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Danger immédiat! Frankreichs Atommeiler sind ein Risiko

Idylle mit Strahlkraft: Das AKW Cruas liegt etwa 15 Kilometer von der französischen Gemeinde Montélimar entfernt im Département Drôme am rechten Ufer der Rhone. (Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft)
Idylle mit Strahlkraft: Das AKW Cruas liegt etwa 15 Kilometer von der französischen Gemeinde Montélimar entfernt im Département Drôme am rechten Ufer der Rhone. (Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft)

Zehn von 58 französischen AKW sind in einem katastrophalen Zustand. Das haben zwei Journalisten nach langen Recherchen herausgefunden und klagen Behörden und Atomlobby an, mit Verschleierungstaktik Mensch und Umwelt einem enormen Risiko auszusetzen.

09.02.2018 – Mit ihrem gerade erschienenen Buch Nucléaire, danger immédiat editions.flammarion.com/Catalogue/flammarion-enquete/nucleaire-danger-immediat (deutsch: Kernkraft, unmittelbare Gefahr) rütteln die Autoren Thierry Gadault und Hugues Demeude ein wenig am Selbstverständnis der Franzosen bezüglich ihrer Energieversorgung mit Atomkraft. In Frankreich sind 58 Atomreaktoren mit einer theoretischen Gesamtleistung von knapp 63.000 Megawatt in Betrieb. Immer häufiger gibt es allerdings Pannen und müssen Reaktoren zeitweise abgeschaltet werden. Die Atomkraftwerke sind über das ganze Land verteilt – zwei Drittel der französischen Bevölkerung lebe daher in einem Abstand von weniger als 75 Kilometer von einem Atomkraftwerk entfernt. Die meisten Franzosen beunruhigt das aber bislang nur selten.

„Was wir gesehen haben ist katastrophal und beunruhigend“

Das älteste AKW Frankreichs ist die Anlage im elsässischen Fessenheim nahe der deutschen Grenze. Seine Abschaltung wurde immer wieder hinausgezögert, bereits die letzte Regierung hatte es zu Zeiten ihrer Amtszeit versprochen – nun soll es Ende dieses Jahres soweit sein. Auf beiden Seiten der Grenze protestierten die Anwohner und sind in großer Sorge. Wohl zu Recht: Denn Thierry Gadault und Hugues Demeude sind sich nach ihren Recherchen einig, dass es nicht mehr die Frage ist ob ein schwerer Unfall in Frankreich möglich sei, sondern vielmehr wann er passieren werde. Denn noch nie sei die Gefahr eines schweren Unfalls so groß gewesen wie aktuell.

Zehn der 58 französischen Atomreaktoren seien in einem katastrophalen Zustand, haben die beiden Journalisten recherchiert. Dazu zählten Fessenheim, Tricastin an der Rhone, Le Bugey zwischen Lyon und Genf, Saint-Laurent-des-Eaux in der Nähe von Orléans (wo es bereits vor rund 40 Jahren einen Unfall gab der teilweise vertuscht wurde), Blayais bei Bordeaux oder Gravelines am Ärmelkanal. Viele Meiler haben die 40 Jahre erreicht. Ihr Zustand sei beispielhaft, sagen die Autoren – das heißt: meist miserabel. Lange habe es keine bedeutenden Investitionen in die Instandhaltung und Sicherheit der Atomrektoren mehr gegeben, warnen sie, die Instandhaltungsarbeiten der letzten Jahre seien reine Flickschusterei. Besonders beunruhigend wenn man bedenke, dass zwei Drittel der Reaktoren des französischen Nuklearparks ab 2025 ihre 40 Jahre überschreiten werden. Doch auch bei den folgenden Generationen gibt es bereits jetzt massive Probleme: Civaux, Chouzé-sur-Loire, Flamanville.

Mit dem Risiko spielen

Im Herbst 2017 musste der Kraftwerksbetreiber EDF den Meiler Tricastin nach Aufforderung der Atomsicherheitsaufsicht ASN für rund zwei Monate stilllegen. Der Grund: Die Reaktoren von Tricastin befinden sich sechs Meter tiefer als der Wasserspiegel des Kanals, ein Deich schützt sie. Dieser Deich musste nun verstärkt werden, um das am Kanal gelegene Kraftwerk im Falle eines schweren Erdbebens vor Überflutungen zu schützen. Das erinnert an Fukushima.

Vor allem beunruhigend sei die Struktur der Reaktorbehälter, berichten die Autoren; der Stahl verändert sich im Laufe der Zeit und wird brüchig und rissig. Ein immer stärker auftretendes Problem an etlichen Reaktorbehältern der älteren Generation sind daher Risse in den Stahlwänden; dabei handele es sich auch häufig um Wassereinschlüsse im Stahl – manche bestehen sogar seit Fertigstellung. Die Laufzeiten richten sich daher auch nach Lebenszyklus und Sicherheit des Bauwerks und der Materialien – werden diese Zeiträume ignoriert, würde man bewusst auf Risiko spielen, mahnen die Autoren.

EDF plant Verlängerung der Laufzeiten

Die französische Sonntagszeitung JDD hatte in der letzten Woche aus dem Buch zitiert. Das sorgte auch deshalb für besondere Aufmerksamkeit, weil der Atomkonzern EDF (Electricité de France) eine Verlängerung der Laufzeiten der französischen Atomkraftwerke auf bis zu 60 Jahre anstrebt. Der Energieversorger hatte Anfang des Jahres angekündigt, nach der Stilllegung von Fessenheim erst ab dem Jahr 2029 weitere Atomkraftwerke schließen zu wollen. Falls die Atomsicherheitsaufsicht Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) dem Vorhaben zustimmen sollte, müsste der hoch verschuldete und zu großen Teilen staatliche Konzern viele Milliarden in die Instandhaltung investieren.

Die Ergebnisse aus dem Buch dementierte EDF bereits: Die nukleare Sicherheit habe für EDF höchste Priorität. Einige Fakten seien bekannt, die als neu präsentierten Fakten entsprächen jedoch nicht der Wahrheit. Sechs Jahre lang haben die beiden Journalisten recherchiert und stützen sich nach eigenen Angaben auf Quellen von Wissenschaftlern des Atomkommissariats und der Atomsicherheitsaufsicht, zudem auf interne Quellen bei EDF, Dokumente, die nie veröffentlicht worden seien. Atompolitik- und -wirtschaft in Frankreich hätten in den letzten 50 Jahren eine Kultur aus Lügen und Verschleierung aufgebaut, beklagen die Journalisten. Unfälle wie damals in Saint-Laurent-des Eaux und andere schwere Unfälle mit Austritt von Plutonium in die Umwelt und in die Flüsse würden seit Jahren vertuscht.

Frankreich beim Ausbau Erneuerbarer hintendran

Frankreich hängt am Atomstrom und ist beim Ausbau Erneuerbarer Energien schwer hintendran. Bereits in der letzten Legislaturperiode des sozialistischen Präsidenten Francois Hollande wurde das Ziel gesetzt, den Anteil von Atomstrom in Frankreich bis zum Jahr 2025 entscheidend zu senken. Doch auf der Klimakonferenz in Bonn im November letzten Jahres verkündete Frankreichs Umweltminister Nicolas Hulot, dass der geplante Rückbau von Atomkraftwerken in der Grande Nation wie vorgesehen utopisch sei. Frankreich könne den Anteil der Atomenergieerzeugung von derzeit 75 Prozent bis zum Jahr 2025 nicht auf 50 Prozent reduzieren, wie es im Energiewendegesetz vorgesehen ist. Der ehemalige Umweltaktivist strebe für die Energieversorgung der Franzosen nun eine schrittweise und langfristige Planung auf weitere Jahre an. Das klingt vage und nicht besonders vielversprechend. na


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