei Prozent zu den weltweiten Treibhausgas-Emissionen bei. Was denken Sie über die Haltung?

Das ist anachronistisch. Ich dachte, wir sind über eine solche Denkweise längst hinweggekommen. Klar ist: Deutschland hat natürlich einen großen Einfluss weltweit als drittgrößte Volkswirtschaft und als Exportnation. Was wir zum Beispiel an Maschinen produzieren, wird in der ganzen Welt verwendet. Dann macht es natürlich einen Unterschied, ob diese Güter klimaneutral funktionieren oder nicht. Außerdem: Deutschland ist in Europa die Nation, die am meisten CO2 emittiert. Und wir haben natürlich unsere Vergangenheit. Wir haben einen unglaublichen Wohlstand. Und das Gutachten vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag hat ja noch einmal bestätigt, dass alle in der Verantwortung sind. Und deswegen ist diese Aussage nicht mehr zeitgemäß.

Mit Schwarz-Rot im Bund gibt es einen erkennbaren Rückschritt in der Klimapolitik. Gleichzeitig hat man den Eindruck, viele Mittelständler sind längst weiter und setzen massiv auf Photovoltaik und Batteriespeicher. Täuscht der Eindruck?

Ich glaube, dass dieses Blinken in Richtung fossile Kraftwerke, was wir gerade von der Bundesregierung vernehmen, nicht mehr der Realität entspricht. Viele Unternehmen überlegen doch: Wie können wir Erneuerbare Energien beziehen? Und warum tun sie das? Nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern weil die sicherer verfügbar sind, unabhängig von Sprüngen an der Börse, von Krisen und Kriegen. Das sind Themen, die für viele wichtige Standortfaktoren sind. Wir wissen von Unternehmen wie Witzenmann in Pforzheim, von Zeiss in Oberkochen, von Hansgrohe im Schwarzwald, dass die ohne fossile Brennstoffe auskommen wollen. Der Ehrgeiz müsste daher sein: Wie können wir es ermöglichen, und nicht: Was ist gerade schwierig, deswegen machen wir es nicht. Offensichtlich ist das Mindset bei der Bundesregierung: Das ist alles teuer und herausfordernd. Also müssen wir zwei Gänge zurückschalten. Ich glaube, das ist im globalen Markt und Wettbewerb, in dem bezahlbare Energie natürlich eine Rolle spielt, eine grundfalsche Einstellung.

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Beim Windausbau gibt es große Unterschiede, wenn man zum Beispiel Baden-Württemberg 2025 (53 Megawatt Zuwachs bis Juni) mit Nordrhein-Westfalen (knapp 600 MW) vergleicht. Was hat NRW, was The Länd nicht hat?

NRW war an manchen Stellen früher dran, die jetzt aber entscheidend sind – beispielsweise Windvorranggebiete zu planen. Damit sind wir auch Ende September durch. Dann gibt es bestimmte Einschränkungen, die wir haben, anders als NRW, etwa Hubschraubertiefflugschneisen der Bundeswehr. Es gibt ganze Landkreise, da können Sie gar nichts planen. Windhöffigkeit ist auch nicht so optimal überall. In einigen Hochlagen des Schwarzwaldes spielt Naturschutz wieder eine Rolle. Es kommen verschiedene Aspekte zusammen. Aber ich bin sicher, wir kriegen das hin. Wir haben jetzt 1.200 Windräder, für die es neue Genehmigungsanträge gibt. Und ich freue mich auch für NRW, dass es dort gut funktioniert. Wir brauchen überall Windenergie.

Richtig: Im Juni gab es einen Riesenschwung Genehmigungsanträge – 1.100 bei etwas über 800 Anlagen, die aktuell installiert sind in BaWü. Grund war das Ende der EU-Notfallverordnung – und damit von beschleunigten Genehmigungsverfahren. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Anlagen tatsächlich kommen?

Ich erlebe schon, dass viele Bürgermeister dafür kämpfen, dass die Windräder errichtet werden, weil dies eine Einnahmequelle ist für die Kommunen. Denn die müssen, auch im reichen Baden-Württemberg, ganz genau rechnen. Wir haben wirtschaftlich schwierige Zeiten, das merken die Kommunen ganz besonders. Anlagen auf der eigenen Gemarkung können helfen, die Haushaltskasse zu füllen. Aber wir müssen dranbleiben. Man muss immer wieder erklären, warum Gas keine Alternative ist. Die hohen Preise der letzten Jahre kamen ja nicht durch die Erneuerbaren Energien. Das ist ein Märchen. Mein Appell an die Bundesregierung lautet daher, die Dynamik, die wir jetzt endlich haben, nicht auszubremsen. Wer hätte gedacht, dass wir mal 60 Prozent Erneuerbare im Netz haben.

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Viele Projektentwickler hadern mit Verzögerungen beim Netzzugang. Wie kann die Landespolitik helfen: Netzbetreibern und Anlagenplanern?

Das ist auf jeden Fall ein Faktor, der bremst. Zum einen gibt es Erleichterungen auf Bundesebene dahingehend, dass man Netzknotenpunkte überbaut und sie so gleichzeitig für Wind und Sonne nutzen kann. Wir fördern auf Landesebene zudem das Projekt SyNEA. Ziel ist es, die Planungen besser zu synchronisieren und Konflikte zwischen Netzbetreiber und Projektentwickler schon vorab aus dem Weg zu schaffen. Wir sind dran an dem Thema, haben beispielsweise Runde Tische gemacht mit den Netzbetreibern.

Das waren dann große Runde Tische bei der Anzahl der Netzbetreiber (870 bundesweit).

Richtig, der größte bei uns im Land ist Netze BW, und es gibt natürlich die vielen Verteilnetzbetreiber. Es ist nicht so, dass es nur die kleinsten sind, bei denen Probleme entstehen. Die Frage ist: Worin hat man investiert, wie viele Kapazitäten sind da? Und ich glaube, dass in Zukunft neben dem Netzausbau Themen wie Speicher, Digitalisierung und Flexibilitäten dringend weiterentwickelt werden müssen.

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Werfen wir noch einen Blick auf die kommunale Wärmeplanung. Hier will der Bund im Jahr 2026 die Förderung um 400 Millionen Euro aufstocken. Hätten Sie damit gerechnet? Und: Reicht das?

Wir brauchen vom Bund vor allem eine Planungssicherheit über das Jahr 2028 hinaus. Kommunen zum Beispiel, die in Baden-Württemberg ja für inzwischen 80 Prozent der Bürger:innen eine Wärmeplanung gemacht haben, müssen wissen: Kommt das Geld? Drei Jahre sind schnell rum. Was ist danach? Das muss geklärt werden. Zweitens muss geklärt werden: Wie können Stadtwerke zum Beispiel Investitionen tätigen, auch wenn die Mittel im Haushalt fehlen. Im Koalitionsvertrag im Bund steht: Es soll einen Fonds geben. Aber wie soll der aussehen? Das ist ganz entscheidend, damit es mit der Wärme vorwärtsgeht. Wir brauchen Klarheit, wo es jetzt hingehen soll. Man hat jetzt viel Geld hingelegt für Zukunftsinvestitionen. Ich würde sagen: Wenn das keine Zukunftsinvestition ist für die Kommunen, was dann? Wir reden ja immer vom schlafenden Riesen der Wärme, die nach wie vor wahnsinnig viel fossile Energie verbraucht. Da müssen wir ran. Wir sind bereit in Baden-Württemberg. Wir erwarten, dass es eine Sicherheit gibt, dass wir das jetzt umsetzen. In der Bundesregierung wird mir zu viel hin und her geredet zurzeit. Und diese Unsicherheit ist das größte Gift, gerade für große Investitionsentscheidungen.

… und gleichzeitig galoppiert die Erderhitzung. Was macht Ihnen Hoffnung?

60 Prozent Erneuerbare Energien im Stromnetz, das macht mir Zuversicht. Da weiß ich: Das kann keiner mehr vom Tisch wischen. Viele Unternehmen im Land investieren in Wärmepumpen, in klimaneutrale Produktionen. Vom Bäcker bis zum Mittelständler und Familienunternehmen. Nicht alle, das ist klar. Aber viele zeigen, es funktioniert. Und es spricht sich rum. Diese Schritte weiterzugehen ist wichtig – und sich nicht kirremachen lassen. Es gibt richtig viel, was gut läuft. Da können wir ruhig öfters mal hingucken.

Das Gespräch führte Benedikt Brüne.

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