07.09.2026 – Klimapolitik ist längst zu einem Spaltungsthema unserer Gesellschaft geworden – befeuert durch die Angst vor unkalkulierbaren Belastungen bei Heizung und Mobilität. Weil die Bundesregierung den Anstieg des nationalen CO2-Preises für 2027 bremst und der europäische Emissionshandel für Gebäude und Verkehr (ETS 2) verwässert wird, drohen nun Kürzungen bei Förderprogrammen für Wärmepumpen und Gebäudesanierung.
Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) beschreibt die Folgen treffend in einer Studie: Eine Verzögerung bei der CO2-Bepreisung entzieht Fördertöpfen das Geld und verunsichert Investoren. Doch die daraus abgeleitete Forderung – die Einführung nationaler Mindestpreise – greift zu kurz und übersieht die grundlegenden Konstruktionsfehler im ETS 2.
Unklare Preisentwicklung
Im Gebäude- und Verkehrssektor stehen Bürger und Unternehmen vor Investitionsentscheidungen mit einer Perspektive von 15 bis 20 Jahren. Wer eine Heizung einbaut oder ein Auto kauft, braucht langfristig kalkulierbare Preissignale.
Längerfristige Preisprognosen reichen von unter 50 bis über 350 Euro je Tonne CO2. Der Klimaökonom Matthias Kalkuhl brachte es auf den Punkt: Wenn selbst Ökonomen nicht wissen, wie hoch der Preis sein wird – wie sollen Bürger dann vernünftig investieren?
Die Folge dieser Unberechenbarkeit erleben wir bereits: Unklare Preispfade führten dazu, dass der Wärmepumpenabsatz einbrach und noch rasch Hunderttausende Gas- und Ölheizungen eingebaut wurden. Dass der Preis nun über zusätzliche Zertifikate stabilisiert werden soll, geschieht zulasten der Klimaziele. Zudem wird der geplante Marktmechanismus ausgehebelt.
Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit
Von Klimaökonomen wird als Vorteil des Emissionshandels angesehen, dass bei diesem Instrument das Reduktionsziel klar definiert und punktgenau erreicht werden kann. Dies gilt jedoch nur bei einer planmäßigen Reduzierung der Zertifikate.
Leider ist die Festlegung von Zertifikatsmengen keine rein klimapolitische Frage. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzte als Folge der Gelbwesten-Proteste frühzeitig eine Obergrenze von 45 Euro durch. Im November 2025 forderten 19 EU-Länder eine Verschiebung des ETS 2 um drei Jahre. Der Beschluss zur Verschiebung auf 2028 war ein Kompromiss; der Widerstand ist keineswegs ausgeräumt.
Sobald ein marktwirtschaftlicher CO2-Preis greifen könnte, zieht die Politik die Notbremse: mit Preisdeckeln, Reservezertifikaten und Fristverschiebungen. Der „freie Markt“ des ETS 2 verkommt zur Farce und liefert permanente Unsicherheit.
Hinzu kommt ein Gerechtigkeitsproblem: Ein einheitlicher CO₂-Preis trifft auf sehr ungleiche Einkommen. Bei durchschnittlichen Haushaltseinkommen von 25.000 Euro in Deutschland gegenüber rund 8.000 Euro in Rumänien führt ein Einheitspreis dazu, dass Anpassungen primär in ärmeren Ländern erzwungen werden, während in reicheren Ländern kaum Lenkungswirkung entsteht.
Subventionen vs. Klimageld
Verbände und Institute haben die Notwendigkeit eines Klimageldes betont, um soziale Härten abzufedern – was dann auch im Koalitionsvertrag der Ampelregierung vereinbart wurde.
Tatsächlich zeigte sich aber schon unter Minister Habeck, dass Einnahmen aus der Bepreisung auf Jahre hinaus für Subventionen verplant wurden. Zwar sollen beim ETS 2 wirtschaftlich schwache Gruppen besonders berücksichtigt werden, doch Gebäudedämmung und Heizungstausch sind Langzeitprogramme. Der Preisanstieg wirkt dagegen sofort und trifft alle Haushalte bis weit in die Mittelschicht.
Der Einwand, mit dem Klimageld fehle das Geld für Investitionen, verkennt die Proportionen: 80 Prozent der Investitionen müssen privat erbracht werden. Da Wohlhabende sich leichter aus den Belastungen hinausinvestieren können, sollte das Klimageld über die Steuerabrechnung sozial gestaffelt werden.
Fragwürdige Scheinlösungen
Mindestpreise, wie etwa vom FÖS vorgeschlagen, sind zwar folgerichtig unter den aktuellen Bedingungen, de facto aber ein Eingeständnis des Scheiterns des geplanten Marktmechanismus. Das Resultat ist ein kompliziertes und teures Hybridsystem aus Mindest- und Höchstpreisen, ergänzt durch Subventionen und Ordnungsrecht.
Auch eine Stromsteuersenkung setzt am falschen Hebel an. Es droht ein Rebound-Effekt: Die Verbrennerflotte würde eins zu eins durch E-Mobile ersetzt, mit entsprechendem Verbrauch an knappen Ressourcen. Notwendig ist eine Reduzierung des Individualverkehrs. Ein klar steigender CO2-Preis hätte die gleiche Lenkungswirkung, ganz ohne Rebound-Effekt.
Lenkung schlägt Förderung
Das derzeitige Modell basiert auf einem Zirkelschluss: Weil der CO2-Preis aus Angst vor Protesten zu niedrig gehalten wird, entfaltet er kaum Lenkungswirkung. Je niedriger aber der CO2-Preis ist, desto größer ist der Förderbedarf, um Investitionen anzureizen. Sinken aber die Einnahmen infolge niedriger CO2-Preise, sind Fördersysteme komplett überfordert.
Forscher der ETH Zürich wiesen nach, dass Lenkung über den CO₂-Preis volkswirtschaftlich um bis zu fünfmal kostengünstiger ist als Subventionen. Förderung wirkt immer nur punktuell – oft mit beträchtlichen Mitnahmeeffekten. Ein stetig ansteigender Preispfad lenkt hingegen jede energierelevante Entscheidung.
Das Schweizer Modell
Es gibt eine seit 2008 bewährte Alternative: das Schweizer Modell einer gesetzlichen CO2-Abgabe mit Rückzahlung von zwei Dritteln der Einnahmen an Wirtschaft und Verbraucher. Das restliche Drittel wird für gezielte Förderungen verwendet.
Die Schweizer sind so zufrieden mit dem Modell, dass sie es mehrfach per Volksabstimmung bestätigt haben. Der Preis liegt mit derzeit 120 Euro/Tonne weit über dem deutschen Preis.
Im Übrigen funktioniert dort auch die Mengensteuerung: Bei Nichterreichen der Reduktionsziele wird der Preis einfach nachjustiert.
Den Mut für einen Plan B aufbringen
Es wird Zeit für einen Plan B, bevor mit dem ETS2 das wichtigste klimapolitische Instrument an der Realität scheitert. Die ursprüngliche Begründung, eine Steuerlösung sei wegen des Zwangs zur Einstimmigkeit auf EU-Ebene nicht möglich, ist hinfällig. Eine neue Einheitslösung ist auch nicht erforderlich.
Mit der Lastenverteilungsordnung (ESR) existiert eine verbindliche Verordnung über die Klimaziele der Mitgliedstaaten. Den Mitgliedstaaten muss lediglich die Wahlfreiheit gelassen werden, unterschiedliche Wege zu gehen: die Beteiligung am ETS 2 oder die Einführung nationaler CO2-Abgaben mit direktem Klimageld nach Schweizer Vorbild.
Hier ließe sich zeigen, dass Europa lernfähig ist, ohne seine Klimaziele aufzugeben. Ein Modell aus verbindlichen Zielen, planbaren nationalen Abgaben und direkter Rückzahlung wäre marktwirtschaftlich effizient, sozial fair und ökologisch wirksam. So könnte auch das gegenwärtige Spaltungspotentials der Klimapolitik überwunden werden.
Nicht zuletzt: Europa war ursprünglich angetreten, ein wirtschafts- und sozialverträgliches Modell zu entwickeln, welches als Blaupause auch für ärmere und administrativ schlechter aufgestellte Länder dienen könnte. Das Schweizer Modell dürfte deutlich einfacher und attraktiver sein als das jetzige Modell des ETS 2.
Gerhard Hübener ist Bauingenieur und Publizist in Potsdam. Er befasst sich seit über 30 Jahren mit marktwirtschaftlichen Lenkungsinstrumenten für Klima, Umwelt, Arbeit und soziale Sicherungssysteme. Sein Buch „Den Tanker umsteuern. Wie eine Umverteilung der Abgabenlast den Weg in eine nachhaltige Gesellschaft freimacht“ ist im Oktober 2025 im oekom verlag erschienen. Mehr auf www.tanker.blog























































