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Gastbeitrag #8Mit Seewind im Haar in die Hitze der Klimaverhandlungen

Bilder: Kathrin Henneberger
Finaler und achter Gastbeitrag von Kathrin Henneberger über die Segelreise von Europa zur Weltklimakonferenz (Bilder: Kathrin Henneberger).

Nach zwei Monaten auf See legte unser Segelschiff vor einer Woche endlich in Belém an – und ich musste etwas zu spät Richtung Verhandlungen, Panels und Verbündeten sprinten.

Achte und finale Reisekolumne zur Weltklimakonferenz von Kathrin Henneberger.

19.11.2025 – Die brasilianische Küste glitzert in der Nacht. Immer mehr Lichter zeigen uns, dass wir es mit unserem alten Frachtsegler tatsächlich geschafft haben, den Atlantik zu überqueren. Doch noch sind wir nicht am Ziel. Vor uns liegt das Delta des Amazonas, mit seinen Strömungen, Sandbänken und tropischen Sturmböen – und mit einer weiteren Gefahr: Fischernetze und kleine Boote, die auf keinem Radar auftauchen und im Dunkeln mit uns kollidieren können.

Solange wir unter Segeln fahren, haben wir Vorfahrt. Motorisierte Schiffe müssen uns ausweichen – doch in der Nacht, bei Wellengang und Regen, kann das leicht schiefgehen. Ab jetzt steht eine Person vorne am Bug und scannt mit dem Fernglas den Horizont, während eine zweite dicht neben der Steuerfrau steht und jede Warnung sofort weitergibt. Mit dem Sonnenaufgang ergrünt die Küste vor unseren Augen. Tropischer Wald erscheint am Ufer, Küstenvögel lassen sich kurz auf unserem Mast nieder. Kleine, bunte Fischerboote ziehen nun sichtbar an uns vorbei; ein großer Tanker ändert seinen Kurs, um uns nicht zu rammen.

Das Delta wird schmaler, und ist doch immer noch vier- bis fünffach so breit wie der Rhein bei Köln. Der Wind dreht, die Strömungen zerren am Schiff. Haupt- und Schoonersegel müssen ständig neu ausgerichtet werden und die Stimmung an Bord wird dabei im Stress leider wieder rauer – anders als bei Aktionsgruppen wie beispielsweise Ende Gelände, fehlt es auf diesem Schiff noch an (feministischem) Grundverständnis auch in Gefahrsituationen die Ruhe zu bewahren und nicht zu brüllen.

Den ganzen Tag lang arbeiten wir gegen Wind und Wasser, passen Segel und Kurs an. Erst als die Sonne im Regen hinter dem Wald rotglühend versinkt, tauchen die Hochhäuser von Belém am Horizont auf. Ein unwirklicher Moment: Die Stadt zieht an uns vorbei, während wir unserem Anleger entgegenkriechen. Am Steg wartet die Crew der Sababa (Segelschiff und Teil der Graswurzelbewegung Flotilla for Change, führte die internationale Flotte von Europa nach Brasilien zur COP30 an, Anm. d. Red.) schon auf uns – mit einem Eimer voller eiskaltem Bier, das sie uns über die Reling reichen, weil wir das Schiff erst verlassen dürfen, wenn die Einreisebehörde unsere Pässe abgestempelt hat.

Mit einem lauten „BAM“

Ich bin ungeduldig. Tage zu spät erreichen wir endlich die COP – und meine Chats, Mails und Postfächer quellen über. Kolumbien ist mit einem Vorschlag für den Ausstieg aus den fossilen Energien vorangeprescht, Brasilien zunächst irritiert, beginnt nun aber nachzuziehen. Auf den Fluren der Konferenz wird über eine mögliche Roadmap zur Umsetzung der in Dubai beschlossenen Formulierung “transition away from fossil fuels” gesprochen. Fossile Lobbyisten – über 1600 an der Zahl, noch mehr als beim letzten Mal – geraten in Unruhe.

Präsident Lula wiederum möchte seine Pläne für neue Erdölvorkommen vor der Küste und neue Gasvorkommen im Amazonasgebiet nicht infrage gestellt sehen. Doch genau das fordern indigene Verbände, traditionelle Gemeinden und die Klimabewegung Brasiliens.

Für mich steht fest: Wir brauchen einen völkerrechtlichen Vertrag für den Ausstieg aus fossilen Energien – den Fossil Fuel Non-Proliferation Treaty. 18 Staaten unterstützen ihn bereits, ebenso zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen und Abgeordnete weltweit. Keine neuen fossilen Quellen dürfen mehr erschlossen werden, und wir brauchen eine gerechte Transformation: Wissen, Ressourcen, Infrastruktur, Demokratie, Mitbestimmung – und den massiven Ausbau erneuerbarer Energien.

„BAM“ ist der Ruf vom Climate Action Network (CAN) – einem globalen Zusammenschluss von nichtstaatlichen Umwelt-, Menschenrechts- und Klimaorganisationen, die in Arbeitsgruppen gemeinsam einzelne Verhandlungsthemen begleiten. „BAM“ ist die Abkürzung für „Belém Action Mechanism“ und soll Länder befähigen, die notwendigen Schritte für eine gerechte Transformation einzuleiten sowie Erfolg und Qualität zu kontrollieren. Multilateraler und bilateraler Wissens- und Technologietransfer sollen unterstützen, und für CAN ist besonders wichtig: Die Bedürfnisse der Menschen müssen im Mittelpunkt stehen – nicht die der großen fossilen Konzerne, die gerade dabei sind, unseren Planeten zu verbrennen. So soll die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften ein zentraler Bestandteil sein, und es soll Raum für zivilgesellschaftliche Arbeit geschaffen werden.

Auf dem Schiff konnte ich mich auf die Verhandlungen der Konferenz weniger vorbereiten als geplant. Acht-Stunden-Schichten an Deck, Wellengang, einspringen, wenn der Koch seekrank ist … all das ließ wenig Raum für konzentriertes Arbeiten. Jetzt muss ich alles nachholen – im Schnellverfahren. Und doch ist mein Kopf noch auf dem Meer, bei unserer letzten Nacht vor der Küste Brasiliens und bei der Frage, wie sehr ich die anderen Aktivist*innen vermissen werde, die in Lissabon und Teneriffa an Bord gekommen sind.

Schöne Worte der Solidarität bringen nichts, wenn die Taten nicht folgen

„Home, let me come home – home is wherever I’m with you.” Jessi spielt die Gitarre, Nele stimmt ein, die Sonne beginnt im Westen im Meer zu versinken, und unsere Haare flattern im Wind. Wir sitzen auf dem Cargo hold (Frachtraum des Schiffes) auf dem Deck. Die Hälfte von uns hat ihre Laptops aufgeklappt und arbeitet, während sich die Wellen hinter der Reling kräuseln. Silvia liest in einem Buch, „The Dialectical Biologist“, ein Werk, das nicht leicht zu finden ist und dass sie aus Paris mit auf das Schiff gebracht hat. Eigentlich schreibt sie gerade ihre Doktorarbeit – an einer deutschen und einer französischen Universität – und hat sich auf die Forschung zu Klimakipppunkten spezialisiert.

Auf der COP wird die Italienerin, über ein Land des globalen Südens akkreditiert, an den Verhandlungen teilnehmen, um Momentum für kritische Momente auf der Konferenz – und zugleich in der Welt – aufzubauen. Sie arbeitet eng mit Vertreter*innen indigener Gruppen zusammen. Gleichzeitig ist es ihr erstes Mal auf einer Weltklimakonferenz. "I'm a pessimist because of intelligence, but an optimist because of will." Zitiert sie Antonio Gramsci um ihre Erwartungen auf die kommende Woche zu beschreiben. „Von den Verhandlungen werden wir keine allzu angenehmen Überraschungen erleben“, sagt sie, „aber wir dürfen auf die positiven Überraschungen der kollektiven Intelligenz der Menschen hoffen, die zusammenfließen und gemeinsam handeln“.

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Drei indigene Vertreter:innen in traditioneller Kleidung und mit farbenprächtigen Federkopfschmuck treten auf einer Bühne bei der UN-Klimakonferenz COP30 in Belém, Brasilien, auf. Sie halten Mikrofone und Rasseln in den Händen und singen oder sprechen vor einem Hintergrund mit dem Logo der Konferenz und der Aufschrift „COP30 Brasil Amazônia Belém 2025“
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Jessi kommt derweil aus England, hat die Flotilla for Change mit aufgebaut, organisiert ein Event nach dem anderen, bringt Menschen aus unterschiedlichen Bewegungen zusammen und hat ganz nebenbei dafür gesorgt, dass unser Schiff überhaupt eine Anlegestelle in Belém bekommt. Als ich sie frage, warum sie so viel für uns organisiert, antwortet sie: „Ich möchte Aktivist*innen dabei unterstützen, zur COP zu reisen – mit dem kleinstmöglichen CO₂-Fußabdruck. Mein Ziel ist es, solidarisch zu sein mit den Menschen, die den Amazonas Tag für Tag schützen und dabei ihre persönliche Sicherheit riskieren. Und ich möchte das, was ich hier lerne, mit nach Hause nehmen – um herauszufinden, wie wir neue Strategien entwickeln können, um eine globale Klimagerechtigkeitsbewegung aufzubauen.“

Claire Lhermitte reist ebenfalls zur COP. Sie ist Teil einer Koalition von NGOs, die zu Problemen des Bergbaus und des Extraktivismus arbeiten. Sie möchte erreichen, dass es mehr Transparenz zu Emissionen und Umweltverschmutzung von Minen gibt. Laut einer Analyse von Ember könnten die Methan-Emissionen aus Kohleminen weltweit bis zu doppelt so hoch sein wie von Regierungen gemeldet, da viele Staaten nicht direkt messen. Das bedeutet: Es gibt keinerlei verlässliche Zahlen der Bergbauemissionen. Auch über den enormen Wasserverbrauch der Industrie existieren kaum Daten. Damit würde auch der IPCC-Bericht den tatsächlichen Einfluss, den Bergbau auf das globale Klima und auf lokale Ökosysteme hat, nicht in seiner Gesamtheit abbilden, erklärt Claire. Ihre Mission: „Wir wollen eine gerechte Transformation, die die Menschenrechte der Menschen im globalen Süden einschließt – besonders der indigenen und traditionellen Gemeinschaften, wie etwa der Bäuer*innen, die ihr Land durch Bergbau verloren haben“

Und dann ist da noch Nele – Nele, die mehr über das Segeln weiß als wir alle zusammen. Ein wehmütiges Gefühl überkommt mich: Die letzte Nacht bricht an, morgen werden wir in Belém sein. Aber ich werde es vermissen, mit ihnen an Bord zu sein. Ich würde so gern mit dieser Gruppe wunderbarer Aktivistinnen weitersegeln – jede auf ihre Weise eine Anführerin für Klimagerechtigkeit in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Für immer gefangen zwischen Sternenhimmel und dem tiefen Blau der Ozeane. Aber zuerst müssen wir noch eben kurz die Welt retten.

Meine Weggefährtin Hilda Nakabuye aus Uganda fragt schon, wann wir endlich ankommen – Kampagnen gegen die Machenschaften der fossilen Lobby auf der COP organisieren sich schließlich nicht von selbst. Und so laufe ich los, sobald wir von Bord können. Streife mir das letzte T-Shirt über, dass noch keine Rost- oder Ölflecken von Bord hat, versuche meine Haare wenigstens etwas zu entwirren. Auf der Weltklimakonferenz angekommen, erlebe ich zunächst eine kurze Reizüberflutung: Statt des freien Blicks über das Meer bis zum Horizont stehe ich plötzlich auf einem gigantischen Messegelände, mit Hallen und Gängen, die eher einem Raumschiff ähneln – und zurrender Klimaanlage statt Seewind.

Mein erster Termin, mein erstes Panel ist mit Célia Xakriabá, indigene Kongressabgeordnete. „Kathriiin!“ Sie umarmt mich, und einmal mehr empfinde ich Bewunderung für diese Frau – die sich furchtlos mit dem Agribusiness und den Konservativen und Faschisten im Kongress anlegt, gegen Extraktivismus kämpft und für die Rechte indigener Territorien. Sie hat ein Panel nur mit Frauen organisiert, und es geht um die entscheidenden Fragen: Was können wir auf dieser COP noch erreichen? Und wie schaffen wir es, koloniale Ausbeutung ein für alle Mal zu beenden?

Sie reicht mir das Mikro. Ich schaue in den Saal, der überwiegend mit indigenen Vertreter*innen gefüllt ist. Ich habe schon länger nicht mehr vor großen Gruppen gesprochen, und ich weiß, dass ich meinen Redebeitrag mit besonderem Bedacht gestalten muss. Ich bin hier nicht nur eine Klimaaktivistin aus der Kohleregion NRWs – ich bin eine weiße Europäerin. Wie ich spreche und was ich sage, hat Bedeutung. Und die schönsten Worte bringen nichts, wenn die Taten nicht folgen. Ich hole tief Luft, richte das Mikro – und beginne zu sprechen.

+ENDE+

Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und war unter anderem Pressesprecherin von Ende Gelände. Für Bündnis 90/die Grünen saß sie von 2021 bis 2025 im Bundestag. Dies ist die achte und letzte Kolumne einer Reihe auf dem Weg zur Weltklimakonferenz nach Belém.

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