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Bild: Anna Cavazzini

Meinung 21.07.2025

Kampf um den Regenwald: Warum der Amazonas uns alle angeht

Ein neues Gesetz droht, den Amazonas massiv zu gefährden. Warum uns das nicht egal sein darf, welche Rolle Brasilien in der globalen Klimapolitik spielt und wie wir uns international für den Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzen müssen.

Anna Cavazzini, Bündnis 90/die Grünen, Vorsitzende des Binnenmarktausschusses im Europaparlament


Meinung 21.07.2025

Kampf um den Regenwald: Warum der Amazonas uns alle angeht

Ein neues Gesetz droht, den Amazonas massiv zu gefährden. Warum uns das nicht egal sein darf, welche Rolle Brasilien in der globalen Klimapolitik spielt und wie wir uns international für den Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzen müssen.

Bild: Anna Cavazzini

Anna Cavazzini, Bündnis 90/die Grünen, Vorsitzende des Binnenmarktausschusses im Europaparlament



Wenn wir über die großen Fragen unserer Zeit sprechen – Klimakrise, Artensterben, Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd – dann führt kein Weg an Brasilien vorbei. Das größte Land Südamerikas beherbergt den Amazonasregenwald, das vielleicht bedeutendste Ökosystem der Erde. Was dort geschieht, betrifft uns alle.

Ich habe Brasilien mehrfach bereist. Als Vizepräsidentin der Brasiliendelegation im Europäischen Parlament war ich im Amazonas, in indigenen Territorien, habe Aktivistinnen und Aktivisten getroffen, Vertreterinnen der Zivilgesellschaft gesprochen und mit Politikerinnen diskutiert. Immer wieder wurde mir dabei klar: Die Frage, wie wir mit dem Amazonas umgehen, ist auch eine Frage darüber, wie ernst wir es mit dem Schutz unserer Lebensgrundlagen meinen.

Die Regenwälder des Amazonas speichern enorme Mengen an Kohlenstoff, regulieren das Weltklima, beherbergen eine einzigartige biologische Vielfalt und sind Lebensraum für viele indigene Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur leben. Sie zu schützen, ist kein Akt der Solidarität, sondern eine Notwendigkeit für unser aller Zukunft.

Besonders beeindruckt hat mich mein Treffen mit Marina Silva, Brasiliens heutiger Umweltministerin. Ihre Stimme hat Gewicht – nicht nur, weil sie aus eigener Erfahrung spricht, sondern weil sie den Mut hat, sich auch innerhalb der Regierung für eine konsequente Umweltpolitik einzusetzen.

Umso alarmierender ist die aktuelle Entwicklung in der brasilianischen Gesetzgebung. Ein neues Gesetz mit der nüchternen Bezeichnung PL 2159/2021 – in der Zivilgesellschaft auch als Verwüstungsgesetz bekannt – droht, Jahrzehnte des Umweltschutzes zunichtezumachen.

Dieses Gesetz wird die bisherigen Anforderungen an Umweltgenehmigungen massiv aufweichen. Projekte müssten nicht mehr auf Grundlage unabhängiger Gutachten genehmigt werden, sondern könnten teilweise über einfache Online-Erklärungen abgewickelt werden – ohne umfassende Prüfung ihrer ökologischen Folgen. Auch die bisherigen Schutzpuffer um indigene Gebiete könnten reduziert oder ganz aufgehoben werden. Besonders gravierend ist zudem, dass die Verfahren für große Infrastrukturprojekte – etwa für Bergbau, Ölbohrung oder Energiegewinnung – deutlich reduziert wurden.

Die Folgen wären verheerend. Der Zugang zu vormals geschützten Gebieten würde massiv erleichtert. Investoren könnten sich über Umweltauflagen hinwegsetzen. Die Entwaldung würde erneut stark ansteigen – und mit ihr die Emissionen, die zur Erderwärmung beitragen.

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Zahlreiche Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, Wissenschaftlerinnen und indigene Vertreterinnen warnen eindringlich vor diesem Gesetz. Auch Marina Silva hat sich wiederholt kritisch dazu geäußert. Dennoch hat eine rechte Mehrheit im brasilianischen Abgeordnetenhaus dem Gesetz diese Woche zugestimmt. Nun kann Präsident Lula ein Veto gegen das Gesetz einlegen und obwohl seine Partei gegen das Gesetz gestimmt hat, ist sein Vorgehen noch unklar, denn sein Veto kann sehr einfach vom Kongress überstimmt werden. Deswegen ist das oberste Gericht Brasiliens die letzte Hoffnung für die Gegnerinnen des Gesetzes.

Dass dieser Angriff auf Umweltstandards ausgerechnet jetzt kommt, ist besonders fatal. Denn im November wird Brasilien Gastgeber der UN-Klimakonferenz COP30 sein – und zwar in Belém, mitten im Amazonasgebiet. Das Land könnte dort als Vorreiter auftreten, als Hüter der „grünen Lunge“ der Erde. Doch ein Gesetz, das die Zerstörung dieser Lunge erleichtert, sendet ein völlig falsches Signal – sowohl an die internationale Gemeinschaft als auch an die eigene Bevölkerung.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Europäischen Parlament hatte ich deshalb einen Brief an Hugo Motta, den Präsidenten der brasilianischen Abgeordnetenkammer, unterzeichnet. Darin forderten wir, den Gesetzentwurf nicht zur Abstimmung zu bringen. Vergeblich.

Leider ist der brasilianische Fall kein Einzelfall. Auch in Europa geraten umweltpolitische Errungenschaften zunehmend unter Druck. Der Europäische Green Deal, einst als ambitionierter Plan für eine klimaneutrale Zukunft gefeiert, wird von konservativen und rechten Kräften angegriffen. Schon beschlossene Gesetze werden aufgeweicht und neue werden verzögert oder ganz blockiert.

Wir erleben gerade weltweit, wie Umweltpolitik zur politischen Verhandlungsmasse wird. Dabei ist längst klar: Es geht um die Frage, ob wir die Grundlagen unseres Lebens auf diesem Planeten erhalten können.

Was können wir tun? Wir müssen informiert bleiben, unsere Stimme erheben und den gesellschaftlichen Rückhalt für eine nachhaltige Politik stärken. Es beginnt mit Gesprächen im Freundeskreis, mit dem Teilen von Informationen, mit der Unterstützung von Organisationen, die sich für den Erhalt der Natur und die Rechte der Betroffenen einsetzen.

Die Klimakrise ist keine abstrakte Zukunftsgefahr – sie ist längst Realität. Extreme Wetterereignisse, Dürren, Artensterben und soziale Konflikte zeigen uns jeden Tag, was auf dem Spiel steht. Der Schutz des Amazonas ist dabei keine Randnotiz, sondern eine zentrale Frontlinie in diesem globalen Kampf.

Wir müssen unsere Stimme erheben – für die Menschen im Amazonas, für die Artenvielfalt unseres Planeten und für kommende Generationen. Die Zeit zu handeln, ist jetzt. Denn die Zukunft des Regenwaldes ist auch unsere eigene Zukunft.

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