Frau Gewessler, Wien hat im Sommer 2026 eine große Hitze erlebt. Im Stadtteil Stammersdorf wurden Anfang August 41 Grad gemessen, die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad stieg ebenfalls erheblich. Wie haben Sie persönlich den Sommer erlebt?
Ich habe den Sommer, wie ganz viele Menschen in diesem Land, als sehr belastend erlebt, ich kann’s nicht anders sagen. Zu Ihren Zahlen können wir noch die Tropennächte hinzufügen, in denen es nicht mehr abkühlt und man nicht g’scheit schlafen kann. Ich habe oft gedacht, als mich beim Verlassen des Hauses die Hitzewalze erwischt hat: Wie geht’s der Nachbarin, die schon über 70 Jahre alt und oft krank ist. Wie geht die mit der Hitze um? Ich habe mit dem Besitzer eines Imbissstands gesprochen, dessen Arbeitsplatz ein Blechcontainer mit integrierter Hitzequelle ist. Wie übersteht er diese Tage? Er hat sich zum Beispiel ein Kühlspray organisiert. Es war also wirklich sehr belastend für ganz, ganz viele Menschen in diesem Land. Umso ärger ist es, dass man das Gefühl hat: Die Regierung steht daneben und schaut zu.
Lassen sich die Folgen durch Hitze und Dürre für die Landwirtschaft in Österreich bereits beziffern?
Es gibt mittlerweile Zahlen von Versicherungen, die die Schäden allein aus der Landwirtschaft in Österreich auf eine Milliarde Euro beziffern – allein aus der Landwirtschaft! Aber hinter diesen Zahlen, das ist wichtig zu erzählen, stehen ja sehr konkrete Geschichten. Da steht ein Landwirt, der vielleicht seit Generationen einen Betrieb und im Grünland massive Ertragseinbußen hat und nicht mehr weiß, wie er im Winter das Futter für seine Tiere zur Verfügung stellen soll.
In Österreich entfallen mehr als 90 Prozent des Stromverbrauchs auf Erneuerbare Energien, zu einem großen Anteil durch die Wasserkraft. Welche Folgen haben die fallenden Pegelstände?
Die Wasserkraft-Erzeugung leidet ebenfalls. Ich bin aufgewachsen in einem Land, das in der Nationalhymne als „Land am Strome“ besungen wird. Es gab viele Dinge, von denen wir in den 1980er-Jahren dachten, dass sie in Österreich nicht gut laufen. Aber dass Wasser knapp werden könnte und wir mit Niedrigwasser ein Problem haben könnten, nicht nur in den Flüssen, sondern auch beim Grundwasser – das war damals undenkbar. Und jetzt sind wir, im Sommer 2026, in so einer Situation, und das beeinträchtigt natürlich auch die Wasserkraft-Erzeugung, die ein Rückgrat der österreichischen Stromerzeugung ist. Das heißt auch, wir müssen teures Gas importieren, das hat wiederum Effekte auf die Strompreise, auch für den Winter. Die Sommerhitze hat einen Rattenschwanz an Folgen.
Nun liegen die Strompreise in Österreich zwar über dem EU-Durchschnitt (knapp 30 Cent pro kwh), aber weit unter denen von Deutschland (ca. 38 Cent/kwh). Der Think Tank Agenda Austria fordert dennoch: Netzentgelte runter, Steuersenkungen, Stopp der Förderung. Teilen Sie die Forderungen?
Ich teile nicht den Weg, der dort beschrieben wird. Aber die Frage: Wie schaffen wir es, in unserem Land eine leistbare Energieversorgung herzustellen, für die Industrie und Privathaushalte – dieses Anliegen teile ich. Und die richtige Ableitung daraus ist die Energiewende! Die günstigste Stromerzeugung haben wir mit den Erneuerbaren Energien vor der Tür. Das können wir selber anpacken.
Die Zahlen zeigen auch: Der Ausbau des Wind-Strom-Angebots hat einen unmittelbaren Effekt auf die Strompreise. Je mehr Windenergie, desto günstiger ist der Strom. Also ist umso mehr die Bundesregierung gefordert, bei der Energiewende nicht den Rückwärtsgang einzulegen, sondern sie auszubauen, um die Energieversorgung zu sichern, auch in puncto Preise.
Die Bundesregierung macht aber genau das Gegenteil, sie kürzt Förderungen für Erneuerbare, während sie wieder in Milliardenhöhe klimaschädliche Dinge fördert. Das betrifft auch die Abnahmeseite. Die beste Maßnahme, um die Netzkosten zu dämpfen, ist die weitere Elektrifizierung. Was macht die Regierung? Sie kürzt die E-Auto-Förderung, sie kürzt den Transformationsfonds für die Industrie und so weiter. Die Zielsetzung mag ich teilen, den Weg, den die Agenda Austria vorschlägt, nicht.
Bei der Diskussion um die Energiewende in Deutschland geht es um Themen wie den Netzausbau, den Zubau von Speicherkapazitäten. Auf der anderen Seite will Ministerin Reiche vor allem Gaskraftwerke ausbauen, aus, wie sie sagt, Kostengründen. Wie nehmen Sie die Diskussion in Deutschland wahr?
Ich halte das, was ich von Katherina Reiche sehe und lese, für zukunftsvergessen. Aus ihrer Sicht ist offensichtlich sogar die Kohle wieder eine Option für das deutsche Energieministerium, und das halte ich wirklich für den verkehrten Weg. Ich bin Energieministerin geworden, gleichzeitig mit Robert Habeck, in einer Zeit, in der wir gelernt haben: Unsere Abhängigkeit vom Gas ist uns wirklich teuer zu stehen gekommen. Zu Beginn des illegalen russischen Angriffskriegs in der Ukraine war Österreich zu 80 Prozent abhängig vom russischen Gas. Wir mussten – Robert Habeck wie ich – versuchen, das Land irgendwie am Laufen zu halten, in einer Situation, wo wir ganz offensichtlich mit Gaslieferungen erpresst werden. Deshalb ist die Frage „Raus aus Gas“ längst nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern eine Frage unserer Sicherheit und der Resilienz. Die Lage in der Straße von Hormus zeigt uns auch jetzt wieder: Alles, was mit dieser geopolitisch unsicheren Lage zusammenhängt, schlägt wieder unmittelbar durch in der Energieversorgung und auf die Preise.
Da gibt es durchaus Parallelen zwischen Österreich und Deutschland.
Richtig, die konservative Energiepolitik, die wir hier sehen, bremst – auf beiden Seiten – die Erneuerbaren. Das ist leider wirklich der falsche Weg.
Hinzukommt: Gaskraftwerke liefern den teuersten Strom. Steigt ihr Anteil, steigt der Preis. Wenn man Wirtschaftskompetenz eher konservativen Parteien zuordnet, scheint sie in diesem Punkt nicht vorhanden zu sein.
Die Analyse trifft zu. Ich kann es auch nicht nachvollziehen. Wir sind gerade wirtschaftspolitisch von so vielen externen Faktoren abhängig: Wie stark ist der Binnenmarkt, was macht Donald Trump in der Früh, wenn er schlecht geschlafen hat, mit der Zollpolitik? Aber eines haben wir in der Hand – unsere Energieversorgung. Europa wird nie der Kontinent der billigsten Arbeitskräfte und der schlechtesten Sozial- und Umweltstandards sein. Aber wir können vorne dabei sein bei den innovativsten Produkten und indem wir unsere Energieversorgung auf erneuerbare Quellen ausbauen. Dazu gehört auch der Ausbau der Netze und Speicherinfrastruktur. Da liegt unsere Chance. Ich verstehe nicht, warum weder Katherina Reiche noch Wolfgang Hattmannsdorfer das nicht sehen.
Glauben Sie, dass der doppelte Schock, zum einen der finanzielle, hervorgerufen durch die blockierte Straße von Hormus, zum anderen der Schock der Extremwetter, einen Push auslöst für die Energiewende in Europa und auch weltweit?
Ja, ich wünsche mir sehr, dass die Krisen endlich als Krise begriffen werden. Dass wir sehen, wie verletzlich wir sind. Was es mit unserer Gesellschaft macht, wenn die Unsicherheit und die Extremwetterereignisse zunehmen. Ich wünsche mir sehr, dass diese Erfahrungen zumindest etwas bewirken, ich sehe aber aktuell das Gegenteil. Wir haben auf beiden Seiten, mit der FPÖ und der AfD, zwei Parteien, die den Klimawandel weiter leugnen und lieber den russischen Freunden die Milliarden in den Rachen stecken für Gasimporte, statt sich unabhängig zu machen mit Heimatstrom. Das trifft auf eine Regierung, die sich aus lauter Angst vor der FPÖ nichts mehr anzugreifen traut. Das ist eine Mischung, die unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft schadet.
Ein Ausblick: Bei der Nationalratswahl 2024 haben die Grünen mit minus 5,6 Prozent deutlich Stimmen eingebüßt, aktuell stehen Sie bei gut 12 Prozent. Was macht sie zuversichtlich, dass Sie 2029 an einer neuen Regierung beteiligt sind?
Wir haben vor der Nationalratswahl plakatiert: Ohne Grüne kein Klimaschutz. Das bewahrheitet sich jetzt leider. Daraus leitet sich natürlich das Ziel ab, wieder zu regieren. Der Weg dorthin heißt für mich, Herz für Herz wieder für die grüne Sache zu gewinnen. Sie haben recht, wir haben verloren bei der letzten Wahl, gewinnen aber jetzt wieder an Zuspruch, was mich natürlich sehr freut.
Den Menschen im Land sind Umfragewerte aber wesentlich weniger wichtig, sondern die messen Politik an Dingen wie: Was ändert sich im realen Leben, gibt es eine Kinderbetreuung, auf die ich mich verlassen kann? Ist das Steuersystem gerecht? Arbeitet die Regierung dran, dass ich mir den Umstieg auf den Klimaschutz leisten kann, damit mein Leben leichter wird? Das sind Fragen, die die Menschen bewegen. Ich möchte gerne, dass für viele Menschen, die jetzt mit offenem Mund vor der Performance der Regierung stehen und sehen, es reicht hinten und vorne nicht, auf der anderen Seite auch nicht zur FPÖ wollen, die hetzt und spaltet, den Klimawandel leugnet und die Energiewende bekämpft – dann möchte ich, dass meine Grünen die Alternative sind für die Menschen, die sich die Hoffnung und Zuversicht nicht nehmen lassen, dass Politik ihr Leben leichter macht. Darin liegt eine große Kraft.
Frau Gewessler, herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Benedikt Brüne.
Leonore Gewessler ist Bundessprecherin der Grünen in Österreich und Klubobfrau des Grünen Parlamentsklubs im österreichischen Nationalrat (vergleichbar mit dem Fraktionsvorsitz im deutschen Bundestag). Von 2020 bis 2025 war sie Bundesministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie und zuvor 2014 bis 2019 Geschäftsführerin der Umweltorganisation Global 2000.























































