Foto: Tim Meyer

Meinung 12.02.2026

Deutschland im Netzstillstand

Deutschland leidet unter Kleinstaaterei bei den Stromnetzen und teuren Strom durch ineffiziente Organisation. Und jetzt auch an einer Ministerin, die die Ursachen dafür nicht beseitigen will. Stattdessen erklärt sie noch mehr Strukturchaos zur Strategie.

Tim Meyer, unabhängiger Energieexperte, Autor und Speaker


Meinung 12.02.2026

Deutschland im Netzstillstand

Deutschland leidet unter Kleinstaaterei bei den Stromnetzen und teuren Strom durch ineffiziente Organisation. Und jetzt auch an einer Ministerin, die die Ursachen dafür nicht beseitigen will. Stattdessen erklärt sie noch mehr Strukturchaos zur Strategie.

Foto: Tim Meyer

Tim Meyer, unabhängiger Energieexperte, Autor und Speaker



Das Netzpaket von Katherina Reiche ist kein Reformwerk zur Kostensenkung oder Modernisierung in Deutschlandgeschwindigkeit, sondern Stillstand mit Ankündigung. Zwar sind viele Ziele des Netzpakets richtig und wohlklingend formuliert. Doch im Kern ist es vor allem die Simulation von Entschlossenheit bei gleichzeitiger Modernisierungsverweigerung.

Das deutsche Stromnetz ist überlastet und überaltert. Nicht nur technisch, sondern vor allem organisatorisch. Wer heute Strom erzeugen, verbrauchen oder speichern will, kämpft nicht gegen Physik, sondern gegen Formulare. 851 Netzbetreiber, 851 Regelwerke, 851 Ausreden. Ergebnis: Stillstand.

Und was plant die zuständige Ministerin? Sie erklärt die Energiewende zur Generalschuldigen und gießt Benzin ins Feuer. Das sogenannte Netzpaket soll noch mehr Macht und Freiraum an jene übertragen, die seit Jahren strukturell überfordert sind und das System blockieren. Mehr Spielräume, mehr Ermessensfreiheit, weniger Verbindlichkeit. Und gleichzeitig mehr Kosten, Auflagen und Einschränkungen für Netzkunden wie Einspeiser und Speicher. Das ist kein Effizienzmanagement, das ist Sabotage.

Wer die Kosten der Energiewende wirklich senken und das Leben für alle Netzkunden vereinfachen will, muss standardisieren, statt weiter zu fragmentieren. Einheitliche Technik und einheitliche Prozesse, klare Fristen und Rechte für all die Unternehmen und Haushalte, die den Monopolen des Netzbetriebes heute hilflos gegenüberstehen.

Die deutschen Stromverteilnetze genügen nicht mehr den Anforderungen eines modernen Industriestaates. Zu wenig digitalisiert, zu starr, nicht leistungsfähig genug. Und Netzkunden scheinen in all dem nur eine Rolle zu spielen: zahlen zu müssen, koste es, was es wolle. Genau das zu ändern, verweigert Reiche. Stattdessen erklärt sie Kleinstaaterei zum Prinzip. Jeder Netzbetreiber darf weiter wursteln. Wer Pech hat, wartet. Wer zahlt, bekommt vielleicht Anschluss. Das ist Planwirtschaft ohne Plan.

Der passende Vergleich ist brutal einfach. Stellen wir uns ein Land vor, in dem jede Kommune selbst entscheidet, wie Straßen aussehen, ob sie befahrbar sind und wer sie nutzen darf. An jeder (Stadt)Grenze Schlagbaum und Chaos. Dauerstau. Wirtschaft im Standgas. Und zur Entspannung der Situation reagiert die Verkehrsministerin mit Fahrverboten statt Abschaffen des Flickenteppichs. Genau das passiert gerade beim Stromnetz.

Stromnetze sind Monopole. Kritische Infrastruktur. Sie dürfen nicht nach Gutsherrenart verwaltet werden. Wer hier keine einheitlichen Regeln durchsetzt, sabotiert die Energiewende und den Industriestandort gleich mit. Milliarden versickern. Investitionen bleiben liegen.

In diesem Netzpaket steckt auch viel Richtiges. Der Präambel des Gesetzentwurfes kann man fast durchgängig zustimmen. Natürlich müssen der Netzausbau und Anlagenzubau von Erzeugern, Speichern und Verbrauchern besser synchronisiert werden. Die vorgeschlagene Schaffung digitaler Plattformen für Netzkunden ist da ein guter Weg.

Doch mit solchen Maßnahmen simuliert das Netzpaket nach außen Tempo, während sein Kern die aktuellen Knoten in den deutschen Stromnetzen nur noch fester zieht.

Der Fehler steckt im Ansatz: die bessere Synchronisierung der Energiewende darf nicht darin bestehen, alles gleich langsam zu machen. Bringen wir lieber alles auf Deutschlandgeschwindigkeit – mit einfachen Standards, Digitalisierung und endlich einem Fokus auf den Nutzen für die Netzkunden.

Die zahlen schließlich die Netze.

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