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Treibhausgasemissionen 2025Das eingehaltene Klimaziel, das täuscht

Nächtliche Aufnahme des Brandenburger Tors in Berlin, von einer breiten Straße aus gesehen. Vor dem beleuchteten Tor verlaufen mehrere Fahrspuren, auf denen die Lichter vorbeifahrender Fahrzeuge als lange Lichtspuren erscheinen. Ampeln und Straßenlaternen setzen grüne und rote Lichtakzente in der dunklen Szene.
Nächtlicher Verkehr am Brandenburger Tor in Berlin: Emissionen weiterhin  zu hoch (Foto von Matthieu Rochette auf Unsplash)

Deutschland hat sein Jahresemissionsziel 2025 erreicht. Also alles gut? Eher nicht! Zwar geht es im Energiesektor voran, aber Gebäude und Verkehr verfehlen ihre Ziele. Und die Industrieemissionen sinken nicht wegen grüner Technologien.

08.01.2026 – Es ist die erste qualifizierte Schätzung von Deutschlands Emissionsausstoß im vergangenen Jahr. Der Think Tank Agora Energiewende legte am gestrigen Mittwoch die Studie „Die Energiewende in Deutschland: Stand der Dinge 2025“ vor, in der neben dem Bruttostromverbrauch der verschiedenen Energieträger auch erste belastbare Einschätzungen zum Jahresemissionsziel Deutschlands enthalten sind.

640 Millionen Tonnen an CO2-Äquivalenten wurden demnach in Deutschland im vergangenen Jahr ausgestoßen. CO2-Äquivalente umfassen alle Treibhausgasemissionen, inklusive Stoffe wie Methan und Lachgas, die als CO₂-Äquivalente umgerechnet werden. Das entspricht einer Minderung von 1,5 Prozent oder 9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente gegenüber 2024. Die Emissionen sind um 49 Prozent niedriger als im Referenzjahr 1990. Damit hält Deutschland das nationale Jahresemissionsziel ein.

Doch bei einem genaueren Blick sind die Zahlen gar nicht mal so positiv. So fielen die Minderungen schwächer aus als im Vergleich von 2023 zu 2024. Da sanken die Emissionen um 18 Millionen Tonnen beziehungsweise 3 Prozent. Also doppelt so stark wie im Jahr darauf. Im Trend der letzten 6 Jahre gingen die Emissionen jährlich sogar um 26 Millionen Tonnen zurück. Für die Erreichung der Klimaziele 2030 – Ein Rückgang der Treibhausgasemissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 – muss Deutschland ab jetzt seine Emissionen im Schnitt um 36 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente jährlich reduzieren.

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Ein echter und ein falscher Vorreiter

Zugpferd der Emissionsminderungen ist weiterhin der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Der Zubau von Solar- und Windkraft und gleichzeitig geringere Auslastung fossiler Kraftwerke, sorgte 2025 für einen Rückgang von 3 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten beziehungsweise Minus 1,5 Prozent im Energiesektor gegenüber dem Vorjahr. Zwar war das Windaufkommen vergleichsweise schwach, kompensiert wurde dies aber durch eine starke Solarstromerzeugung. Viele Sonnenstunden und eine starker Solaranlagenzubau trugen dazu bei, dass die Solarenergie nach der Windkraft inzwischen zweitwichtigster Stromlieferant ist. 17,5 Gigawatt (GW) wurden 2025 neu hinzugebaut. Die Windkraft kam auf ein Plus von 4,5 GW.

Noch deutlicher gingen die Emissionen im Industriesektor zurück – um 11 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente beziehungsweise 7,2 Prozent. Doch Agora Energiewende verweist darauf, dass dies überwiegend nicht in der Implementierung grüner Technologien bei Produktionsprozessen begründet ist, sondern vielmehr in wirtschaftlichen Verwerfungen. Die US-Zollpolitik, globale Überkapazitäten bei Grundstoffen wie Stahl- oder Chemiegütern und eine schwache Inlandsnachfrage hätten die energieintensive Produktion besonders stark getroffen.

„Die Spannungen an den Weltmärkten verschärfen den Handlungsdruck: Die deutsche Industrie braucht dringend Impulse für Investitionen in die klimaneutrale Modernisierung ihrer Produktion“, sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland. Umso wichtiger sei es, dass sich akute Krisenhilfe, wie etwa der Industriestrompreis, auch langfristig auszahlen kann. Dazu gehöre auch die Schaffung grüner Leitmärkte, also einer zuverlässigen Nachfrage nach Grünstahl und emissionsarmem Zement, etwa über Ausgaben des Sondervermögens. Das helfe sowohl der Wettbewerbsfähigkeit als auch dem Klimaschutz.

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Gebäude und Verkehr klar im Hintertreffen

Offensichtlich hinterher hinken weiter die Sektoren Gebäude und Verkehr. Aufgrund eines kalten Jahresbeginns 2025 stieg der Öl- und Gasverbrauch zum Heizen gegenüber dem Vorjahr an und ließ die Emissionen in diesem Bereich um 3 Millionen Tonnen beziehungsweise 3,2 Prozent gegenüber 2024 ansteigen. Auch der Kraftstoffverbrauch im Verkehr stieg wieder an – nachdem er im Jahr zuvor zurückging. 2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente beziehungsweise 1,4 Prozent mehr wurden 2025 im Verkehrssektor ausgestoßen.

Agora Energiewende verweist darauf, dass Deutschland nach bisher verfügbaren Daten abermals die im Rahmen der sogenannten Effort Sharing Regulation festgelegten europäischen Klimaschutzvorgaben um rund 30 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente verfehlt. Deutschland verbrauche damit sein EU-Emissionsbudget für Gebäude und Verkehr zu schnell und müsste nach derzeitigen Entwicklungen bis 2030 zusätzliche Zertifikate in Höhe von bis zu 34 Milliarden Euro kaufen.

Ein Lichtblick immerhin: der Trend beim Absatz von Wärmepumpen und E-Autos zeigt nach oben. Nach den geringen Absatzzahlen 2024, wurden im vergangenen Jahr mit rund 300.000 Stück erstmals mehr Wärmepumpen als Gasheizungen verkauft, und der Anteil von E-Pkw an den Neuzulassungen stieg auf knapp ein Fünftel (rund 545.000 Fahrzeuge). Der Anstieg der Neuzulassungen sei vor allem auf die Verschärfung der europäischen CO2-Flottengrenzwerte 2025 zurückzuführen.

Trotzdem würden weiterhin hohe Investitionskosten einen für die Klimaziele hinreichend schnellen Hochlauf strombetriebener Technologien in Industrie, Gebäuden und Verkehr bremsen, so Agora-Direktorin Bläsius. „Attraktive Strompreise, ein verlässlicher CO₂-Preispfad, zielgerichtete Förderung und ein schneller Zugang zu Stromnetzen schlagen die Brücke, sodass Haushalte und Unternehmen erneuerbaren Strom zum Heizen, zum Fahren und in der Industrieproduktion nutzen können.“ Den Rückenwind beim Absatz von Wärmepumpen und E-Autos sollte die Bundesregierung jetzt nutzen, indem sie die heimische Nachfrage und damit die Industrie stärkt, so Bläsius. Dann gelinge Deutschland auch der Anschluss bei den Zukunftstechnologien.

Klimaschutzgesetz vor Gericht

Bis Ende März muss die Bundesregierung ein Klimaschutzprogramm vorlegen, mit dem die Klimaziele für 2030 und 2040 erreicht werden. Deutsche Umwelthilfe, Greenpeace und Germanwatch sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) hatten 2024 gemeinsam mit über 54.000 Einzelpersonen Verfassungsbeschwerden gegen die Abschwächung des Klimaschutzgesetzes durch die vorherige Ampel-Koalition und die in ihren Augen unzureichenden Klimaschutzmaßnahmen der Bundesregierung eingelegt.

Doch auch Schwarz-rot lehnt in Stellungnahmen zu den Verfassungsbeschwerden zusätzliche Verpflichtungen zum Klimaschutz ab und bewertet die 2024 erfolgte Abschwächung als verfassungskonform. Die Berechnungen von Agora Energiewende zeigen (wieder einmal), dass Deutschland von der Erreichung der Ziele noch immer weit entfernt ist. Die Bundesregierung nehme sehenden Auges das Verfehlen ihrer eigenen gesetzlichen Verpflichtungen in Kauf, kommentiert der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Jürgen Resch, angesichts der Agora-Zahlen. „Mit unserer Klimaklage am Bundesverwaltungsgericht werden wir klare Vorgaben für ein Klimaschutzprogramm erwirken, das konkrete und überprüfbare Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele enthalten muss.“ Eine Entscheidung vom Bundesverfassungsgericht wird in diesem Jahr erwartet. mg

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