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Klimaklage





Fossile InfrastrukturIn Kanada geht weiter die Angst vor neuen LNG-Terminals um

Mann in Anzug steht an einem Rednerpult
Jonathan Wilkinson, Minister für natürliche Ressourcen  in Kanada, unterstützt eine deutsche Beteiligung an möglichen LNG-Terminals an der Ostküste Kanadas. (Bild: Indrid, Cold, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0)

Sollte Deutschland LNG-Projekte an Kanadas Ostküste subventionieren, könnte die Infrastruktur im Schnellverfahren errichtet werden. Ein Bündnis kanadischer-deutscher Organisationen appelliert, von solchen Projekten vollständig Abstand zu nehmen.

17.11.2022 – Am 13. Oktober sagte der kanadische Minister für natürliche Ressourcen, Jonathan Wilkinson, gegenüber CBC News, dass LNG-Projekte an der Ostküste Kanadas mit hohen ökonomischen Hürden verbunden sind, aber Kanada Genehmigungen im Schnellverfahren erteilen würde, sollte Deutschland bereit sein, einen „Extra-Preis“ für den Import kanadischen Flüssigerdgases zahlen – also entsprechende Infrastruktur zu subventionieren. Kurz zuvor, am 11. Oktober erklärte Kanadas Finanzministerin und Vize-Premier Chrystia Freeland zudem, dass man es den Europäischen Verbündeten schuldig sei Energieexportprojekte zu beschleunigen.

Konkret geht es um den Bau neuer und kostspieliger LNG-Terminals, in denen Erdgas zu Flüssigerdgas – Liquifed Natural Gas (LNG) – umgewandelt und somit dichter und bereit für den Transport nach Europa gemacht wird. Durch den hohen Energieaufwand bei der Verflüssigung und anschließenden Verschiffung ist LNG mit noch einmal höheren Emissionen verbunden als Pipeline-Gas. Zudem wird Gas auch in Kanada oftmals mit der besonders umweltschädlichen Fracking-Methode gewonnen.

Die Aussagen der Minster:innen ließen kanadische und deutsche Organisationen und Aktivist:innen, wiederholt aufhorchen. In einem gemeinsamen Brief, der der energiezukunft vorab vorlag, appellieren die Verfasser:innen an Minister Wilkinson, sowie den kanadischen Umweltminister, Steven Guilbeault, LNG-Projekten an der Ostküste Kanadas vollständig von solchen Projekten Abstand zu nehmen. Sie verweisen auf die erheblichen Risiken für Klima und Umwelt, die der Bau neuer Gasprojekte in Kanada und global mit sich bringen würde. An der Westküste Kanadas wird bereits ein Exportterminal für Flüssigerdgas gebaut. Verfasser:innen und Unterstützer:innen des Briefes sind unter anderem die Canadian Association of Physicians for the Environment, Sierra Club Canada Foundation, Deutsche Umwelthilfe, urgewald und der Klima-Kampaigner Andy Gheorghiu.

Einer Analyse von Climate Action Tracker zufolge, sorgen schon die in Bau befindlichen LNG-Projekte für über 1,9 Gigatonnen CO2-Äquivalente pro Jahr in 2030. Die Zunahme an LNG-Kapazitäten wird damit schon um 235 Prozent gesteigert und gefährdet das 1,5 Grad Ziel. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) dürfte es für die Einhaltung des Klimaziels bereits seit Ende des letzten Jahres keine weitere fossile Expansion und damit auch keine entsprechende öffentliche Finanzierung mehr geben.

Ausnahmen für Gasprojekte

Die Verfasser:innen des Briefes verweisen zudem auf die unter anderem von Kanada und Deutschland auf der letzten Klimakonferenz in Glasgow getroffene Vereinbarung, die öffentliche Finanzierung für internationale fossile Projekte bis Ende 2022 einzustellen. Der parlamentarische Staatsekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Stefan Wenzel, sagte im Rahmen einer Veranstaltung auf der diesjährigen COP in Ägypten, dass Deutschland weiter zu diesem Versprechen stehe, es aber Ausnahmen für Gas-Projekte „im Einklang mit dem 1,5 Grad-Ziel“ geben kann.

Im Mai etwa reiste Bundeskanzler Olaf Scholz in den Senegal, um dort auch über die Förderung neuer Gasprojekte in dem Land zu sprechen, die einmal dem deutschen Import von Flüssigerdgas zugutekommen könnten. Im August reisten Scholz und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nach Kanada. Im Fokus der Reise standen das gemeinsame Freihandelsabkommen CETA und die deutsch-kanadische Energiepartnerschaft. In Sachen Energie ging es vordergründig um einen künftigen Wasserstoffmarkt, doch mehrere NGOs befürchteten bereits zu diesem Zeitpunkt, dass es auch um Flüssigerdgas gehen könnte.

Die Bundesregierung erklärte in den vergangenen Monaten wiederholt, dass LNG-Terminals später für den Import von grünem Wasserstoff oder Ammoniak umgerüstet werden könnten und rechtfertigten auch damit Planung und Bau von Flüssigerdgasterminals an der deutschen Küste. Autor:innen einer Studie des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI weisen jedoch auf große technische Herausforderungen hin, die eine Umrüstung von LNG-Terminals zur Anlandung und Weiterverbreitung von Ammoniak, wie auch Wasserstoff mit sich bringt. Hohe zusätzliche Investitionen seien nötig und der Umstieg müsse von Anfang an mitgedacht werden.

Ebenso wie beim Bau der deutschen Infrastruktur für „schwimmende“ LNG-Terminals, warnen Umweltorganisationen auch in Kanada vor Genehmigungen im Schnellverfahren, bei denen keine oder nur unzureichende Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden, was ein hohes Risiko für Natur und Anwohner darstellen kann. Andy Gheorghiu, Mitverfasser des Briefes an die kanadischen Minister, sieht auch Deutschland in der Pflicht: „Die deutsche Regierung sollte zu ihren Klimaverpflichtungen stehen und kein öffentliches Geld verschwenden, um Gasprojekte in Kanada oder sonst wo zu subventionieren.“ Vielmehr müsse jetzt alle Kraft und alles Geld in Energiewende und Energieeffizienz investiert werden.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) erklärte auf Nachfrage der energiezukunft, dass der Fokus des Einsatzes öffentlicher und privater Gelder insbesondere auf der Beschleunigung der globalen Energiewende liegen müsse, also dem Ausbau erneuerbarer Energien und Netze, grünem Wasserstoff und der Stärkung der Energieeffizienz. Gleichzeitig sehe man Investitionen in der LNG-Wertschöpfungskette als adäquate temporäre Maßnahme, um Unabhängigkeit von russischen Gasimporten zu erreichen. Das BMWK teilte zugleich mit, dass es keine Pläne gebe, LNG-Projekte in Kanada zu finanzieren. Zudem sei das BMWK nicht mit LNG-Projekten in Kanada befasst oder kenne deren aktuellen Status. Manuel Grisard

Kommentare

Ruth Luschnat am 18.11.2022

+133 Gut Antworten

Kanada zählt mittlerweile zu den höchsten Emitenten, will sich aber sein Image als irgendwie Naturreservat erhalten. Die Deutsche Energiepolitik ist dabei der langen Reihe von Fehlentscheidungen der großen Koalition weitere hinzuzufügen und das in eienr Zeit, da alles dagegen spricht, dies zu tun! Es ginge vielmehr darum ernsthaft zu prüfen, welche Industrien in Deutschland existenziell relevant sind und welche nicht. Ressourcen an Energie, Gas und Steuern etwa für die vollkommen unnütze Industrie der künstlichen Geschmackstoffe bereit zu stellen, die für neimanden existenziell ist, ist in keinem Verhältnis zu den Schäden am Planeten,die solche Ausnahmen vom vereinbarten Glasgow Vertrag bedeuten. Es gibt viele Industrien, die existenziell eher schädlich, als nötig sind und deren Existenz bzw. transformation für ein Überleben auf dem Planeten dringend zur Disposition stehen. Nicht jeder Arbeitsplatz ist zukunfts fähig und wenn die, die nicht nötig sind umgewandelt würden, blieben auch weniger Energien zu besorgen und diese sollten erneuerbar hergestellt werden!

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