Gastbeitrag: Das Fossile Drama der Weltklimakonferenzen

In Belém eskaliert der Streit um den Ausstieg aus den Fossilen. Ein Feuer bricht aus und der neue Verhandlungstext liest sich wie eine Erklärung den Planeten in Brand zu stecken. Warum wir COPs dennoch brauchen, uns aber nie auf sie verlassen dürfen.
Gastbeitrag von Kathrin Henneberger
22.11.2025 – „Keine Öl- & Gasförderung im Amazonas“ – auf unzähligen Bannern und Plakaten war diese Botschaft auf der Großdemonstration am Samstag in Belém zu lesen, wurde gerufen und gesungen – von indigenen Vertreterinnen, Kleinbäuerinnen bis hin zu Gewerkschaften der Küstenfischer. Die Auswirkungen von fossilem Extraktivismus und Pipelines sind für sie nur allzu bekannt: Landnahme, verseuchtes Wasser, vergiftete Tiere und Krebserkrankungen, die in Gemeinden in die Höhe schnellen. Gleichzeitig beginnt das Amazonasgebiet aufgrund der Auswirkungen der Klimakrise bereits zu kippen – mit dem immer realer werdenden Szenario der Wandlung von Regenwald zur Savanne.
Im Verhandlungstext „Global Mutirão“ auf der Weltklimakonferenz in Belém steht schwungvoll geschrieben (Stand Freitagabend, 21. November): „… Achtsam darauf, dass wir uns im Herzen des Amazonas befinden, betonen wir die Bedeutung des Erhalts, des Schutzes und der Wiederherstellung von Natur und Ökosystemen, um das Ziel des Pariser Abkommens zu erreichen…“. Die Realität sieht jedoch anders aus und zeigt einmal mehr den Widerspruch zwischen schönen Textzeilen am Verhandlungstisch und den Geschehnissen in der Welt.
Neue Öl- und Gasförderungen statt einer gerechten Transformation
Denn noch immer drängen fossile Unternehmen – brasilianische wie europäische – auf neue fossile Erschließungen. Rund 47 % der Neuerschließungen in Lateinamerika und der Karibik sind dabei in Brasilien zu finden, berichtet die Organisation Urgewald. Viele neue Gas- und Ölförderungen befinden sich in ökologisch sensiblen Gebieten – wie beispielsweise im Amazonaswald sowie vor der Mündung, im Bereich des großen amazonischen Riffs. Korallenriffe und Mangrovenwälder – hier sind zwei Ökosysteme in Gefahr, deren Zerstörung 250.000 Fischern die Lebensgrundlage nehmen kann.
Einmal gebaut, so ist laut Urgewald zu befürchten, dass die neue fossile Infrastruktur 30 bis 50 Jahre genutzt wird – mit massiven ökologischen Auswirkungen vor Ort und globalen Folgen für das Weltklima. Und leider finden sich immer noch Banken, die nur zu willig sind, das Geld für die Finanzierung bereitzustellen. Rund 92 % der Finanzierung kommt von außerhalb der vom Extraktivismus betroffenen Region, und Santander sowie die Deutsche Bank befinden sich hier ganz vorne mit dabei.
Klimadiplomatie, die an ihre (fossile) Grenzen stößt
Die Interessen, weiterhin in fossile Infrastruktur zu investieren, sowie die Interessen von Unternehmen und Ländern (wie beispielsweise Saudi-Arabien), möglichst lange einen finanziellen Vorteil aus der Förderung und dem Verkauf fossiler Energieträger zu ziehen, prallen auf den Weltklimakonferenzen fundamental auf die Interessen von Vertreter*innen von Bevölkerungsgruppen und Ländern – aber auch von Gewerkschaften, Unternehmen und Banken –, die ein zentrales Interesse daran haben, einen verbindlichen Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Energien zu vereinbaren und Rahmenbedingungen sowie Mechanismen für eine gerechte Transformation (Just Transition) zu etablieren. Weltklimakonferenzen entscheiden im Konsens – solange einzelne Länder oder ganze Ländergruppen blockieren, schaffen es Formulierungen nicht in die finale Version des Verhandlungstextes.
Ausstieg aus den fossilen Energien, Fahrplan für diesen, Just Transition – am Ende der zwei Wochen Verhandlungen eskaliert es (wieder einmal) genau hier. Doch was ist zu tun, wenn sich Ländergruppen fundamental gegenüberstehen? Ab wann könnten nicht nur Akteure mit fossilen Interessen drohen, die COP ganz scheitern zu lassen, sondern auch progressive Akteure genug haben – und mit neuen Koalitionen multilaterale Vereinbarungen treffen?
Wenn bei politischen Vereinbarungen zu einem Thema keine Einigung in Sicht ist, wird oft der Verhandlungsraum erweitert. Weitere Themen werden hinzugefügt, bis jeder Akteur einen „Punktsieg“ hat, mit dem er gesichtswahrend vor seinen Interessengruppen treten und sich in der Öffentlichkeit als Gewinner darstellen kann. Bei der Frage „Fossiler Ausstieg – ja oder nein?“ ist es jedoch schwer, einen wirklichen Kompromiss oder eine Themenausweitung zu finden, die für die Gegner des Ausstiegs gleichwertig wäre.
Wie die COP endet, wird sich vermutlich im Laufe der Nacht oder des Samstags entscheiden – die Konferenz ist in die Verlängerung gegangen. Immer mehr Menschen reisen ab. Auf der Terrasse der COP-Cafeteria versammeln sich um 22 Uhr abends die verbliebenen Observer – wartend auf die nächste Version des Verhandlungstextes, auf die nächste Plenary, die noch nicht offiziell angekündigt, aber gerüchteweise schon bald beginnen könnte – oder auch nicht.
Watts Up Africa – Weltrettung einfach selbst in die Hand nehmen
Auf die Entscheidungen der COP warten – oder den Ausstieg aus den fossilen Energien und eine erneuerbare Elektrifizierung selbst in die Hand nehmen? Eine neue Initiative aus der afrikanischen Zivilgesellschaft geht bereits voran und nimmt eine gerechte Transformation selbst in die Hand. „Watts Up Africa“ (https://wattsupafrica.org/) verfolgt als neue Initiative beispielsweise das Ziel, Millionen von Menschen Zugang zu elektrischem Strom zu ermöglichen – durch den Aufbau einer erneuerbaren, dezentralen Energieinfrastruktur in den Händen der Menschen vor Ort. Solare Mini-Grids sollen ländliche Dörfer mit Strom versorgen, und mit Windparks sollen lokale Arbeitsplätze geschaffen werden.
Für einzelne Länder erarbeitet Watts Up Africa Szenarien und Konzepte für die Dekarbonisierung der Wirtschaft und den Aufbau einer 100 % erneuerbaren Energieversorgung – und zeigt damit einmal mehr: Menschen warten nicht auf Beschlüsse der COPs um aktiv zu werden. Die eigentliche Klimarevolution ist eine global vernetzte Graswurzelbewegung, die bereits selbst umsetzt, was sie fordert.
Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und war unter anderem Pressesprecherin von Ende Gelände. Für Bündnis 90/die Grünen saß sie von 2021 bis 2025 im Bundestag. Zur COP30 ist sie mit anderen Aktivist:innen auf einem Segelboot gereist. Hier kommen ihre Reisekolumnen zum Nachlesen:



























































