Gastbeitrag #6: Im Passat über den Atlantik – gegen Kolonialismus und für Klimagerechtigkeit

In Belém werden die letzten Vorbereitungen zur UN-Weltklimakonferenz getroffen – wir segeln die letzten Seemeilen über den Atlantik nach Brasilien – und erleben unsere ersten tropischen Sturmböen.
Sechste Reisekolumne zur Weltklimakonferenz von Kathrin Henneberger.
08.11.2025 – Von der Westküste Afrikas geht es mit den östlichen Winden quer über den Atlantik. Es sind die alten Segelrouten – von Europa nach Süden, entlang der afrikanischen Küste, über Teneriffa bis zu den Kapverden. Von dort greift der Passatwind – ein stetiger Wind, der uns über den Ozean trägt.
Von der Insel Sal aus setzen wir die Segel nach Westen. Nach Tagen – Wochen – voller Sonne sind wir nun eins mit den aufquellenden Wolken, die in Reih und Glied über den Himmel ziehen. Die Passatwinde entstehen hier, nördlich des Äquators, wo sich die Luft erwärmt, aufsteigt, nach Norden hin wieder abkühlt – und die Corioliskraft Schwung hineinbringt. Die Erdrotation sorgt dafür, dass sich die Luftmassen von Ost nach West bewegen – am Äquator dreht sich die Erde schneller als in nördlicheren oder südlicheren Breitengraden.
Schaumkronen beginnen sich zu bilden, die Wellen werden höher – wir nehmen Fahrt auf. Für einen Moment fühlt es sich an, als wären wir eins mit den Elementen, als gehörten wir dazu – als wären unsere Segel selbst nur weiße Wolken im Passat.
Wenn ich von „alten Segelrouten“ schreibe, dann steckt darin leider auch eine brutale Vergangenheit. Diese Winde wurden einst von Europäern genutzt, um den amerikanischen Kontinent zu kolonialisieren, auszubeuten, indigene Bevölkerungen zu ermorden und den blutigen Sklavenhandel von Afrika nach Amerika aufzubauen.
„We must unite: unity is strength“
So ehrfürchtig es ist, über den Atlantik zu segeln – die Vergangenheit darf niemals vergessen werden. Sie muss unser Handeln in der Gegenwart bestimmen. Noch immer sind die Verbrechen jener Zeit unzureichend aufgearbeitet, und Entschädigungen für das erlittene Leid fehlen. Koloniale Ausbeutung besteht bis heute fort – auf dem afrikanischen wie auf dem amerikanischen Kontinent.
Im Norden Kolumbiens beispielsweise zerstören große Steinkohletagebaue das Land indigener und afrokolumbianischer Gemeinden – Kohle, die auch nach Deutschland exportiert und in hiesigen Kraftwerken verbrannt wird. In Brasilien stehen indigene Territorien unter Druck durch Abholzungen für Soja, Mais und Viehzucht. Ein sich verschärfender Konflikt entsteht durch den Rohstoffabbau – etwa durch Goldwäsche in den Flüssen des Amazonas, die zu einer Quecksilbervergiftung von Wasser, Land und der dort lebenden Bevölkerung führt.
Von Kolumbien aus hat sich – ähnlich wie wir aus Europa – eine Flottille in Bewegung gesetzt: die Yaku Mama Amazon Flotilla. Mit Booten fahren indigene Vertreter*innen flussabwärts, organisieren Veranstaltungen und Protestaktionen.
„Ich schütze den Regenwald für alle Menschen, für zukünftige Generationen“, sagt Yuturi Warmi, indigene Vertreterin und Wächterin von Serena.
„We must unite; unity is strength – Wir müssen uns zusammenschließen, gemeinsam sind wir stark!“. Zunächst vernetzen wir uns über Instagram, wechseln bald auf WhatsApp – wir nähern uns aus zwei unterschiedlichen Richtungen. Dieses Mal aber nutzen wir die Passatwinde nicht, um zu zerstören – dieses Mal kommen wir aus Europa als Verbündete. In Belém, auf der Weltklimakonferenz, wird es darum gehen, die Stimmen jener in den Mittelpunkt zu stellen, die am stärksten von Raubbau und Klimakrise betroffen sind – und zugleich längst Lösungen vorleben.
Innerhalb der Strukturen der UNFCCC war es ein jahrzehntelanger Kampf, bis indigene Vertreter*innen sich selbst – unabhängig von den Staaten, in denen sie leben – repräsentieren konnten. Die „Indigenous Peoples Platform“ ist daraus entstanden: ein offizieller Teil der UN-Verhandlungen, in dem sich indigene Gemeinschaften weltweit vernetzen, Allianzen bilden und gemeinsam für ihre Rechte kämpfen – für den Schutz ihrer Territorien und für eine gerechte Finanzierung von Klima- und Anpassungsmaßnahmen.
Tropischer Regen und Freunde hinterm Horizont
Auf dem Atlantik ziehen inzwischen Wasserpflanzen an uns vorbei. Eine kurze Recherche ergibt: Es ist das Seegras Sargassum. Die goldenen Pfanzen sehen auf den ersten Blick wunderschön aus – wie ein Blumenteppich im Meer. Doch wie The Guardian (https://www.theguardian.com/environment/2023/mar/07/great-atlantic-sargassum-belt-seaweed-visible-from-space) berichtet, nehmen sie stark zu und schaden der Tierwelt, vor allem in Küstenregionen. Das Licht dringt nicht mehr bis zum Meeresboden, junge Meeresschildkröten finden zwischen den angespülten Seegrasbergen oft nicht mehr den Weg ins offene Meer.
Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, und gleichzeitig nimmt der Wind ab. Es beginnt zu regnen – dicke, warme Tropfen prasseln auf uns nieder. Wir erleben unseren ersten tropischen Regenschauer. Die meisten der Crew flüchten unter Deck – wir, die Wache haben, bleiben draußen, lassen uns nassregnen, halten Kurs und genießen diesen Moment. Das Prasseln der Tropfen übertönt das Rauschen der Wellen. Es ist magisch – und viel zu schnell vorbei.
Mein Handy summt – ein Freund auf einem Boot von der Captain Paul Watson Foundation schickt mir ein Foto unserer Positionen. Ihr Schiff zieht hinter dem Horizont an uns vorbei – mit ihren schnellen Einsatzbooten sind sie deutlich flotter als unser altes Segelschiff. Auch sie sind auf dem Weg nach Belém. Wir winken uns digital zu und freuen uns auf das Wiedersehen. Dort wartet bereits die Rainbow Warrior von Greenpeace. Neben meiner Koje steht seit Amsterdam eine leere Rumflasche mit einem Brief – eine Flaschenpost, die mir die Crew der Arctic Sunrise, des Greenpeace-Eisbrechers, mitgegeben hat. In solchen Momenten erscheinen mir die Weltmeere, trotz all ihrer Größe und Tiefe, wie ein einziges großes Dorf – eines, in dem man immer wieder zufällig auf alte Freund*innen trifft.
Schiffe können kippen- unser Klimasystem auch
Währenddessen wird der UNEP-Bericht veröffentlicht: Die Welt steuert auf eine Erwärmung von 2,8 Grad zu – mit unaufhaltsamen Kettenreaktionen an Klimakipppunkten. Es braucht stärkere und schnellere Maßnahmen, um die menschengemachten Emissionen zu senken – sonst überschreiten wir in diesem Jahrzehnt die 1,5-Grad-Grenze.
Und genau darum geht es: um unser aller Leben, um unsere gemeinsame Zukunft. Wenn wir unsere Stimmen nicht gemeinsam erheben und solidarisch mit jenen stehen, die am stärksten unter der Klimakrise und dem fossilen Extraktivismus leiden – dann werden wir es nicht schaffen, die Menschheit vor der Klimakatastrophe zu bewahren.
Jetzt gilt: Egal, wo ihr seid auf der Erde – organisiert euch, werdet laut, macht Druck auf eure Regierungen – für Klimagerechtigkeit!
Ein Ruck geht durch das Schiff. Plötzlich liegen wir in Schieflage – Sturmböen und Regen peitschen über das Deck. Für einen Moment scheint es, als verlöre die Mannschaft die Kontrolle. Hektische Rufe hallen über das Schiff, Luken werden geschlossen, Menschen stemmen sich mit ihrem ganzen Körpergewicht in die Seile, um die Segel einzuholen und neu zu setzen. Wir sind in unseren ersten kleinen tropischen Sturm geraten. Die See schäumt wild um uns, und in diesem Augenblick ist Verletzlichkeit spürbar – am Ende des Tages sind wir Menschen den Naturgewalten ausgeliefert, eine kleine Nussschale auf dem großen Atlantik.
Wir können versuchen, uns mit stabilen Strukturen – einem starken Schiff – zu schützen. Aber einmal außer Kontrolle geraten, können auch wir sinken.
So wie die Menschheit in einer entfesselten Klimakatastrophe.
Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und war unter anderem Pressesprecherin von Ende Gelände. Für Bündnis 90/die Grünen saß sie von 2021 bis 2025 im Bundestag. Dies ist die sechste Kolumne einer Reihe auf dem Weg zur Weltklimakonferenz nach Belém.



















































