Monitoringbericht Energiewende: Statt der Energiewende sollen nun Gaskraftwerke, CCS und grauer Wasserstoff subventioniert werden

Was Wirtschaftsministerin Reiche aus dem Monitoringbericht zur Energiewende folgert, verwundert. Diskrepanzen gibt es etwa beim künftigen Strombedarf. Und fossile Brennstoffe scheinen von einer kosteneffizienten Energieversorgung ausgenommen.
16.09.2025 – Ein vielfach befürchteter, in erheblichen Maßen kleingerechneter künftiger Strombedarf ergibt sich aus dem Gutachten nicht. Im lang erwarteten Monitoringbericht zur Energiewende geben die Gutachter:innen vom Energiewirtschaftlichen Institut (EWI) in Köln sowie BET Consulting eine mögliche Range des Strombedarfs 2030 zwischen 600 und 700 Terrawattstunden (TWh) an.
Wobei sich der Bedarf durchaus am oberen Rand orientieren könnte aufgrund von Unsicherheiten bei der Elektrifizierung der Industrie – mittels Elektrolyseuren und Wasserstoff – sowie dem künftigen Bedarf von Rechenzentren für Digitalisierung und KI-Anwendungen. Damit würde sich der Bedarf in Richtung des bislang festgelegten Strombedarfs im Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) von 750 TWh im Jahr 2030 bewegen.
Und was macht Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche daraus? Sie betont auf der gestrigen Pressekonferenz die unterste Range aller von den energiewirtschaftlichen Instituten untersuchten Studien, die in das Energiewende-Monitoring eingeflossen sind. Manche Studien würden von sehr viel weniger, von 530 TWh an Strombedarf ausgehen, so Reiche. „Für die weitere Projektion bedarf es Anpassungen: Anpassungen beim erwarteten Strombedarf, Anpassungen zum Beispiel auch bei der Offshorekapazität, bei der Offshore-Netzanbindung und bei der Hochspannungsgleichstromübertragung.“ Der Ausbau der Trassen könne sich hier an geringeren Stromverbräuchen orientieren, schlussfolgert Reiche.
Auf der Pressekonferenz ebenfalls anwesend: Philipp Artur Kienscherf vom EWI und Alexander Kox von BET Consulting. Beide betonen mögliche Verzögerungen beim Ausbau der Windenergie auf See auf Grundlage von Problemen beim Offshore Netzausbau, weisen aber zugleich auf Optimierungspotenziale des dortigen Netzausbaus hin, um die Ausbauziele der Offshore-Windkraft von 30 Gigawatt (GW) 2030 doch noch in Sichtweite zu bringen.
Aufgrund der guten Genehmigungslage der Windkraft an Land sowie des weiter kräftig wachsenden PV-Zubaus, sei das Ziel von 80 Prozent Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch, vor dem Hintergrund eines möglichen etwas geringeren Strombedarfs, erreichbar. Zugleich sei, auch vor dem Hintergrund einer unsicheren Entwicklung des Strombedarfs, der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien, in Verbindung mit ausreichenden Netzen und Speichern unerlässlich. Sorgen bereite eine nachlassende Dynamik beim Zubau von Dachanlagen in den letzten Monaten. „Sollte sich dieser Trend fortsetzen und nicht anderweitig kompensiert werden, könnte das die Erreichung der derzeitigen Ziele bis 2030 gefährden“, befürchtet Kienscherf.
Die weitere Förderung von privaten Solaranlagen ist also ein wichtiger Faktor für die Energiewende, könnte man meinen. Ganz anders sieht das Wirtschaftsministerin Reiche. Die forderte schon vor Veröffentlichung des Monitoringberichts, die Einspeisevergütung für private Solaranlagen zu streichen und zu prüfen auch private Einspeiser von Energie an den Netzentgelten zu beteiligen. Auf der gestrigen Pressekonferenz betont Reiche, dass es weitere Förderungen nur für große Freiflächen-PV-Anlagen bedarf.
Wie die Gutachter:innen stellt auch Reiche die Ausbauziele und das Ziel der Klimaneutralität 2045 nicht in Frage. Auftrag des vom Wirtschaftsministerium beauftragten Gutachtens war es aber auch die Energiewende hinsichtlich einer größeren Kosteneffizienz zu untersuchen. Dabei betonen die Gutachter:innen des Monitorings unter anderem die Vorteile eines Mixes innerhalb von Erzeugungsklassen.
„Wir stellen fest, dass die Technologiewahl innerhalb gewisser Erzeugungsklassen Kosteneffizienz-Potenziale birgt. Beispielsweise kann ein gezielter Mix aus verschiedenen Technologien, im Rahmen von PV-Technologien sind das Freiflächen-, Aufdach- und Agri-PV- Anlagen und bei Windenergie beispielsweise Stark und Schwachwindanlagen, die Kosten für erneuerbaren Strom senken. Durch die Kombination mit Stromspeichern könnte zusätzlich der Systemwert der erzeugten Energie erhöht werden“, so Kienscherf.
Auch darüber hinaus bringe die weitere Flexibilisierung der Energiewende erhebliche Kostenvorteile mit sich, so die Gutachter:innen. Es geht unter anderem um die Überbauung von Netzanschlüssen, also die Nutzung eines Anschlusses für PV-Anlagen und Windparks, das bidirektionale Laden, mit E-Autos als Energiespeicher, den Smart-Meter-Rollout sowie die Nutzung verschiedenster Möglichkeiten, sogenannte Dunkelflauten zu überbrücken – Zeiten, in denen weder der Wind weht noch die Sonne scheint.
Punkte, die auch die Wirtschaftsministerin mitgeht, die zugleich eine Überprüfung von Subventionen für die Energiewende anmahnt. „Fördermaßnahmen und Subventionen müssen immer wieder auf ihren volkswirtschaftlichen Nutzen hin überprüft werden und auf das unbedingt notwendige Maß reduziert“, sagt Reiche. Eine Überprüfung aber, die scheinbar nicht für Gaskraftwerke, CCS und grauen Wasserstoff gilt.
Statt einer flexiblen Gesamtlösung, sollen Gaskraftwerke für Reiche weiter das Rückgrat der Energieversorgungssicherheit stellen. Carbon Capture and Storage – kurz CCS – soll stärker als bislang gefördert werden und nicht nur bei unvermeidbaren Emissionen aus industriellen Prozessen, sondern auch bei Kraftwerken eingesetzt werden. Und bei Wasserstoff gelte es nicht nur grünen, sondern auch „Low-Carbon“ in den Blick zu nehmen. Reiche will unter anderem aus Gas hergestellten Wasserstoff importieren. Und das alles staatlich subventioniert.
Die Erneuerbaren Branche zeigt sich schockiert. Oliver Hummel, Vorstandsvorsitzender der naturstrom AG, konstatiert: „Einerseits sollen Fördermaßnahmen überprüft und tendenziell zurückgefahren werden, wobei implizit vor allem die Aufdach-Photovoltaik gemeint sein dürfte, andererseits werden mit CCS und CCU Technologien zur CO2-Abscheidung und -Nutzung propagiert, die sich in Deutschland nicht ohne massive staatliche Unterstützung werden etablieren lassen. Hier droht zweierlei Maß angelegt zu werden.“
Simone Peter, Präsidentin des Bundesverband Erneuerbare Energien betont, dass vor allem Gaskraftwerke mit der zusätzlichen Implementation von CCS sehr teuer werden würden – insbesondere im Gegensatz zu den vielen Flexibilitäten, die die neue Energiewelt bietet. „Werden alle Flexibilitätspotenziale auf Verbraucher-, Speicher- und Erzeugerseite voll ausgenutzt, reduziert sich der Bedarf an fossilen Gaskraftwerken, die immerhin Stand heute H2-ready geplant werden", so Peter. Zudem könne die regionale Steuerung von Batteriespeichern, Elektrolyseuren und Netzen die Netzausbaubedarfe senken, ohne dabei die Stromgebotszone zu splitten. „Diese Feststellungen im Monitoring begrüßt der BEE ausdrücklich”, erklärt die BEE-Präsidentin.
Umweltverbände zeigen sich zutiefst verunsichert. Laut Ministerin Reiche würden industrielle Prozesse nicht wie erwartet elektrifiziert. Etwa über Elektrolyseure zur Wasserstoffherstellung oder auch Prozesswärme mittels Elektrodenkessel und Wärmepumpen. Dem entgegnet Kai Niebert, Präsident des Deutschen Naturschutzrings: „Was Ministerin Reiche am heutigen Montag als Kurskorrektur verkauft, droht eine energiepolitische Vollbremsung zu werden. Mit ihrem Abgesang auf die Elektrifizierung industrieller Großverbraucher versagt Katherina Reiche in ihrer Funktion als Wirtschafts- und Energieministerin. Für einen nachhaltigen Wohlstand müsste sie es als ihre zentrale Aufgabe sehen, den Industriestandort Deutschland zu modernisieren und Unternehmen dabei zu helfen, in moderne Produktionsverfahren zu investieren.“ Stattdessen lasse sie den Strombedarf runterrechnen und ignoriere dabei zukünftige Großverbraucher wie Rechenzentren, die sie selber in großem Stil ansiedeln möchte.
Auch in den Sektoren Gebäude und Verkehr würden die Ziele für den Einbau von Wärmepumpen und Absatz von E-Autos hinterherhinken, so Reiche – der prognostizierte Strombedarf also geringer. Dazu sagt Viviane Raddatz, Klimachefin beim WWF Deutschland: „Die Lösung dafür liegt nicht im Drosseln der Erneuerbaren, sondern im Hochfahren von Elektrifizierungstechnologien wie E-Mobilität und Wärmepumpen - wozu Ministerin Reiche sich trotz ihrer gleichzeitigen Forderung nach optimierter Nutzung jeder KWh gar nicht geäußert hat. Die Erneuerbaren auszubremsen, weil der Ausbau von Zukunftstechnologien zu langsam geschieht, ist wie ein Kapitän, der die Segel einholt, nur weil der Wind anders weht – statt den Kurs klüger zu setzen.“ mg
























































