KernfusionDie ewige Energie der Zukunft

Eine Weitwinkelansicht der Torushalle am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Greifswald. Das Bild zeigt die komplexe Infrastruktur, die den Stellarator Wendelstein 7-X umgibt, einschließlich kryogener Versorgungsleitungen, Diagnosesystemen, Gerüsten und verschiedener Hilfsgeräte. Die Dichte der Technologie unterstreicht die Komplexität eines der fortschrittlichsten Kernfusionsexperimente der Welt.
Kernfusion: Zwischen Zukunftsvision und Realitätscheck (Bild: Siarhei Besarab / CC BY-SA 4.0 / via Wikimedia Commons).

Seit Jahrzehnten gilt die Kernfusion als Energiequelle der Zukunft. Doch trotz Milliardeninvestitionen ist ein Kraftwerk nicht in Sicht. Eine DIW-Studie stellt die energiewirtschaftliche Relevanz infrage – und fordert ein unabhängiges Monitoring.

20.01.2026 – Für ihre Anhänger verkörpert die Kernfusion die langfristige Absicherung einer dekarbonisierten Welt. Doch trotz jahrzehntelanger Forschung, milliardenschwerer Programme und einem erneuten Forschungsaufschwung in den vergangenen Jahren ist ein kommerzielles Fusionskraftwerk bis heute nicht in Sicht. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) kommt erneut zu dem Schluss, dass Kernfusion energiewirtschaftlich auf absehbare Zeit keine Rolle spielen wird.

Innovationspolitik statt Energiepolitik

Die DIW-Studie argumentiert, Kernfusion sei heute weniger ein energiepolitisches als ein innovationspolitisches Thema. Während staatlich finanzierte Großprojekte langfristig auf ein Kraftwerk zielen, fokussierten sich private Unternehmen zunehmend auf marktfähige Teiltechnologien wie Hochleistungsmagnete oder Lasersysteme – mit deutlich kürzeren Innovationszyklen. Daraus leiten die Autoren die Empfehlung ab, die deutsche Forschungsförderung stärker auf technologieoffene, innovationsnahe Anwendungen auszurichten.

„Die deutsche Forschungspolitik sollte sich nicht am Ziel des ersten Fusionskraftwerks der Welt orientieren, sondern die Innovationskraft privater Unternehmen fördern“, meint Studienautorin Charlotte Dering von der Technischen Universität (TU) Berlin. Co-Autor Alexander Wimmers, Gastwissenschaftler in der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im DIW Berlin empfiehlt zudem: „Öffentliche Mittel sollten gezielt in Technologien mit kurzfristigem Nutzungspotenzial fließen – unabhängig von der energetischen Nutzung der Kernfusion.“

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Deutschland investiert Milliarden in die Kernfusion und plant das erste Fusionskraftwerk. Experten zweifeln jedoch, ob die Technologie zeitnah Strom liefern kann. Der Fokus auf Fusion könnte zudem von verfügbaren Erneuerbaren Energien ablenken.

Vorgeschlagen wird ein Fusion Monitoring, das künftig Transparenz darüber schaffen soll, welche Mittel in welche Projekte fließen, welche technologischen Reifegrade erreicht werden und welche realistischen Beiträge zur Energieversorgung absehbar sind. Die Fusionsforschung hat leistungsstarke Magneten, Hochtemperatur-Supraleiter, neue Werkstoffe und Lasertechnologien hervorgebracht, die bereits heute in Medizin, Industrie und Materialforschung Anwendung finden. Institutionen wie das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik oder internationale Kooperationen unter dem Dach von ITER können auch als langfristige strategische Investition in wissenschaftliche Souveränität gesehen werden.

Der Stand der Technik

International gilt ITER in Südfrankreich als zentrales Großprojekt. Der experimentelle Tokamak-Reaktor soll erstmals mehr Energie aus Fusion gewinnen als zum Aufheizen des Plasmas erforderlich ist. Allerdings ist ITER kein Kraftwerk, sondern ein Forschungsreaktor. Der Baubeginn verzögerte sich mehrfach, die Inbetriebnahme wird inzwischen nicht vor den 2030er-Jahren erwartet und die Kosten liegen bei deutlich über 20 Milliarden Euro.

Parallel dazu arbeiten nationale Programme wie das deutsche Max-Planck-Institut für Plasmaphysik etwa im Projekt Wendelstein 7-X an alternativen Reaktorkonzepten wie dem Stellarator. Viele private Unternehmen setzen verstärkt auf kompaktere Konzepte und Hochtemperatur-Supraleiter. Die Technologie befindet sich überwiegend im experimentellen Stadium.

Die deutschen Fusions-Startups konzentrieren sich auf verschiedene Konzepte wie Stellarator-Magnete oder Laserfusion, befinden sich aber wie internationale Konkurrenten größtenteils noch in der Entwicklungs- und Prototypphase. Typisch für Deutschland ist ihre enge Zusammenarbeit mit öffentlichen Forschungseinrichtungen und staatlich geförderten Programmen, während private Investoren in anderen Ländern oft dominanter sind.

Das Tritium-Problem

Bei der Kernfusionsreaktion verschmelzen zwei leichte Atomkerne – meist Deuterium und Tritium – zu einem schwereren Kern und geben dabei Energie ab. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Sonne, in der Wasserstoffatomkerne bei extrem hohem Druck und hoher Temperatur zu Helium fusionieren.

Anders als bei der Kernspaltung besteht kein Risiko einer unkontrollierten Kettenreaktion. Verliert das Plasma seine Stabilität, bricht die Fusionsreaktion unmittelbar ab. Auch die radioaktiven Abfälle wären im Vergleich zur heutigen Kernenergie deutlich geringer und weniger langlebig.

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In Deutschland soll das erste Kraftwerk entstehen, das aus Kernfusion Energie erzeugt. Trotz großer Fortschritte sind sich Forscher uneinig über die Machbarkeit eines solchen Projekts. Die Fusionsforschung steht noch vor so einigen Herausforderungen.

Die Materialfrage für Kernfusion bleibt ein offenes Problem. Während Deuterium praktisch unbegrenzt aus Meerwasser gewonnen werden kann, existieren weltweit nur wenige Dutzend Kilogramm Tritium – es kommt praktisch in der Natur kaum vor. Bei einem 1‑GW‑Fusionskraftwerk würden jedoch 50 bis 250 kg Tritium pro Jahr benötigt.

Derzeit wird Tritium vor allem als Nebenprodukt in Schwerwasserreaktoren gewonnen – Anlagen, die weltweit schrittweise vom Netz gehen. Künftige Fusionsreaktoren sollen Tritium zwar im Betrieb selbst aus Lithium erbrüten, doch diese Bruttechnologie wurde bisher nicht im industriellen Maßstab demonstriert. Ohne gesicherte Tritiumkreisläufe wäre ein kontinuierlicher Betrieb kaum möglich. Damit steht ein zentraler Baustein des Gesamtkonzepts noch aus.

Für die Energiewende irrelevant

Die Zeitachse bleibt ernüchternd. Seit den 1950er Jahren wird die kommerzielle Nutzung regelmäßig in wenigen Jahrzehnten in Aussicht gestellt – bislang ohne greifbares Ergebnis. Auch die Kosten sind gewaltig. Großprojekte wie ITER verschlingen zweistellige Milliardenbeträge, bei wiederholten Verzögerungen. Selbst optimistische Szenarien gehen davon aus, dass ein marktfähiges Fusionskraftwerk frühestens in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts verfügbar wäre. Für die Erreichung der Klimaziele bis 2045 oder 2050 käme die Technologie damit zu spät.

Wind- und Solarenergie wachsen global exponentiell und ihre Kosten sinken kontinuierlich, während die Fusion erhebliche öffentliche Forschungsmittel bindet – mit unsicherem Ertrag. Einige Experten, u.a. vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung argumentieren, dass diese Mittel in bereits verfügbare erneuerbare Technologien, Netze und Speicher effizienter investiert wären. Für die langfristige Technologiepolitik spielt die Fusionsforschung durchaus eine Rolle – für die kurzfristige Energiewende wohl kaum. jb

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