Brennelemente-Fabrik in Lingen: Bundesregierung genehmigt russische Kooperation bei Atomprojekt in Deutschland

Allen sicherheitspolitischen Warnungen zum Trotz, hat der Bund wohl eine Kooperation des russischen Atomkonzerns Rosatoms in Niedersachsen genehmigt. Das Entsetzen ist groß. Die letztliche Entscheidung liegt jetzt bei Niedersachsens Umweltminister.
24.02.2025 – Deutschland selbst ist 2023 endgültig aus der Produktion von Strom mittels Atomenergie ausgestiegen. Den Anfang vom Ausstieg bewirkte die Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine und die folgende Energiekrise bewirkten zwar einen Streckbetrieb der letzten drei verbliebenden Atommeiler, zugleich wurde mit dem Ausstieg aber eine weitere Abhängigkeit von Russland beendet. Denn Russland ist einer der wichtigsten globalen Förderer von Uran, dem Treibstoff der Atomkraftwerke.
Doch in der Europäischen Union ist Russland weiterhin ein Big Player im Atombusiness. Laut letzten offiziellen Daten der europäischen Atomgemeinschaft Euratom, waren Russlands Importe 2024 für knapp ein Viertel (35,55 Prozent) des Bedarfs von angereichertem Uran in der EU verantwortlich. Auch wenn Deutschland die daraus produzierten Brennelemente nicht mehr selbst nutzt, ist es weiterhin Teil der europäischen Versorgungskette.
Im nordrhein-westfläischen Gronau wird weiterhin Uran für die Weiterverarbeitung angereichert und im niedersächsischen Lingen werden die Brennelemente produziert, die schließlich in den Atomkraftwerken für die Stromproduktion zum Einsatz kommen. Seit 1979 produziert Advanced Nuclear Fuels (ANF), eine Tochterfirma des französische Atomkonzern Framatome – die wiederum Tochter des größten Stromkonzerns des Landes, Edf, ist – in Lingen Brennelemente für den europäischen Markt und verschiedenste Reaktortypen.
Brennelemente für Sowjet-Reaktoren
Seit 2021 arbeitet Framatome auch an einer Kooperation mit dem staatlichen russischen Atomkonzern Rosatom zur Produktion von Brennelementen für sogenannten WWER-Druckwasserreaktoren, die noch aus sowjetischer Bauart stammen und von denen noch einige in Nord- und Osteuropa existieren. Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hinderte Framatome offensichtlich nicht daran, das Projekt weiterzuverfolgen. Im März 2023 wurde die Genehmigung des Projekts offiziell eingereicht.
Vladimir Slivyak, ist Co-Vorsitzender der russischen Umweltorganisation Ecodefense und Träger des Alternativen Nobelpreises. In der energiezukunft warnte er im letzten Jahr: „Das Lingener Projekt birgt das Risiko, Rosatom tiefer in die europäische Lieferkette einzubinden, die Abhängigkeit von russischem Nuklearmaterial zu erhöhen und indirekt Moskaus Kriegshandlungen zu finanzieren.“
Slivyak wieß darauf hin, dass Rosatom – ein Nuklearkonglomerat mit mehr als 350 Firmen – nicht nur ein ziviler Betreiber von Atomkraftwerken sei, sondern auch für das russische Atomwaffenprogramm verantwortlich. Zudem werde es von einem Aufsichtsrat beaufsichtigt, in dem viele sanktionierte Personen sitzen, darunter hochrangige Kreml- und FSB-Beamte.
Bundesregierung erteilt wohl Genehmigung
Wie das Nachrichtenmagazin Politico zuerst berichtete, hat die Bundesregierung jedoch letzte Woche eine entsprechende Erweiterung der Brennelemente-Fabrik in Lingen unter Auflagen genehmigt. Eine offizielle Verlautbarung des Bundes steht noch aus. Bald schon sollen sogenannte hexagonale atomare Brennelemente für WWER-Druckwasserreaktoren in Niedersachsen hergestellt werden. Für Rosatom in Deutschland operativ tätig werden würde die Tochtergesellschaft des russischen Atomkonzerns TVEL. Kritiker:innen befürchten jedoch schwerwiegende Sicherheitslücken.
Vladimir Slivyak sagte dazu letzte Woche: „Diese Entscheidung stärkt ein Unternehmen, das Teil der russischen Kriegsmaschinerie ist, und verschafft dem Kreml einen Zugang nach Deutschland. Im Herzen der EU birgt dieses Vorhaben große Sicherheitsrisiken für uns alle. Atominfrastruktur, die vor jeglicher Möglichkeit hybrider Kriegsführung und Spionage geschützt werden sollte, wird so zum Einfallstor für russische Einflussnahme.“
Patricia Lorenz, Atomexpertin bei Friends of the Earth Europe, ergänzte: „Die heute erteilte Genehmigung für die Anlage in Lingen ist ein Versuch, die Abhängigkeit von Rosatom in Russland zu mindern durch eine gemeinsame Brennstoffproduktion mit Rosatom in Deutschland. Zusätzlich zur bestehenden Abhängigkeit der Länder mit WWER-Reaktoren entsteht damit ein weiteres Sicherheitsrisiko in Deutschland und der EU.“ Dies zeige die enorme Abhängigkeit der Atomindustrie von Russland und den großen Einfluss von Rosatom auf politische Entscheidungen.
Bettina Ackermann von der bundesweiten Anti-Atom-Organisation ausgestrahlt, sagte: „Wer der russischen Atombehörde Rosatom Zugang zur Atomfabrik in Lingen verschafft, gefährdet die innere und äußere Sicherheit Deutschlands und anderer EU-Staaten. Welches Spiel spielt die Bundesregierung? Erst Anfang des Monats bekräftigte Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Solidarität mit der Ukraine. Jetzt fällt er ihr mit der Empfehlung zum Rosatom-Deal in den Rücken. Er muss Putins Einstieg in die Brennelementefertigung in Lingen stoppen.“
Wie wird Niedersachsens Umweltminister entscheiden?
Die Fraktion von Bündnis 90/die Grünen hatten im Bundestag im Dezember 2025 noch einen Antrag eingebracht, die Zusammenarbeit mit russischen Unternehmen in der Anlage in Lingen zu verhindern. Jedoch stimmten nur 130 dafür und 454 Abgeordnete dagegen. Die letzte Genehmigungsentscheidung obliegt nun beim niedersächsischen Umweltministerium. Auf Anfrage des Norddeutschen Rundfunks, wollte sich das Ministerium bis Freitag letzter Woche nicht zu den Vorgängen äußern.
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer von den Grünen zeigte sich bislang kritisch gegenüber dem Projekt. Pressemitteilungen des Umweltministeriums von 2024 zufolge, sagte Meyer unter anderem: „Der Einfluss Russlands auf den Atomsektor in Deutschland und Europa bereitet mir große Sorgen.“ Warnungen des niedersächsischen und bundesweiten Verfassungsschutzes vor Sabotage, Spionage und Desinformation aus Russland seien sehr ernst zu nehmen. Viele Experten aus der Ukraine und Osteuropa würden vor dem direkt in den Angriffskrieg verwickelten staatlichen Atomkonzern Rosatom, der auch im besetzten ukrainischen Atomkraftwerk Saporoschje mit Vorwürfen von Folter, Verletzung der Menschenrechte und Verwicklung in kriegerische Handlungen konfrontiert ist, warnen. mg




















































