COP30: Die Weltklimakonferenz zwischen Ambition und Realität

Das 1,5-Grad-Ziel ist kaum noch erreichbar, die Kluft zwischen Anspruch und Realität wächst. Ob unzureichende Klimapläne oder fehlende Finanzierung, auf der COP30 im brasilianischen Belém müssen dicke Bretter gebohrt werden.
07.11.2025 – Zehn Jahre nach dem historischen Pariser Klimaabkommen sind die Regeln gemacht und die Inhalte im Fokus. Es geht weiterhin darum, die Erderwärmung auf unter zwei Grad und möglichst 1,5 Grad zu begrenzen. Darauf hatte sich die Staatengemeinschaft in Paris geeinigt. Auch wenn das 1,5-Grad-Ziel aufgrund zu geringer Anstrengungen inzwischen in weite Ferne gerückt ist, ist eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter zwei Grad weiterhin möglich.
Aktuell aber steuert die Welt auf eine globale Erwärmung von 2,9 bis 3,1 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau von 1850 bis 1900 zu. Sollten alle bislang eingereichten nationalen Klimapläne – die sogenannten NDCs – erfüllt werden, wäre es noch immer ein Plus von 2,4 Grad im Mittel. Anhand der bisher bekannten NDCs werde die 1,5-Grad-Schwelle laut dem IPCC, der globalen wissenschaftlichen Vereinigung der Vereinten Nationen – auch Weltklimarat genannt, in den 2030ern erreicht oder überschritten.
Die NDCs werden das herausragende Thema der am Montag beginnenden Weltklimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém sein. Dabei wird es vielfach um den sogenannten „Ambition Gap“ – die Lücke zwischen den eingereichten Zielen und den Zielen des Pariser Klimaabkommens – gehen, die in mehreren Verhandlungssträngen diskutiert wird.
Dabei geht es auch um die Finanzierung, insbesondere einkommensschwacher Länder durch die Industriestaaten zur Erreichung der Klimaziele sowie um die Finanzierung für Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel und Hilfe für Schäden und Verluste infolge der Klimakrise. Über die vergangenen COPs hinweg wird auch auf der COP30 fortlaufend über den internationalen Emissionshandel nach Artikel 6 diskutiert.
Der Ambition Gap
Zunächst einmal zur Lücke zu den Pariser Klimazielen: Auf das grundsätzliche Abkommen in Paris kann sich die Staatengemeinschaft weiterhin einigen. Wenn es aber um die Umsetzung geht, werden die Ambitionen kleiner. Das zeigte in diesem Jahr vor allem die von vielen Staaten sehr spät, oft unzureichend und teilweise noch gar nicht eingereichten NDCs.
Die offizielle Frist war bereits im Februar dieses Jahres verstrichen. Noch unter der Biden-Administration hatte die USA einen neuen Klimaplan fristgerecht eingereicht. Wie viel dieser Klimaplan nach der Machtübernahme Trumps und dem Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen noch wert ist, bleibt abzuwarten. Immerhin sind einige Bundesstaaten bei der Umsetzung weiter an Bord. Weniger als 40 Prozent der Staatengemeinschaft haben bislang offiziell einen NDC eingereicht. Die Europäische Union, die sich auf der politischen Weltbühne stets als Vorreiter in Sachen Klimaschutz gerierte, reichte erst diese Woche ihren – in vielen Augen unambitionierten – Klimaplan ein.
Die brasilianische COP-Präsidentschaft hat für die Verhandlungstage eine „Action Agenda“ mit sechs thematischen Säulen veröffentlicht, wovon die erste „Transitioning Energy, Industry and Transport“ heißt. So sollen anhand verschiedener Plattformen und Verhandlungsstränge auf der COP Lösungspakete für Energiewende und Dekarbonisierung der Sektoren erarbeitet werden.
Formell dreht es sich in den Verhandlungen dabei um den sogenannten „Global Stocktake“ – die globale Bestandsaufnahme – und das „Mitigation Work Programme“ – das Programm zur Emissionsminderung. Sie sind Grundlage für die Überprüfung der alle fünf Jahre einzureichenden NDCs. Über kürzere Einreichungsfristen wird auf der COP30 diskutiert.
Auf der COP28 in Dubai hatte sich die Staatengemeinschaft auf eine Verdreifachung des Ausbaus erneuerbarer Energien, eine Verdoppelung der Energieeffizienz und eine „geordnete und gerechte“ Abkehr von fossilen Brennstoffen geeinigt. Der letzte Punkt ließ bereits viel Spielraum, insbesondere für sogenannte Entwicklungsländer wie Saudi-Arabien, China und Russland, sich viel Zeit bei der Abkehr von fossilen Brennstoffen zu lassen.
Doch selbst die bislang eingereichten NDCs entsprechen in großen Teilen nicht den Einigungen der COP28 und den Pariser Klimazielen. Informell wird es also auf der COP30 auch um eine Verschärfung der eingereichten nationalen Klimapläne gehen. Die brasilianische COP-Präsidentschaft will nach Wegen suchen, subnationale Akteure wie Bundesstaaten und Städte sowie nichtstaatliche Akteure wie Unternehmen stärker in internationale Klimaschutzprozesse einzubeziehen.
Die internationale Klimafinanzierung
Ebenso spät wie viele NDCs wurde ein weiteres Schlüsselelement der COP erst am vergangenen Mittwochabend deutscher Zeit veröffentlicht: die „Baku to Belém Roadmap“. Zwar wurde auf der COP29 in Baku eine Erhöhung der internationalen Klimafinanzierung von 100 Milliarden US-Dollar auf 300 Milliarden bis 2035 beschlossen. Doch dass das viel zu wenig ist, um den globalen Süden bei Maßnahmen für Klimaschutz, Klimaanpassung und Hilfen für Schäden und Verluste angemessen zu unterstützen, war den meisten Beteiligten bereits klar.
1,3 Billionen US-Dollar sind laut Vereinten Nationen jährlich nötig. Entwicklungsländer und Unterstützer insistierten darauf, diese Summe spätestens 2035 zu erreichen. Im Abschlussdokument der vergangenen Weltklimakonferenz fand sich schließlich der Hinweis, man werde, unter Konsultation eines breiten Stakeholder-Kreises, eine entsprechende Roadmap erstellen, um doch noch auf ein jährliches Finanzierungsziel von 1,3 Billionen US-Dollar zu kommen.
277 Einreichungen flossen laut Vereinten Nationen in die Roadmap ein – neben Staaten auch die von Städten, NGOs und Unternehmen. Denn neben staatlichen Zuschüssen und Krediten sollen auch private Mittel eine wichtige Säule der künftigen Finanzierung bilden. Eine mögliche Aufteilung könnte laut Bericht wie folgt ausfallen: 80 Milliarden US-Dollar an Beiträgen einzelner Geberstaaten, 300 Mrd. durch multilaterale Entwicklungsbanken, 40 Mrd. durch die sogenannte Süd-Süd-Kooperation, 650 Mrd. private Kapitalmobilisierungen und 230 Mrd. durch neue innovative Finanzierungsquellen wie globale Steuern und Abgaben auf den Ausstoß von CO₂.
Sind mit den Geberstaaten die Industriestaaten gemeint, die mit ihren Treibhausgasemissionen historisch hauptverantwortlich für die Klimakrise sind, bezieht die Süd-Süd-Kooperation erstmals die sogenannten Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien mit ein, die inzwischen ebenfalls einen hohen CO₂-Ausstoß zu verantworten haben. Darüber, wer mitverantwortlich für die internationale Klimafinanzierung ist, gab es bei den vergangenen COPs stets heftige Diskussionen.
Während multilaterale Entwicklungsbanken bereits einen deutlichen Aufwuchs öffentlicher und privater Mittel für die Klimafinanzierung verzeichnen, sind die immensen Mittel privater Kapitalmobilisierungen noch ferne Zukunftsmusik. Auch globale Abgaben, etwa für die Schifffahrt, den Flugverkehr oder eine allgemeine CO₂-Steuer, sind noch unausgegoren. Die konkrete Operationalisierung der verschiedenen Mittel für das 1,3-Billionen-Ziel ist ein weiterer zentraler wie schwieriger Verhandlungspunkt der COP30.
Dabei soll auch konkreter über den Aufwuchs an Mitteln für Anpassung sowie Schäden und Verluste verhandelt werden – Themen, die neben der reinen Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen in der Vergangenheit oft hintenüberfielen, aber angesichts der fortschreitenden Klimakrise immer wichtiger werden.
Was sonst noch wichtig wird
Offizieller Verhandlungspunkt wird auch die weitere Ausgestaltung der internationalen Kohlenstoffmärkte nach dem sogenannten Artikel 6. Es geht vor allem um den Kauf und Verkauf von CO₂-Zertifikaten, um Klimaschutzprojekte in fremden Ländern vom eigenen CO₂-Ausstoß runterrechnen zu können. Dazu wurde auf der vergangenen COP29 eine grundsätzliche Einigung erzielt, jetzt geht es um weitere Details. So müssen Finanzströme und Projektergebnisse transparent gestaltet werden. Bislang besteht zudem die Sorge, dass Zertifikate als Ersatz für eigene Klimamaßnahmen der durchführenden Länder missbraucht werden.
COPs werden zudem getragen von Initiativen außerhalb der offiziellen Verhandlungsstränge. Eine der wichtigsten: die Tropical Forests Forever Facility (TFFF). Von Brasilien mitinitiiert, soll der Fonds auf der COP verabschiedet werden, rund 125 Milliarden US-Dollar umfassen und für jede Hektarfläche geschützten Regenwaldes eine Vergütung vorsehen.
Und Brasilien will mit der Durchsetzung weiterer Vorhaben der COP seinen Stempel aufdrücken. So soll ein neues Konzept der „Globally Determined Contribution“ (GDC) Städte, indigene Gemeinschaften, Jugend und Wirtschaft fest in die Umsetzung des Pariser Abkommens einbeziehen. Ziel sei es, Klimaschutzdebatten breiter zu verankern und lokale Initiativen mit nationaler Politik zu verknüpfen.
Zudem propagiert Brasilien einen Global Ethical Stocktake, um im Anschluss an den ersten Bestandsaufnahme-Zyklus Fragen von Klimagerechtigkeit, Verantwortung und Werten zu diskutieren. Dadurch sollen ethische Dimensionen in das Forum gebracht werden, etwa bei Klimazielen für Wohlstand und Gesundheit (Klimasicherheit).
Ob das Schließen der Lücke zum Pariser Klimaabkommen, der Aufwuchs der Klimafinanzierung auf 1,3 Billionen oder die vielen Initiativen von Brasilien, es sind wieder einmal viele hehre Ziele, für die die Staatengemeinschaft in Belém zusammenkommt. In der Vergangenheit wurden ähnliche Ziele aber von Bremsern der internationalen Klimapolitik teilweise bis zur Unkenntlichkeit heruntergebrochen. Es wird sich zeigen, ob diesmal vielleicht doch Klimaschutz und Klimagerechtigkeit triumphieren. Manuel Grisard



















































