Internationale Studie: Energiewende gerechter fördern

Weltweit profitieren von Förderprogrammen für die Energiewende vor allem Haushalte mit höherem Einkommen. Das verschärft bestehende Ungleichheit. Ein internationales Forschungsteam zeigt, wo Potenzial für mehr Gerechtigkeit zu finden ist.
13.04.2026 – Hindernisse für die Teilhabe einkommensschwacher Haushalte an der Energiewende gibt es überall dort, wo es Förderprogramme gibt. Sie entstehen auf drei Ebenen: individuelle Anreiz- und Informationsdefizite, kommunale Infrastrukturprobleme sowie institutionelle Bürokratie und strukturelle Ungleichheiten. Ein Team aus Forschenden der Universitäten Freiburg, Stanford, Indiana und Pennsylvania hat in einer wissenschaftlichen Übersichtsarbeit untersucht, welche strukturellen Barrieren einkommensschwache und benachteiligte Haushalte daran hindern, von Förderprogrammen für die Energiewende zu profitieren.
Der im Fachmagazin Nature veröffentlichte Artikel zeigt, wo Potenzial für mehr Gerechtigkeit zu finden ist. Er identifiziert drei Ebenen, auf denen Hindernisse entstehen: auf individueller, kommunaler und institutioneller Ebene. „Individuell bestehen häufig Anreizprobleme zwischen Mieter:innen und Vermieter:innen und es fehlt an Wissen über Finanzierungsmöglichkeiten oder am Zugang zu Krediten und Förderprogrammen. Auf kommunaler Ebene erschweren unter anderem unzureichende Infrastruktur und Falschinformationen, die in strukturschwachen Regionen besonders verbreitet sind, die Teilhabe. Institutionell bremsen überbordende Bürokratie sowie historisch gewachsene Ungleichbehandlungen eine gerechte Beteiligung aus“, beschreibt Moritz Wussow den Befund. Er arbeitet im Climate Action Research Lab (CARL) der Universität Freiburg.
Demnach verschärfen viele gute gemeinte Förderprogramme bestehende Ungleichheiten, anstatt sie zu verringern. Beispielsweise kämen Steuervergünstigungen bei Haushalten ohne Steuerschuld gar nicht an. Netzentgelte würden auf alle Verbraucher umgelegt – also auch auf jene, die sich keine eigene Anlage leisten können. Und komplexe Antragsverfahren, zum Beispiel für Photovoltaik-Förderungen, schrecken genau diejenigen ab, die am dringendsten Unterstützung bräuchten.
Vier Prinzipien für bessere Förderpolitik
Die Wissenschaftler leiten aus ihrer Analyse vier Gestaltungsprinzipien für eine gerechte Energiepolitik ab:
Barrieresensible Mechanismen: Förderprogramme müssen gezielt auf die spezifischen Hindernisse benachteiligter Gruppen zugeschnitten sein – etwa durch einkommensbasierte oder geografische Förderung statt universeller Ansätze.
Sofortige finanzielle Entlastung: Einkommensschwache Haushalte gewichten künftige Ersparnisse deutlich schwächer als kurzfristige Ausgaben. Einmalzuschüsse oder direkte Preisnachlässe beim Kauf grüner Technologien wie Solaranlagen wirken daher deutlich effektiver als verzögerte Steuergutschriften.
Administrative Vereinfachung: Bürokratische Hürden müssen reduziert werden, zum Beispiel durch automatisierte Genehmigungsverfahren oder systematische Unterstützung bei Anträgen durch Handwerksbetriebe.
Gemeindezentrierte Umsetzung: Programme, die auf lokale Bedürfnisse zugeschnitten sind und die Bürger in Entscheidungsprozesse aktiv einbinden, erzielen gerechtere Ergebnisse.
Neben der Reform bestehender Förderinstrumente plädieren die Forschenden für eine gemeinschaftsorientierte Perspektive auf die Energiewende. Investitionen in Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden, in Ladeinfrastruktur für Elektroautos oder in kommunale Energiegemeinschaften erzeugen durch ihre Sichtbarkeit Aufmerksamkeit, und können das Interesse von Bürgerinnen und Bürgern an sauberen Technologien wecken.
Zudem können konkrete Ansätze wie gemeinschaftliche Solarprojekte in ländlichen Regionen strukturelle Zugangsbarrieren überwinden, die einzelne Haushalte allein nicht bewältigen können. „Gerechtigkeit und Klimaschutz sind keine konkurrierenden Ziele – sie bedingen einander. Ohne breite Beteiligung über alle Einkommensgruppen hinweg werden wir die Klimaziele nicht erreichen“, betont Hannah Hoehnke, ebenfalls von der Universität Freiburg.
Neues Kriterium für die Erfolgsmessung
Die Forschenden fordern darüber hinaus einen Kurswechsel in der Erfolgsmessung von Förderprogrammen: Statt allein die Anzahl von Neuinstallationen und -zulassungen zu messen, sollten Programme zusätzlich nach Gerechtigkeitskriterien bewertet werden – zum Beispiel danach, ob sie Haushalte über alle Einkommensgruppen hinweg erreichen und ob Energiekosten für benachteiligte Gruppen sinken. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Kosteneffizienz und Gerechtigkeit gleichzeitig verfolgt werden. pf

















































