Gastbeitrag #2: Wenn das Meer leuchtet und die Erde brennt

Auf dem Weg zur Weltklimakonferenz über den Atlantik folgen uns Delfine, glitzern Dinoflagellaten und gleichzeitig baut TotalEnergie in Uganda eine neue Erdölpipeline – als wäre die Welt nicht schon im fossilen Orkan am Kentern.
Zweiter Gastbeitrag von Kathrin Henneberger
03.10.2025 – Das Schiff liegt schief. Nicht nur für einen Wellengang – über einen Tag drückt uns der Wind von der port side (links vom Ruder) gegen die Segel, während wir Kurs durch den Ärmelkanal an der europäischen Küste entlang Richtung Portugal halten. Das Deck, die Treppen, die Herdplatte – alles neigt sich, als wären wir auf einem steilen Berghang. Ich rolle fast aus meiner Koje für die Morgenschicht um vier Uhr und werde erst einmal seekrank. Jeder Körper reagiert unterschiedlich, und manchmal muss er sich eben an besonders starkes Schaukeln gewöhnen. Meine Hände prickeln, als wären sie eingeschlafen, mein Körper verwandelt sich in eine kraftlose Gummipuppe.
Doch ich habe Glück, denn mein Schichtkollege wird nicht seekrank, bringt mir Wasser und Tabletten dagegen. Langsam kommt Gefühl in meine Hände zurück, und mit purer sturköpfiger Willenskraft schaffe ich es meinen Körper zu zwingen meine Regenkleidung und Sicherheitsweste (die sich automatisch mit Luft füllt, sollte ich ins Wasser fallen) überzuziehen und die Leiter aus dem gemeinsamen Schlafraum nach oben zu klettern. Es stürmt, regnet und alles schwankt – in Schieflage.
Mit dem Karabiner in der Sicherheitsleine eingeklinkt geht es über das Deck zum Steuer, wo die zwei anderen Crewmitglieder und der Erste Offizier, mit denen ich die Schicht teile, bereits eisern Kurs am Ruder halten und gleichzeitig auf Windrichtung, Wellengang, andere Schiffe und flatternde Segel achten. Die erste Stunde verbringe ich noch eingesunken und an die Sicherheitsleine gekettet auf Deck. Der Regen weckt mich, die Tablette wirkt, mein Körper justiert sich neu – alles ist Gewöhnungssache. Die Seekrankheit verfliegt so schnell wie sie gekommen war. Ein plötzlicher Adrenalinschub sorgt für ein Gefühl euphorischer Hyperaktivität. Als wäre nichts gewesen und als hätte ich einen vierfachen Espresso getrunken. Ich kann das Steuer übernehmen und verstehe jetzt – als Landmensch – warum Segeln auf hoher See so süchtig machen kann wie das Erklimmen von Berggipfeln.
In der Dunkelheit der Nacht schäumt die See, heben uns die Wellen und drückt uns der Wind über das Wasser – es fühlt sich fast wie Fliegen an. Ohne Motor sind wir seit dem Auslaufen aus Amsterdam unterwegs, ohne den Verbrauch fossiler Brennstoffe, nur mit der Kraft des Windes und passend gesetzten Segeln. Und solange sich Sturmböen nicht in einen Tornado verwandeln, werden wir es sicher bis Freitag nach Lissabon schaffen. Ein stabiles Klima in den letzten 10.000 Jahren und weniger Wetterextreme haben es ermöglicht, dass Landwirtschaft betrieben, Städte gebaut und Gesellschaften und Staaten sich entwickeln konnten – und eben auch, dass Menschen die See bereisen können, so wie wir es gerade tun.
Die fossile Flotte steuert in den Orkan
Diese Epoche ist als Holozän bekannt – und wir verlassen sie nun, wie erst kürzlich der Bericht über die planetaren Grenzen (Planetary Health Check 2025) verdeutlichte. Eine fossile Flottille aus dröhnenden Speedbooten, Jachten der Superreichen, überdimensionierten Kreuzfahrt- und Containerschiffen lässt die ganze Menschheit in einen Orkan dampfen, aus dem – einmal erfasst – es kein Entrinnen mehr gibt. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft warnen in einem gemeinsamen Aufruf vor den Gefahren einer „beschleunigten Erderwärmung“: Bereits um das Jahr 2050 könnte eine Erwärmung um drei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erreicht werden – mit verheerenden Auswirkungen für die ganze Menschheit. Sie rufen eindringlich die Politik zum Handeln auf und fordern mehr Maßnahmen für den Ausstieg aus der Verbrennung fossiler Energien. Das Erschreckende: Schon vor knapp 40 Jahren hatten sie einen ähnlichen Aufruf an die Politik geschrieben.
Doch als erstes werden nicht die Jachten der Milliardäre von den Auswirkungen der Klimakatastrophe zerstört werden – auch wenn sie und ihre fossilen Investitionen die Hauptverursacher der Klimakrise sind –, sondern die Gemeinschaften, Kulturen und Lebensgrundlagen der Menschen, die am wenigsten Treibhausgase verursachen und sich am wenigsten vor den Folgen schützen können: Pazifische Inseln, die im Meer versinken, Regionen in der Sahelzone Afrikas, die aufgrund immer stärker werdender Hitzewellen unbewohnbar werden, oder Gletscher in den Anden und im Himalaya, die schmelzen und Trinkwasserverfügbarkeit von Millionen Menschen gefährden. All das passiert bereits – die Klimakrise ist schon lange kein fernes Zukunftsszenario mehr. Und die Politik reagiert derzeit wie eine Crew, die die Segel falsch setzt – in voller Absicht und im Wissen um den Sturm, der das Schiff schlussendlich kentern wird.
Auf der Klimakonferenz hat nicht jede Stimme das gleiche Gewicht
Unser Erster Offizier trifft Entscheidungen über Kurskorrekturen und das Setzen der Segel anhand von Windstärke und -richtung sowie Meeresströmungen. So wie die Politik eigentlich ihre Entscheidungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse des UN-Weltklimarates (IPCC) ausrichten sollte – mit dem Ziel, allen Menschen auf diesem Planeten ein gutes Leben in einer weiterhin stabilen Klimalage zu sichern.
Die Entscheidungen auf der UN-Weltklimakonferenz (COP) gehen deshalb jeden Menschen auf der Erde existenziell etwas an. Doch obwohl jedes Land eine Stimme hat und Entscheidungen im Konsens getroffen werden, werden die Bedürfnisse und Perspektiven der Menschen, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind, nicht gleichwertig berücksichtigt. Einige wenige, die noch vom Status quo der fossilen Verbrennung finanziell profitieren und ihre politischen Verbündeten, haben nach wie vor den entscheidenden Einfluss und können progressive und menschenrechtsbasierte Entscheidungen blockieren.
Auf jeder COP sowie den Zwischenverhandlungen versuchen Vertreter*innen von Menschen aus den am stärksten betroffenen Regionen, indigene Gemeinschaften, marginalisierte Gruppen sowie junge Menschen, sich besonders Gehör zu verschaffen. Sie organisieren sich über die indigene Plattform, in Netzwerken von Querfeministinnen bis Kleinbäuerinnen sowie über Fridays For Future. Hilda Nakabuye, Gründerin von Fridays For Future Uganda, war bereits mehrfach auf Weltklimakonferenzen. Die Reise zu organisieren und zu finanzieren ist dabei immer ein enormer Aufwand. Doch die jungen Menschen haben – anders als so manche Politikerinnen in Regierungsämtern oder im Bundestag – die Berichte des IPCC gelesen und erleben die lebensbedrohlichen Auswirkungen der Klimakrise sowie des fossilen Extraktivismus in ihren Regionen ganz konkret: In Uganda erschließt der europäische Energiekonzern TotalEnergies neue Erdölfelder. Eine Pipeline (EACOP - East African Crude Oil Pipeline ) wird 1.400 Kilometer quer durch Tansania bis ans Meer gebaut.
„Die Fossilen müssen im Boden bleiben!“
Das schwere Rohöl wird für den Transport auf rund 50 Grad erhitzt. Etwa hunderttausend Menschen werden zwangsweise umgesiedelt. Die Erdölförderung macht selbst vor dem Nationalpark Murchison Falls am Albertsee nicht halt. Gemeinsam mit Hilda besuchte ich vor zwei Jahren betroffene Dörfer, sprach mit den Menschen, die selbst kaum Zugang zu Strom haben, aber für den Ölhunger der Industrieländer ihr Zuhause, ihre Dörfer und Felder verlieren. Aktivist*innen und Anwohnende, die versuchen sich gegen das fossile Megaprojekt zu wehren, müssen mit Repressionen, staatlicher Willkür und Festnahmen rechnen. Es ist fossile koloniale Ausbeutung, die besonders auch von europäischen Konzernen wie TotalEnergies und Shell immer noch vorangetrieben wird.
Auf den Weltklimakonferenzen nehmen sich Menschen aus den betroffenen Regionen den Raum genau dies zu thematisieren, zu protestieren und von der Weltgemeinschaft ein Ende des Extraktivismus einzufordern. „Auf der nächsten Weltklimakonferenz müssen die Regierungen sich dazu verpflichten, dass fossile Rohstoffe im Boden bleiben!“, ist eine zentrale Forderung, die Hilda Nakabuye erhebt. „Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen für die Zerstörung, die sie an Gemeinschaften und am ganzen Planeten anrichten!“
In Brasilien werden wir uns hoffentlich wiedersehen und gemeinsam mit vielen anderen Aktivistinnen vor Ort politischen Druck aufbauen. Der Wind weht aktuell aus Norden, unser Kurs liegt bei 180 Grad nach Süden, die großen Segel sind wie Schmetterlingsflügel aufgespannt (eins Richtung port side, eins backboard) – und in Lissabon warten bereits weitere Klimaaktivistinnen, die mit der Flottille for Change über den Atlantik setzen. Delfine schwimmen vor unserem Bug, graue Schatten in der Nacht, während die Dinoflagellaten magisch glitzern – unsere Welt ist zu schön, um sie kampflos aufzugeben.
Kathrin Henneberger ist Klimaaktivistin und war unter anderem Pressesprecherin von Ende Gelände. Für Bündnis 90/die Grünen saß sie von 2021 bis 2025 im Bundestag. Dies ist die zweite Kolumne einer Reihe auf dem Weg zur Weltklimakonferenz in Belém, Brasilien. Hier geht es zur ersten Kolumne:
























































