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DeutschlandAktionsplan für die Kernfusion

Sonne
Die Sonne ist ein Kernfusionsreaktor in dem Wasserstoffatomkerne bei extrem hohem Druck und hoher Temperatur zu Helium fusionieren. Die Fusionsforschung versucht, diese Reaktion auf der Erde stabil zu rekreieren und damit Energie zu produzieren (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz).

Deutschland investiert Milliarden in die Kernfusion und plant das erste Fusionskraftwerk. Experten zweifeln jedoch, ob die Technologie zeitnah Strom liefern kann. Der Fokus auf Fusion könnte zudem von verfügbaren Erneuerbaren Energien ablenken.

17.12.2025 – Europa und Deutschland investieren gezielt in die Fusionsforschung. Die Bundesregierung plant sogar, in Deutschland das „weltweit erste Fusionskraftwerk“ zu bauen – wobei Länder wie die USA, Großbritannien und China ähnliche Zeitpläne verfolgen.

Kernfusion könnte langfristig eine CO₂-freie, grundlastfähige Ergänzung zu erneuerbaren Energien bieten – zumindest in der Theorie. An der Kernfusion wird bereits seit den 1950er Jahren geforscht. Viele Energieexperten bezweifeln, dass die Kernfusion absehbar einen wirtschaftlich tragfähigen Beitrag zur Energieversorgung leisten kann. Der Traum der sauberen Atomenergie könnte auch von Energiewende-Technologien ablenken, die bereits emissionsfreie Energie liefern.

Deutschland will erstes Fusionskraftwerk bauen

Bund und Länder finanzieren bereits jetzt kontinuierlich die Forschung unter anderem am IPP, KIT und Forschungszentrum Jülich. Im Oktober hat das Bundeskabinett einen milliardenschweren Aktionsplan für Fusionsforschung auf den Weg gebracht. Innerhalb der kommenden drei Jahre sollen mehr als zwei Milliarden Euro in die Fusionsforschung fließen. Bis Mitte der 2030er sollen technologische Ansätze weiterentwickelt und in der zweiten Hälfte der 2040er dann Fusionskraftwerke gebaut und in Betrieb genommen werden.

Fusion ist extrem forschungs- und kapitalintensiv – auch, weil noch viel Grundlagenforschung notwendig ist. In den vergangenen Jahren stieg das Interesse an Kernfusion deutlich: Weltweit wurden etwa 2025 über 10 Milliarden US‑Dollar an privatem Kapital in Fusionsunternehmen investiert.

Auf EU-Ebene wird die Fusionsforschung über das umstrittene Euratom-Programm koordiniert, das Forschung, Ausbildung und Großinfrastrukturen bündelt. Zusätzlich fördern neue, zeitlich begrenzte Programme gemeinsam mit der Industrie gezielt die Technologieentwicklung, etwa im Rahmen der Important Project of Common European Interest (IPCEI).

Atomkraft, nein danke?

Ein IPCEI ist ein EU-Förderrahmen, mit dem Mitgliedstaaten große, strategisch wichtige Technologien unterstützen dürfen, die für Europa insgesamt relevant sind – auch dann, wenn diese Förderung normalerweise nach EU-Beihilferecht nicht erlaubt wäre. IPCEI sind für Fusions-Startups interessant, weil die Förderung große, langfristige Finanzierung, europäische Industriekooperation und politische Priorisierung in einem Instrument bündelt. Die Teilnahme an einem im kommenden Jahr startenden IPCEI für innovative Kerntechnologien hat Deutschland allerdings noch nicht bestätigt.

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In Deutschland soll das erste Kraftwerk entstehen, das aus Kernfusion Energie erzeugt. Trotz großer Fortschritte sind sich Forscher uneinig über die Machbarkeit eines solchen Projekts. Die Fusionsforschung steht noch vor so einigen Herausforderungen.

Das liegt wohl auch daran, dass die deutsche Öffentlichkeit der Atomforschung kritisch gegenübersteht. In einer Umfrage des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Anfang des Jahres stimmten etwa nur rund 18 Prozent der Deutschen den Plänen der Bundesregierung zu, innovative Energieerzeugung wie Kernfusion staatlich zu unterstützen. Zudem fördert das IPCEI für innovative Kerntechnologien auch SMRs – also kleine Fissions-Atomkraftwerke.

Startups auf dem Weg zur Kernfusion

In Deutschland gibt es derzeit vier Fusions-Startups, die um die deutsche Teilnahme am IPCEI für innovative Kerntechnologien bangen. Sie verfolgen unterschiedliche Wege zur Kernfusion und deren Energienutzung: Proxima Fusion setzt auf das magnetische Stellarator-Prinzip, bei dem ein sehr heißes Plasma dauerhaft durch komplexe Magnetfelder eingeschlossen wird. Ihr Ansatz zielt darauf ab, die Physik zu durchdringen und besonders stabileFusionsprozesse zu schaffen. Ein Demonstrator ist für die frühen 2030er-Jahre geplant.

Gauss Fusion arbeitet ebenfalls an magnetischer Fusion, konzentriert sich jedoch weniger auf neue Grundlagenphysik als auf die industrielle Umsetzung. Das Unternehmen entwickelt Konzepte für Bau, Integration und Betrieb künftiger Fusionskraftwerke und denkt diese von Anfang an als Großindustrieanlagen. Entsprechend liegt der Zeithorizont für kommerzielle Anlagen eher ab den 2040er-Jahren.

Marvel Fusion und Focused Energy setzen auf laserbasierte Trägheitsfusion. Dabei werden winzige Brennstoffkapseln mit starken Lasern beschossen, sodass in kurzen, intensiven Impulsen Fusion entsteht. Marvel Fusion legt den Schwerpunkt auf Hochleistungslaser und industrielle Skalierbarkeit. Focused Energy arbeitet verstärkt an der Effizienz und Entwicklung der neuen Lasersysteme. Beide planen Demonstrationsanlagen in den 2030er-Jahren.

Die Fusionskonstante

Bei der Kernfusion verschmelzen zwei leichte Atomkerne zu einem schwereren Kern und geben dabei Energie ab. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Sonne, in der Wasserstoffatomkerne bei extrem hohem Druck und hoher Temperatur zu Helium fusionieren. Der Zustand der Materie unter diesen Bedingungen wird als Plasma bezeichnet. Auf der Erde ist es nicht möglich, den Druck der Sonne – rund 200 Milliarden Bar – zu reproduzieren. Um einen Fusionsprozess zu erzeugen, muss der fehlende Druck mit mehr Hitze kompensiert werden. Kernfusionsreaktoren müssen so dauerhaft Temperaturen von mehr als 15 Millionen Grad Celsius standhalten.

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Ein konkreter Pfad zur energetischen Nutzung von Kernfusion ist laut einer neuen DIW-Studie auch nach Jahrzehnten der Forschung nicht erkennbar. Dennoch treiben privat kofinanzierte Unternehmen mit hohen Investitionen die Forschung weiter an.

Energieexperten sehen die Kernfusionspläne kritisch. Über Jahrzehnte wurde in der Wissenschaft über die Fusionskonstante gewitzelt, nach der ein Durchbruch in der Fusionsforschung stets etwa 30 Jahre in der Zukunft liegt. Eine DIW-Studie befand erst im Frühjahr, dass ein konkreter Pfad zur energetischen Nutzung von Kernfusion auch nach Jahrzehnten der Forschung weiterhin nicht erkennbar sei. Alle derzeit gebauten Anlagen verbrauchen noch deutlich mehr Energie, als sie produzieren.

Unendliche, saubere Energiequelle, oder Ablenkung von der Energiewende?

Die Idee von Fusionskraftwerken passt zum derzeitigen Energiesystem, in dem sich Leistungsgrößen und Grundlast von 2 Gigawatt oder mehr gut integrieren lassen. Wären sie bereits verfügbar, könnte sie Lastspitzen abfedern und Versorgungssicherheit erhöhen, an neue Gaskraftwerke wäre kaum noch zu denken.

Doch um Erneuerbare Energien wie Wind und Solar effektiv zu nutzen, muss das Stromsystem flexibler und mehr auf volatile Einspeisung ausgerichtet werden. Einige Energieexperten stellen infrage, ob große, grundlastfähige Fusionskraftwerke in 20 bis 30 Jahren gut in ein stark auf volatile Einspeisung ausgerichtetes Stromsystem passen würden.

Kritiker warnen davor, dass der Traum von sauberer Atomenergie politische und finanzielle Aufmerksamkeit von bereits verfügbaren Energiewende-Technologien abziehen könnte. Bundeskanzler Merz hatte zum Beispiel im Wahlkampf wiederholt die Förderung der Kernfusion erwähnt, um andere Erneuerbare Energien zu ersetzen, etwa weil er Windräder hässlich fände. In Zeiten, in denen noch lange nicht der gesamte Strombedarf, geschweige denn der Energiebedarf aus Erneuerbaren Quellen gedeckt wird, könnte angenommen werden, ein schnelles Ersetzen fossiler Energieträger sei relevanter. jb

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