Europäische UnionDer Emissionshandel am Scheideweg

Industrieanlage mit zahlreichen Schornsteinen und Rohrsystemen unter grauem Himmel, aus denen Rauch aufsteigt. Im Vordergrund stehen kahle Pflanzen und Gestrüpp, was der Szene eine düstere, industrielle Atmosphäre verleiht.
Chemieindustrie bei Köln, Deutschland (Foto von Felix auf Unsplash)

Die EU-Kommission plant den Emissionshandel aufzuweichen. Im Sinne der energieintensiven Industrie sollen überschüssige Zertifikate nicht mehr gelöscht, sondern in Reserve gehalten werden. Experten haben weitere Vorschläge.

07.04.2026 – Mit Anpassungen bei der sogenannten „Marktstabilitätsreserve“ will die EU-Kommission Veränderungen am europäischen Emissionshandelssystem – dem ETS – vornehmen. Für die Berechtigung des Ausstoßes von Emissionen müssen Konzerne im ETS Zertifikate erwerben. Der Preis für ein Zertifikat – was zum Ausstoß einer Tonne CO2 berechtigt – liegt aktuell bei etwas über 70 Euro. Bis 2025 aber konnten Emittenten einen Großteil ihrer Emissionen durch kostenlos ausgeteilte Zertifikate der EU stemmen – rund 85 Prozent der CO2-Emissionen.

Die Zuteilung der Gratis-Zertifikate aber wird seit Mitte des Jahrzehnts schrittweise verringert. Vor allem energieintensive Industrien, wie etwa die Chemiebranche, profitierten bislang von den kostenlosen Zertifikaten und sehen durch deren Rücknahme ihr Geschäftsmodell bedroht. Noch kurz vor Veröffentlichung der neuen Kommissionsvorschläge sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer vom Bund der Deutschen Industrie (BDI), Holger Lösch: „Die EU-Kommission muss das EU-Emissionshandelssystem (ETS) so reformieren, dass industrielle Produktion langfristig in Europa erhalten bleibt. Ohne schnelle Kurskorrekturen drohen Werksschließungen und Produktionsverlagerungen.“

Scheinbar zeigte die vorherige Lobbyarbeit der Industrie Wirkung. Noch am selben Tag, am Mittwoch den 01.04, veröffentlichte die EU-Kommission ihre Vorschläge für die Anpassung der Marktstabilitätsreserve. Nach dem derzeitigen System werden alle Zertifikate in der Marktstabilitätsreserve (MSR), die über 400 Millionen hinausgehen, ungültig gemacht. Die vorgeschlagene Änderung würde den Ungültigkeitsmechanismus stoppen, sodass diese Zertifikate als Puffer zur Unterstützung der Marktstabilität beibehalten werden können. die Marktstabilitätsreserve reduziert grundsätzlich das Angebot an Zertifikaten auf dem Markt, wenn zu viele im Umlauf sind, und bringt Zertifikate in den Markt ein, wenn eine Marktknappheit herrscht.

Klimaziele in Gefahr

Wopke Hoekstra, EU-Klimakommissar, sagte: Durch die Stärkung der Marktstabilitätsreserve erhöhen wir die Widerstandsfähigkeit des EU-Emissionshandelssystems gegenüber Volatilität und stellen sicher, dass es weiterhin die Dekarbonisierung vorantreibt, die Wettbewerbsfähigkeit unterstützt und saubere Investitionen fördert.“

Michael Bloss ist Klima- und Industriepolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament. Er hingegen sagt: „Wer den Emissionshandel jetzt schleift, bestraft alle Vorreiter, die Milliarden in die Transformation investiert haben.“ Zudem sei das Entkernen der Marktstabilitätsreserve eine massive Belastung für den Klimaschutz. Dies könne zu einer zusätzlicher Klimaverschmutzung in der Größe von einer Gigatonne CO2 führen – so viel, wie die jährlichen Emissionen von Deutschland und Italien. Mit dem Vorschlag untergrabe die Kommission jede Verhandlungsgrundlage für eine ambitionierte Reform des Emissionshandels nach 2030.

„Natürlich braucht die Industrie Unterstützung. Aber wenn die Bundesregierung Netzanbindungen verschleppt, Leitmärkte für grüne Produkte blockiert und stattdessen Klimainstrumente entkernt, ist das nur Symptomkosmetik auf Kosten des zentralen marktwirtschaftlichen Zukunftsinstruments der EU“, so Bloss.

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Einen weiteren Weg, wie die Industrie künftig im Emissionshandelssystem mitgenommen werden könnte, zeigen Forschende aus Deutschland und der Schweiz unter der Leitung des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) auf. Sie skizzieren eine schrittweise Integration von CO₂-Entnahmen – mittels Luftfilter-Systeme („Direct Air Capture“) und über das Verfeuern von Biomasse mit CO₂-Abscheidung („Bioenergy with Carbon Capture“) – in das Handelssystem.

So sollen zunächst Standards für Monitoring, Reporting und Verifizierung etabliert werden. Anschließend würden Entnahme-Projekte schrittweise in das Handelssystem überführt – in zunehmend größeren Mengen und in einer Weise, die Fehlanreize bei den Investoren vermeidet. Erst im dritten Schritt, um das Jahr 2040 herum, würden dann sämtliche Entnahmen und Rest-Emissionen über einen einheitlichen CO₂-Preis gesteuert.

Laut Modellstudie könnten könnte allein der bestehende EU-Emissionshandel für Energiewirtschaft und energieintensive Industrie die Anreize so setzen, dass die Firmen bis 2050 zwischen 68 und 86 Millionen Tonnen CO₂ jährlich aus der Atmosphäre zurückholen, je nach Kostenentwicklung. Auch könnten Zertifikate nur halb so teuer sein, wie ohne dieses zusätzliche Instrument.

„Das von uns bezifferte Entnahme-Potenzial wäre ein starker Beitrag zur Umsetzung der EU-Klimaziele“, sagt Darius Sultani, PIK-Forscher und Leitautor der Studie. „Sicherlich braucht es zudem auch spezielle Entnahme-Förderprogramme, doch der fiskalische Spielraum sei begrenzt, und es liege nahe, das marktwirtschaftliche Instrument des Emissionshandels gut zu nutzen.

Anfang Februar hatte die EU-Kommission selbst eine Verordnung vorgelegt, indem ein Markt geschaffen wird, wo Betreiber von Anlagen für ihre CO2-Entnahmen vergütet werden, beziehungsweise Förderungen erhalten. Vieles an der Verordnung aber, gilt noch als unzureichend. Die Vorschläge der EU-Kommission zur Änderung der Marktstabilitätsreserve derweil, gehen jetzt in den EU-Gesetzgebungsprozess. Im Laufe des Jahres werden weitere Vorschläge für eine Reform des ETS erwartet. mg

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