Herr Bitrak, ist das neue Gesetz über die Nutzung von Energie aus erneuerbaren Quellen ein Meilenstein für die Entwicklung der Photovoltaik und anderer Erneuerbarer Energien in Nordmazedonien?
Ich würde es durchaus als wichtigen Meilenstein bezeichnen, wenn auch vielleicht nicht deshalb, weil es den Markt grundlegend verändert. Nordmazedonien hat bereits unter dem bisherigen Energiegesetz ein deutliches Wachstum bei den Erneuerbaren Energien verzeichnet, insbesondere bei der Photovoltaik. Die Bedeutung des neuen Gesetzes liegt woanders. Zum ersten Mal werden Erneuerbare Energien durch einen eigenen und umfassenden gesetzlichen Rahmen geregelt und nicht mehr über verschiedene Bestimmungen des Energiegesetzes und untergeordnete Rechtsvorschriften. Damit hat Nordmazedonien seinen Regulierungsrahmen weitgehend an die EU-Richtlinie über Erneuerbare Energien (RED II) angeglichen und damit eine deutlich klarere und kohärentere Grundlage für künftige Investitionen geschaffen.
Was bedeutet das konkret für Projektentwickler und Investoren?
Aus Sicht von jemandem, der an der Projektentwicklung und -umsetzung beteiligt ist, liegt der größte Wert des Gesetzes in der erhöhten regulatorischen Sicherheit. Es führt mehrere Konzepte ein, die in den europäischen Märkten für Erneuerbare Energien bereits Standard sind, darunter Power Purchase Agreements für Erneuerbare Energien, Herkunftsnachweise, Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften, Energy Sharing, Agri-Photovoltaik, schwimmende Photovoltaikanlagen, co-lokierte Energiespeicher und erneuerbaren Wasserstoff. Dabei handelt es sich nicht lediglich um neue rechtliche Definitionen, sondern um Mechanismen, die neue Investitionsmodelle unterstützen und die Finanzierbarkeit von Projekten durch Banken verbessern.
Ebenso wichtig ist der Übergang zu stärker marktorientierten Fördermechanismen. Die Einführung wettbewerblicher Ausschreibungen und zweiseitiger Differenzverträge (CfDs), umgesetzt über Marktprämienmodelle, stellt eine bedeutende Weiterentwicklung des Förderrahmens dar. Statt sich ausschließlich auf feste Anreize zu stützen, werden Erneuerbare-Energien-Projekte künftig zunehmend in transparenten Ausschreibungen konkurrieren und gleichzeitig von langfristiger Erlösstabilität profitieren. Diesen Weg haben die meisten europäischen Strommärkte bereits eingeschlagen, und er wird sowohl von Investoren als auch von Finanzierungsinstituten grundsätzlich positiv bewertet.
Reicht die Gesetzgebung allein aus, um dieses Potenzial zu erschließen?
Nein, Gesetzgebung allein bringt keine Erneuerbare-Energien-Projekte zustande. Der Erfolg wird letztlich daran gemessen, wie wirksam sie umgesetzt wird. Die rechtzeitige Verabschiedung untergeordneter Rechtsvorschriften, effiziente Genehmigungsverfahren, institutionelle Koordinierung und fortlaufende Investitionen in die Übertragungsinfrastruktur werden darüber entscheiden, ob das Gesetz sein volles Potenzial entfaltet. In diesem Sinne sehe ich diese Gesetzgebung nicht als Abschluss des Reformprozesses, sondern als Beginn einer neuen Phase in der Entwicklung des nordmazedonischen Marktes für Erneuerbare Energien.
Was sind die wichtigsten Bestimmungen des neuen Gesetzes?
Anstatt einzelne Artikel hervorzuheben, sehe ich die größte Stärke des Gesetzes darin, dass es die Art und Weise verändert, wie Erneuerbare-Energien-Projekte künftig entwickelt und gefördert werden. Es bietet einen klareren und berechenbareren Investitionsrahmen, und genau das suchen Entwickler und Finanzinstitute. So bewegt sich der Sektor durch die Einführung wettbewerblicher Fördermodelle auf Basis von Ausschreibungen und Differenzverträgen in Richtung eines transparenteren und marktorientierteren Modells. Zugleich gibt die mehrjährige Planung von Förderprogrammen Investoren mehr Sicherheit, Projekte vorzubereiten und die Finanzierung zu sichern, statt auf kurzfristige politische Entscheidungen angewiesen zu sein.
Geht das Gesetz über die Stromerzeugung hinaus?
Ja, und das ist ein wichtiger Aspekt. Das Gesetz konzentriert sich nicht mehr ausschließlich auf die Stromerzeugung. Es schafft die Voraussetzungen für einen stärker integrierten Markt für Erneuerbare Energien, indem es die Beschaffung durch Unternehmen unterstützt, die Zertifizierung von erneuerbarem Strom verbessert und neue Technologien und Geschäftsmodelle anerkennt. Das ist wichtig, weil das künftige Energiesystem zunehmend nicht nur davon abhängen wird, wie viel erneuerbare Kapazität hinzugefügt wird, sondern auch davon, wie effizient Erneuerbare Energie gehandelt, gespeichert und in das Stromsystem integriert wird.mInsgesamt sehe ich den wichtigsten Beitrag des Gesetzes nicht in einer einzelnen Bestimmung, sondern darin, dass es ein reiferes regulatorisches Umfeld schafft, das besser mit den europäischen Marktprinzipien im Einklang steht und eine stärkere Grundlage für langfristige Investitionen bietet.
Wo sehen Sie noch Defizite?
Insgesamt bietet das neue Gesetz aus meiner Sicht eine deutlich stärkere Grundlage für die Entwicklung Erneuerbarer Energien als der bisherige Rahmen. Doch wie bei jeder größeren Reform, kann die Gesetzgebung allein nicht jede Herausforderung bewältigen, und es gibt weiterhin Bereiche, in denen Weiterentwicklungen erforderlich sein werden. Ein Bereich ist der Regulierungsrahmen für hybride Erneuerbare-Energien-Projekte. In ganz Europa kombinieren Entwickler zunehmend Technologien wie Solar-PV, Batteriespeicher und Wasserkraft, um die Nutzung der bestehenden Netzinfrastruktur zu optimieren und die Flexibilität des Systems zu verbessern. Zwar erkennt das Gesetz mehrere neue Technologien an, doch wäre eine weitere Klärung sinnvoll, wie Hybridprojekte in der Praxis entwickelt, an das Netz angeschlossen und betrieben werden sollen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass viele Bestimmungen des Gesetzes noch in detaillierte untergeordnete Rechtsvorschriften überführt werden müssen. Der Gesamtrahmen steht nun, doch Investoren benötigen klare Durchführungsbestimmungen zu Ausschreibungsverfahren, technischen Anforderungen, Herkunftsnachweisen, Genehmigungsprozessen und weiteren praktischen Aspekten, bevor der volle Nutzen des Gesetzes zum Tragen kommen kann.
Liegen die größten Herausforderungen weiterhin im Bereich der Gesetzgebung oder anderswo?
Ich glaube, die größten Herausforderungen bei der Entwicklung Erneuerbarer Energien sind nicht mehr in erster Linie gesetzgeberischer Natur. In der Praxis wird die Projektumsetzung häufig stärker durch die Netzverfügbarkeit, die Kapazität des Übertragungsnetzes, Genehmigungsfristen und die Koordinierung zwischen den verschiedenen am Genehmigungsprozess beteiligten Institutionen beeinflusst. Genau hier wird eine effiziente Umsetzung den größten Unterschied machen. Zudem entwickelt sich der Sektor der Erneuerbaren Energien sehr schnell. Technologien wie Batteriegroßspeicher, hybride Erzeugungsprojekte, erneuerbarer Wasserstoff und nachfrageseitige Flexibilität entwickeln sich schneller, als die Regulierung Schritt halten kann. Der Rechtsrahmen wird sich daher weiterentwickeln müssen, um Innovationen zu unterstützen und zugleich regulatorische Sicherheit für Investoren zu gewährleisten.
Worauf kommt es bei der Umsetzung des neuen Gesetzes am meisten an?
Die Priorität liegt nun darin, den Rechtsrahmen in eine praktische und effiziente Umsetzung zu überführen. Das Gesetz schafft eine solide Grundlage, doch sein Erfolg wird letztlich davon abhängen, wie konsequent und wirksam es angewandt wird. Der erste Schritt ist die rechtzeitige Verabschiedung der untergeordneten Rechtsvorschriften, die viele praktische Aspekte des neuen Rahmens definieren werden. Investoren und Entwickler brauchen klare Regeln für Förderprogramme, Ausschreibungsverfahren, technische Anforderungen und administrative Abläufe, bevor sie mit Zuversicht endgültige Investitionsentscheidungen treffen können. Zugleich sind fortgesetzte Anstrengungen zur Vereinfachung und Koordinierung der Genehmigungsverfahren ebenso wichtig. An Erneuerbare-Energien-Projekten sind in der Regel mehrere Institutionen beteiligt, und eine bessere Abstimmung zwischen ihnen kann die Entwicklungszeiten deutlich verkürzen und das Vertrauen der Investoren stärken.
Und welche Rolle spielt dabei die Netzinfrastruktur?
Eine weitere zentrale Priorität ist das Stromnetz. Nordmazedonien verfügt über ein hervorragendes Potenzial für Erneuerbare Energien und ein starkes Investoreninteresse, doch der Ausbau der erneuerbaren Erzeugung muss von Investitionen in die Übertragungsinfrastruktur, die Systemflexibilität und Energiespeicher begleitet werden. Das wird entscheidend sein, um größere Mengen erneuerbaren Stroms zu integrieren und gleichzeitig ein sicheres und zuverlässiges Stromsystem zu erhalten. Schließlich wird ein stabiles und berechenbares regulatorisches Umfeld von entscheidender Bedeutung sein. Erneuerbare-Energien-Projekte sind langfristige Investitionen, und Entwickler, Kreditgeber und Investoren müssen darauf vertrauen können, dass der Regulierungsrahmen über die gesamte Laufzeit ihrer Projekte transparent und konsistent bleibt. Wenn die Umsetzung dem Anspruch der neuen Gesetzgebung folgt, ist Nordmazedonien meines Erachtens gut aufgestellt, um weiterhin Investitionen anzuziehen und seinen Übergang zu einem saubereren, wettbewerbsfähigeren und nachhaltigeren Energiesektor zu beschleunigen.
Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein.
























































