Gastbeitrag #1Segel setzen gegen den fossilen Rollback

Eine Person in türkisfarbener Regenjacke und oranger Mütze steht am Steuerrad eines Segelbootes auf offener See. Im Hintergrund sind graue Wolken, aufgewühlte Wellen und ein Regenbogen am Horizont zu sehen.
Diese Woche stach Kathrin Henneberger gemeinsam mit vielen weiteren Aktivist:innen, auf einem Segelboot in Amsterdam ins Meer - auf dem Weg nach Brasilien (Bild: Kathrin Henneberger)

Auf der Weltklimakonferenz wird die fossile Industrie eskalieren – und auf die Bewegung für Klimagerechtigkeit treffen. Die ersten Segelboote mit Aktivist*innen sind bereits auf dem Weg über den Atlantik.

Eine Reisekolumne zur Weltklimakonferenz von Kathrin Henneberger

25.09.2025 – Der Weg zur Klimakonferenz auf einem Segelschiff beginnt mit Entschleunigung. Wann wir die Segel setzen und nach Südwesten aufbrechen, entscheidet allein der Wind – nicht der Terminkalender. Und so beginnt die Überfahrt über den Atlantik zunächst im Amsterdamer Hafen mit regnerischen Trockenübungen im Segelsetzen, Sicherheitstraining und etwas, in dem Klimaaktivist:innen nicht so gut sind: abwarten und Tee trinken.

Doch dann dreht der Wind. „Morgen segeln wir los!“, ruft der Kapitän. Auf Deck beginnen eiligst die letzten Vorbereitungen: Ein letztes Mal werden die Seile geprüft und in der Speisekammer alle Kisten mit Gemüse und allerlei Leckerem extra gut verstaut. In den nächsten Häfen auf unserem Weg werden weitere Klimaaktivistinnen an Bord gehen. Mehr Segelboote werden sich der Route anschließen. Unter dem Slogan Flotilla for Change wird organisiert, Fundraising für Aktivistinnen aus den am stärksten betroffenen Regionen koordiniert und die Verhandlungen der Klimakonferenz vorbereitet.

In Belém darf der fossilen Lobby nicht das Feld überlassen werden

Aber zurück zum Anfang: Warum das Ganze? In den letzten Jahren war ich als Abgeordnete des Deutschen Bundestages Teil der deutschen Delegation bei den Klimaverhandlungen, die von Annalena Baerbock geführt wurden. Davor habe ich über ein Jahrzehnt lang die Verhandlungen als „Observer“ – also als zivilgesellschaftliche Akteurin – begleitet.

Ich habe erlebt, wie von Jahr zu Jahr die Präsenz und der Druck der fossilen Industrie sowie von Ländern, die wirtschaftlich stark von der Förderung und Verbrennung fossiler Rohstoffe profitieren, zunahmen. Gleichzeitig wurde der Raum für zivilgesellschaftlichen Protest und Einfluss immer kleiner: auf den Konferenzen selbst erschwert und außerhalb – etwa in den Gastgeberländern der letzten COPs wie Aserbaidschan, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Ägypten – praktisch unmöglich.

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Viel Gerede für einen Minimalkompromiss

Offiziell schon am Freitag zu Ende, wurde auf der Klimakonferenz bis tief in die Samstagnacht hinein verhandelt. Am Ende steht ein Kompromiss, der mehr ist als zuvor, aber deutlich zu wenig für die gewaltigen Aufgaben angesichts der Klimakrise.

Je mehr Fortschritt wir erreichten – wie beispielsweise die klare Bekennung zu einem fossilen Ausstieg („transition away“) auf der Klimakonferenz in Dubai, das erste Mal seit 28 Jahren Klimakonferenzen, desto erbitterter kam die Gegenwehr. Auch in Brasilien, auf der nächsten COP in Belém, werden Vertreter fossiler Interessen wieder präsent sein.

Neben einer US-Regierung, die bereits erneut aus dem Pariser Übereinkommen ausgestiegen ist und alles dafür tun wird zu blockieren, gibt es nun auch ein europäisches Verhandlungsteam, das die eigenen Klimaziele infrage stellt, und eine Bundesregierung, die fleißig an einem fossilen Rollback arbeitet – inklusive der Erschließung neuer Gasfelder und dem Bau neuer Gaskraftwerke. Gleichzeitig werden Mittel der globalen Zusammenarbeit gekürzt, und es ist zu erwarten, dass Deutschland seine aktuelle Zusage – sechs Milliarden Euro für internationale Klimafinanzierung – nicht mehr einhalten wird.

Wir befinden uns leider in der absurden Situation, dass die Klimakrise Monat für Monat grausamer wird, die 1,5-Grad-Grenze bereits zeitweise überschritten ist – und doch gleichzeitig weltweit neue fossile Lagerstätten erschlossen werden. Was ist also zu tun? Der fossilen Lobby und dem globalen politischen wie gesellschaftlichen Rechtsruck (ja, hier gibt es einen Zusammenhang – aber dazu werde ich ausführlich in einer der nächsten Kolumnen schreiben) das Feld überlassen?

Nein! Weder habe ich vor, tatenlos zuzusehen, wie Erfolge auf globaler Ebene zunichte gemacht werden, noch Menschen im Stich zu lassen, die in anderen Regionen der Welt gegen fossilen Extraktivismus kämpfen – wie in Brasilien indigene Bevölkerungsgruppen und zivilgesellschaftliche Organisationen gegen neue Öl- und Gaslizenzen.

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Mögen die Regenbogen mit uns sein

Deshalb geht es jetzt für mich, einer Aktivistin und Politikerin aus der rheinischen Braunkohleregion, über den Atlantik nach Brasilien. Am frühen Morgen des 22. September werden die Segel gesetzt. Während der Wellengang zunimmt, im Wechsel von Schauer und Sonnenschein, schallen die Rufe „Ready on the Halyard? Ready on the Sheet?“ (Das Team ist international – gesprochen wird Englisch) übers Deck, werden die Segel erst hoch-, dann strammgezogen und gesichert. Zuerst das Flying Jib, das Segel ganz vorne am Bowsprit. Das Schooner Sail, Inner und Outer Jib werden ebenfalls gesetzt und bei sieben bis zehn Knoten nehmen wir Fahrt auf.

Bei meiner ersten Wache um 16 Uhr halten wir Kurs auf 245 Grad Südwest Richtung Ärmelkanal, ziehen Windparks an uns vorbei zeichnen Regenbogen die finale Segelromantik. Wellengang und Wind wollen es heute Abend aber nicht zulassen, dass die Augen vom Kompass genommen werden, beständig muss nachgesteuert werden. Erst bei meiner zweiten Wache – ab vier Uhr morgens – hat sich die See beruhigt. Bei vier Knoten ziehen wir unter einem leuchtenden Sternenhimmel dahin, ist nichts zu hören außer dem Rauschen der Wellen und der Segel, glitzert das Wasser schwarz und blinken weitere Windparks rot am Horizont.

Ready on the Halyard!

Ans Ruder gelehnt, entspannt, nur hin und wieder nachsteuernd (aktueller Kurs 210 Grad), ist dies der erste ruhige Moment auf See, und ich erlaube mir für einen Moment etwas zu spüren, das in der Hektik zwischen politischen Kampagnen gegen den Kohletagebau im Rheinland und Parlamentsarbeit in Berlin nicht mehr da war – unendliche Dankbarkeit, im Hier und Jetzt am Leben zu sein und all das erleben zu dürfen. Das Glück eines entschleunigten Lebens – auch wenn nur für kurze Zeit – und die Sehnsucht nach einer Welt, in der Reichtum nicht länger ein finanzieller Wert ist, sondern danach bemessen wird, ob alle Menschen ein gutes und freies Leben führen können.

Eine Weltgemeinschaft, die sich dafür entscheidet, das Ruder noch rumzureißen, in Solidarität zu agieren, statt in die Klimakatastrophe zu rasen. Aber der globale politische Rechtsruck arbeitet gegen uns, und umso wichtiger ist es jetzt, sich weiter global zu vernetzen, zusammenzuarbeiten und nicht nachzulassen, für Menschenrechte und Klimagerechtigkeit aktiv einzustehen. An Entschleunigung und Pause ist leider noch lange nicht zu denken. Also: Ready on the Halyard – setzt die Segel!

Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und war unter anderem Pressesprecherin von Ende Gelände. Für Bündnis 90/die Grünen saß sie von 2021 bis 2025 im Bundestag. Dies ist die erste Kolumne einer Reihe, auf dem Weg zur Weltklimakonferenz nach Belém.

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