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„Realitätscheck“ EnergiewendeVerbände und Kommunen gegen die Pläne der Wirtschaftsministerin

Eine Frau mit dunklen Haaren spricht bei einer Pressekonferenz in ein Mikrofon. Sie trägt ein schwarzes Sakko, eine weiße Bluse und eine Halskette mit Kreuzanhänger. Im Hintergrund ist ein Banner mit dem Schriftzug „Poland25EU“ und einem Logo zu sehen.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bei einem Besuch in Polen (Bild: poland25eu, flickr, Public Domain)

Statt Smart-Meter-Rollout, Energy Sharing und Mieterstrom, will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche Beteiligung an Netzentgelten und Förderstopp für kleine Solaranlagen. Verbände und Kommunen fordern ein Umdenken.

27.08.2025 – Der Vorschlag der Bundesnetzagentur trifft bei Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche auf offene Ohren. Die Bundesbehörde prüft auch private Einspeiser von Energie an den Netzentgelten zu beteiligen, um die steigenden Kosten für den Netzausbau zu bezahlen. Die steigenden Kosten werden vor allem auf die Verbaucher:innen in Form von höheren Netzentgelten abgewälzt, die Bundesregierung aber will die Netzentgelte „deckeln“.

Reiche hatte sich bereits in ihrer vorherigen Funktion als Chefin der E.ON-Tochter Westenergie offen für entsprechende Überlegungen gezeigt. Kleine Solaranlagen brächten „einigen wenigen“ Vorteile, aber die Folgekosten – etwa für den Anschluss ans Netz – würden der Allgemeinheit aufgebürdet, zitiert der Spiegel Reiche, die im Februar auf einer Fachmesse auftrat. „Hier braucht es eine Korrektur.“

Darüber hinaus fordert Reiche die Einspeisevergütung für private Solaranlagen zu streichen. Wer bislang als Hausbesitzer mit seiner PV-Anlage ins Netz einspeist, bekommt über 20 Jahre eine garantierte Vergütung. Nach einer Umfrage unter Solarinstallateuren würden sich lediglich vier von zehn Kunden ohne eine Förderung noch eine Solarstromanlage im Heimsegment anschaffen.

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Klimaschutz und solare Energiewende auf Zielkurs halten

Die Überlegungen von Bundeswirtschaftsministerin Reiche, die Einspeisevergütung für neue private PV-Anlagen zu streichen, stößt auf Kritik. Das gefährde Klima- und Ausbauziele sowie die ganze Solarbranche und torpediere die dezentrale Energiewende.

Als ehemalige Chefin eines großen Energieunternehmens, dass zudem mit Erdgas Geschäfte macht, hofiere die Wirtschaftsministerin aktuell die großen Energieversorger und Gasbranche, ist vielfach die Kritik aus der Erneuerbaren Branche zu hören. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die Stadt Bonn und die Gemeinde Bakum, das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) sowie der Bundesverband Steckersolar (BVSS) forderten von Reiche ein klares Umdenken und Stärkung der bürgernahen Energiewende.

Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der DUH, sagt: „Die Wirtschaftsministerin schlägt einen grundfalschen Weg ein, wenn sie durch einen klein gerechneten zukünftigen Strombedarf und schlechtere Rahmenbedingungen Solaranlagen auf dem Dach unattraktiver macht.“ Neben Netzentgeltbeteiligung und Wegfall von Einspeisevergütung befürchten Umweltverbände, dass mit dem voraussichtlich dieser Woche veröffentlichten Energiewende-Monitoring, dem sogenannten „Realitätscheck Energiewende“, der künftige Strombedarf kleingerechnet wird und damit der Erneuerbaren Ausbau verzögert.

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Der Realitätscheck Energiewende der Bundesregierung hat Schlagseite, warnen Koalitionspartner SPD sowie mehrere NGOs. Der Auftrag für das vom Bundeswirtschaftsministerium bestellte Energiewende-Monitoring beeinflusse das Ergebnis – gegen Erneuerbare.

Die Erneuerbaren Branche hingegen rechnet im Zuge der Sektorenkopplung weiterhin mit einem steigenden Strombedarf. Derweil könne nur mit einem funktionierenden Energy Sharing und Smart-Meter-Rollout die garantierte Einspeisevergütung wegfallen, betonen neben Metz auch Verantwortliche aus den Kommunen.

Tobias Averbeck, Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Bakum, sagt: „Das Energy Sharing wäre der nächste Schritt, um sich gemeinschaftlich selbst zu versorgen und daraus auch noch einen wirtschaftlichen Vorteil zu erzielen. Hier gilt es beim aktuellen Gesetzentwurf der Bundesregierung im parlamentarischen Verfahren nachzubessern, damit alle Bürgerinnen und Bürger niedrigschwellig Energie teilen und gemeinschaftlich nutzen können. Erst wenn das gelingt, kann Energy Sharing an die Stelle der EEG-Förderung treten und der aktuelle Vorschlag der Bundesregierung wäre sinnvoll.“ Beim Energy Sharing geht es vereinfacht gesagt darum Energie gemeinschaftlich zu erzeugen und zu nutzen. Im Besten Fall – wie etwa in Österreich – profitieren die Prosumer von geringeren Netzentgelten.

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Energie aus dem Grätzl

Energy Sharing in Deutschland ist kompliziert. Unsere Nachbarn in Österreich sind da einen Schritt weiter. Gemeinschaftlich erzeugte Energie kann gemeinsam genutzt werden und von verringerten Netzgebühren profitieren. Ein Beispiel aus Wien.

Zwar soll mit der nächsten Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes Energy-Sharing – übrigens eine EU-Vorgabe – umgesetzt und ab Mitte 2026 eingeführt werden, doch es gibt weiter Kritik an der Umsetzung. Von Seiten des Bundesverbands Erneuerbare Energien wird die Beschränkung auf ein Netzgebiet kritisiert. Das Bündnis Bürgerenergie kritisiert die fehlenden Vergünstigungen. Damit das Modell in der Praxis funktioniert, müsse der Gesetzesentwurf um wirtschaftliche Anreize beispielsweise angepasste Netzentgelte für die lokale Nutzung von Strom, erweitert werden.

„Damit auch in Großstädten alle verfügbaren Dachflächen für die Energiewende erschlossen werden, braucht es einen verbindlichen Rechtsrahmen für Energy Sharing, der den unbürokratischen Verkauf von überschüssigem Strom anreizt.“, sagt Katja Dörner, Oberbürgermeisterin von Bonn. PV-Dachanlagen, egal ob auf Eigenheim, Gewerbe oder kommunalen Dächern, seien neben der kommunalen Wärmeplanung weiterhin der zentrale Klimaschutz-Hebel für Kommunen. „Die aktuellen bundespolitischen Debatten über die Zukunft der Aufdach-Photovoltaik beeinträchtigen dagegen die Planungssicherheit, die Bürgerinnen und Bürger sowie Kommunen für ihre langfristigen Investitionen in den Klimaschutz benötigen“, so Dörner.

Deutsche Umwelthilfe und Bündnis Bürgerenergie fordern in einem 10-Punkte-Plan PV-Aufdachanlagen als zentrales Element der Energiewende stärker zu fördern. So würden PV-Dachanlagen keinen zusätzlichen Flächenverbrauch bedeuten und mit 1,2 Milliarden m2 geeigneter Dachflächen sei das Ausbaupotenzial enorm. Auch sei der Netzausbau meist wenig erforderlich, da städtische Stromnetze bereits auf hohe Verbrauchslasten ausgelegt sind und der Solarstrom verbrauchernah erzeugt wird. Zudem würden die Anlagen eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz haben, insbesondere dann, wenn – Stichwort Energy-Sharing und Mieterstrom – die Menschen bei Energieerzeugung und -verbrauch eingebunden und beteiligt werden. mg

Kommentare

Gernot Kloss am 28.08.2025

Das Vorhaben von Frau Reiche wird die CDU gut drei bis vier Prozent an Wählerstimmen kosten und viele Gerichtsverfahren nach sich ziehen. Wie realitätsfremd und unsozial muss man sein, dass man ein von Bürgern und Bürgerinnen erarbeitetes Produkt (elektrische Energie) durch Enteignung wertlos machen will.

Klaus Erich Freudenberg am 28.08.2025

Aich das sehr seltsame Tantchen Katherina Reiche beweist wieder einmal meine These, dass sich in den Parteien für höhere Ämter nicht die besten durchsetzen, sondern schlicht die, die sich am besten durchsetzen können.

Entweder hat Reiche nicht die geringste Ahnung, welche Aufgaben in ihrem Job wichtig sind, oder sie wirft, wie viele andere, vor ihren Entscheidungen erst mal einen Blick darauf, welche Konzerne die Parteispendenkasse am fleißigsten füllen. Da heißt.... NEIN, das kann nicht sein! Denn Korruption gibt's ja nur in gaaaaanz anderen Ländern ;-)

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