Gefährliche AbhängigkeitenDas Risiko der Atomkraft-Finanzierung

Toxic Danger
Öffentliche Finanzierung muss sich auf nachhaltige Entwicklung ausrichten – Atomkraft gehört nicht dazu (Bild: Getty Images / Unsplash+ Lizenz).

Kostenexplosionen, Sicherheitsrisiken - auch durch den Klimawandel – und geopolitische Abhängigkeiten machen Atomkraft zu einer schlechten Wahl. Experten fordern stattdessen den konsequenten Ausbau Erneuerbarer Energiesysteme.

24.04.2026 – Die zivile Nutzung von Atomkraft erfährt derzeit von verschiedenen Seiten wieder Aufwind. Bereits auf der COP28 hatten sich über 20 Staaten unter Federführung der USA selbst verpflichtet, die nukleare Kapazität bis 2050 zu verdreifachen. Auf Druck der USA hob Weltbank-Präsident Ajay Banga dann im Juni 2025 das langjährige inoffizielle Finanzierungsverbot für Atomkraftprojekte auf. Dieser Kurswechsel der Weltbank hat Signalwirkung für andere multilaterale Entwicklungsbanken. Nach der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) wird erwartet, dass weitere öffentliche Institute diesem Beispiel folgen werden.

Investitionen in Kernenergie – einschließlich kleiner modularer Reaktoren (SMRs) – führen zu Verschuldung und politisch riskanten Abhängigkeiten, zeigt der Report Debt, Delays, Dependencies – Why Public Banks Should Not Support Nuclear Power von Urgewald und Ecodefense. In dem Bericht wird eindringlich vor den Folgen der Weltbank-Entscheidung und einer Renaissance der Atomkraft gewarnt.

“Atomkraft ist weder eine Lösung für die Klimakrise noch eine tragfähige Strategie für eine nachhaltige Entwicklung. Die Zukunft der Energieversorgung liegt in sauberen, erneuerbaren, bezahlbaren und demokratischen Systemen – und die öffentliche Finanzierung muss sich entsprechend ausrichten“, kommentiert Claudia Kemfert, Professorin für Wirtschaftswissenschaften den Bericht.

Unwirtschaftlichkeit und explodierende Kosten

Neue Atomanlagen übersteigen die geplanten Budgets regelmäßig um ein Vielfaches. In Europa und Nordamerika liegen die realen Kosten im Schnitt um das 2,7-Fache über den ursprünglichen Schätzungen, wie verschiedene wissenschaftliche Studien belegen. Diese finanziellen Risiken trägt meist die Allgemeinheit, also die Steuerzahler und die Verbraucher, da private Investoren die unkalkulierbaren Kosten meiden. Anfang 2025 hatte sogar der französische Rechnungshof die fehlende Wirtschaftlichkeit der EDF-Kernkraftprojekte kritisiert. Auch deshalb verliert Atomenergie im Vergleich zu Erneuerbaren global an Bedeutung.

Die langen Bauzeiten von meist 10 bis 18 Jahren ist zudem nicht mit dem Zeithorizont der Dekarbonisierung bis 2045 in Europa und der allgemeinen Dringlichkeit der Klimakrise vereinbar. Zudem reduzieren Erneuerbare Energien CO2-Emissionen inzwischen zehnmal effektiver als Atomkraft.

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Besonders gehypt werden derzeit sogenannte kleine modulare Reaktoren (SMRs). Die Weltbank stellt SMRs bereits als Lösung für Entwicklungsländer dar, obwohl sie bisher lediglich als Konzepte existieren und nicht kommerziell verfügbar sind. Auch die EU hat im März eine Strategie vorgelegt, um kleine modulare Reaktoren – SMRs – zu fördern.

Im Vergleich der Baukosten zur tatsächlichen Leistung sind SMRs teurer als herkömmliche große Reaktoren, was den erzeugten Strom im Vergleich zu anderen Energiequellen unwirtschaftlich macht. Die SMRs sind zudem mit allen bekannten Problemen der Atomkraft behaftet und produzieren sogar noch mehr verstrahlten Atommüll, für den es nach wie vor kein Endlager gibt.

Sicherheitsrisiken und das ungelöste Müllproblem

Endlagerungskosten werden bei der Bewertung der Wirtschaftlichkeit oft unterschätzt oder gänzlich ignoriert. Weltweit konnte bis Ende 2025 kein einziges Land ein betriebsbereites Endlager für hochradioaktiven Müll vorweisen. Mit dem Endlager Onkalo plant Finnland in den kommenden Monaten die weltweit erste und einzige Anlage für eine etwa 100-jährige Endlagerung radioaktiver Brennelemente in Betrieb zu nehmen.Überall sonst bleiben die finanziellen und ökologischen Lasten der Entsorgung sowie die damit verbundenen Sicherheitsrisiken künftigen Generationen vorbehalten.

Atomkraftwerke sind zudem anfälliger für die Folgen der Erderwärmung. So liegen etwa 41 Prozent der weltweiten Anlagen an Küsten. Der steigende Meeresspiegel und andere Klimafolgen erhöhen die Betriebsrisiken erheblich. In den vergangenen Jahren führten Hitzewellen zudem immer wieder zu Problemen. Die Schweiz und Frankreich mussten in den Sommermonaten die Produktion von Atomstrom bereits wiederholt drosseln, da sich die Flüsse, die das Kühlwasser aufnehmen, sonst zu sehr erhitzt hätten. Notwendige Nachbesserungen an Katastrophenschutzplänen verursachen zusätzliche Kosten.

Geopolitische Risiken durch russischen Einfluss

Ein zentraler Aspekt des Berichts ist die Warnung vor einer verstärkten Abhängigkeit von autoritären Staaten. Für den weltweiten Kernkraftausbau sind vor allem China und Russland verantwortlich. Russland nimmt über sein Staatsunternehmen Rosatom eine weltweit führende Rolle beim Bau von Kraftwerken in anderen Ländern und der Urananreicherung ein. Rosatom kontrolliert derzeit über 40 Prozent der globalen Urananreicherung und versorgt rund 80 Reaktoren in 15 Ländern. Auch die EU ist für angereichertes Uran vollständig auf Importe angewiesen. Die Atomindustrie wurde als einzige im Energiesektor nach dem russischen Angriff auf die Ukraine nicht von der EU sanktioniert.

Der neue Finanzierungskurs der Weltbank senkt die ökonomischen Risiken für Projekte, von denen Russland direkt profitiert. Länder, die mithilfe öffentlicher Banken in die Kernenergie einsteigen, begeben sich langfristig in eine strategische Abhängigkeit von einem autoritären und unberechenbaren Staat.

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Atomausstieg sichern

Anfang dieses Jahres bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Europas Abkehr von der Atomkraft als einen strategischen Fehler. Der EURATOM-Vertrag verpflichtet allerdings die EU-Staaten ohnehin nach wie vor zur Förderung der Kernkraft. In ihrer Taxonomie hat die EU Atomkraft zudem als ökologisch nachhaltig eingestuft, was Finanzierung und Förderung neuer Projekte begünstigt. Sowohl die EU als auch Deutschland stecken zudem Milliarden in die Kernfusionsforschung, die dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nach energiewirtschaftlich auf absehbare Zeit keine Rolle spielen wird.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte sich kurz zuvor bereits ähnlich zum deutschen Atomausstieg geäußert. Auch andere Politiker wie etwa Unions-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn, CSU-Chef Markus Söder und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bringen immer wieder einen möglichen Wiedereinstieg Deutschlands in die Atomenergie ins Spiel. Tatsächlich wäre eine Wiederinbetriebnahme der abgeschalteten Reaktoren teuer und birgt hohe Sicherheitsrisiken.

„Deutschland hat aus den Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima die richtigen Konsequenzen gezogen, den Atomausstieg vollzogen und die Energiewende eingeleitet. In diesen Tagen sehen wir erneut, wie verletzlich eine auf fossile und atomare Großstrukturen ausgerichtete Energieversorgung ist: Es drohen durch den Angriffskrieg Russlands neue Gefahren für die Atomkraftwerke in der Ukraine, zugleich explodieren durch den Krieg am Persischen Golf die Öl- und Gaspreise. Eine Rückkehr zur Atomkraft ist keine Lösung“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. „Statt auf technische Luftschlösser zu hoffen, sollte die Bundesregierung den Ausbau der erneuerbaren Energien, von Netzen und Batteriespeichern konsequent vorantreiben. Nur so geht sichere und bezahlbare Energieversorgung.“ Die Zukunft einer nachhaltigen Entwicklung liegt nicht in der Atomkraft, sondern in sauberen, Erneuerbaren und demokratisch kontrollierten Energiesystemen. Julia Broich

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