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VersorgungssicherheitWenn schon, dann kleine, dezentrale Gaskraftwerke

Eine kompakte grüne Kraft-Wärme-Kopplungsanlage im Außenbereich, bestehend aus Containereinheiten mit großen Lüftungs- und Kühlaufbauten sowie einem Schornstein. Die Anlage steht auf einer Wiese mit blühendem Löwenzahn, im Hintergrund sind Bäume, ein Gebäude und ein blauer Himmel mit Wolken zu sehen.
Eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage im bayerischen Hof (Bild: PantheraLeo1359531, Wikimedia, CC BY 4.0)

Statt, wie von der Bundesregierung zur Versorgungssicherheit vorgesehen, den Bau großer Gaskraftwerke forcieren, kann ein Technologiemix zielführender sein. Dabei könnten auch kleine, gasbetriebene KWK-Anlagen zum Einsatz kommen.

22.08.2025 – Für Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche scheinen die Gaskraftwerke als Back-Up für Dunkelflauten ein sehr wichtiges Anliegen zu sein. Wiederholt betonte sie deren Ausbau voranzutreiben. Von bis zu 40 Kraftwerken mit einer Leistung von 20 Gigawatt ist die Rede. Ähnliche Größenordnungen wurden zwar auch schon in der vorherigen Ampel-Koalition diskutiert, im Gegensatz zur Vorgängerregierung wird aber deren spätere Umrüstung auf den Betrieb mit Wasserstoff zunehmend in Frage gestellt.

Bereits genehmigt und teilweise im Bau sind rund 2 GW Kraftwerkskapazität. Geplant und teilweise schon im laufenden Genehmigungsverfahren sind weitere 11,4 GW. Insgesamt plant der Bund derzeit mit Ausschreibungen für 12,5 GW steuerbare Leistung. Zwar soll ein Großteil davon (10 GW) auch H2-Ready sein, doch neben Katherina Reiche, stellte auch der Unionsfraktionsvorsitzende Jens Spahn, diesen Passus in Frage. Sie fordern aus ihrer Sicht mehr Pragmatismus und einen technologieoffeneren Weg etwa mit Kohleabscheidungstechnologien – kurz CCS.

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Das Bundeskabinett hat die Novelle des CO2-Speichergesetzes beschlossen. Der Bau von Anlagen, Infrastruktur und Speicherorten ist teuer, langwierig und problembehaftet. Klima- und Umweltorganisationen warnen vor Scheinlösung der fossilen Industrie.

Mit einer Novelle des CO2-Speichergesetzes will die Bundesregierung die mögliche Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid vorantreiben. Das Gesetz wurde ursprünglich von der Vorgängerregierung eingebracht. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen forderte dazu im Oktober 2024, die Technologie solle nur gezielt zur Einlagerung von unvermeidbaren Restemissionen eingesetzt werden, wie etwa in der Zement- und Kalkindustrie oder aus Müllverbrennungsanlagen. Gaskraftwerke sind damit sicher nicht gemeint, Zur Energiegewinnung bleibe die Vermeidung die kostengünstigere und sicherere Klimaschutzalternative.

Dass die Abscheidungstechnologie teuer und deren Einsatz noch ungewiss ist, zu diesem Schluss kommt auch ein neues Gutachten der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Frontier Economics, im Auftrag des Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) NRW. Von Klimaschutzgründen abgesehen, sei die einseitige Fixierung auf Großkraftwerke auch mit erheblichen Risiken aufgrund langer Vorlaufzeiten und erheblichen Subventionen verbunden.

Die Bundesregierung legt sich selbst Fesseln an

Christian Vossler, LEE NRW

Christian Vossler, Geschäftsführer des LEE NRW, sagt: „Steckt die heimische Energieversorgung erst einmal in dieser Sackgasse, ist es zukünftig aufgrund der hohen Kosten für Großkraftwerke nicht mehr möglich, dynamisch auf Entwicklungen bei der Stromnachfrage, der Verfügbarkeit von Brennstoffen, Technologiekosten und Innovationen zu reagieren. Die Bundesregierung legt sich selbst Fesseln an.“

Die Expert:innen von Frontier Economics empfehlen, sich nicht auf einzelne Technologien festzulegen, sondern auf technologieneutrale Fördermechanismen zu setzen. „So kann ein ausgewogener Mix an Lösungen rechtzeitig und effizient zur Verfügung stehen“, sagt Studienleiter Matthias Janssen. Eine breite technologische Basis reduziere Risiken und ermögliche eine bedarfsgerechte, wirtschaftliche Umsetzung.

Schnell errichtet und auf Wasserstoff umgerüstet

Die nun bereits in tiefergehender Planung und Bau befindlichen fünf bis zehn Gigawatt an großen Gaskraftwerkskapazitäten seien völlig ausreichend, befinden die Studienautor:innen – Im Einklang übrigens mit weiteren Studien, wie etwa vom Think Tank Agora Energiewende, aber auch in einer Studie, im Auftrag der Klimaunion.

Zusätzliche Erdgaskraft solle nur durch den Ausbau von dezentralen Motoren und stromgeführten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen (KWK) bereitgestellt werden, befindet Frontier Economics. Die kleinen Gasmotoren ließen sich schnell errichten und potenziell unmittelbar auf grünen Wasserstoff umrüsten. Zudem würden sie dezentral eingesetzt und damit das Stromnetz entlasten. Wie Frontier Economics berichtet, liege die jährliche Herstellungskapazität von KWK-Motoren und -Turbinen Branchenangaben zufolge bei rund sechs GW.

In einer KWK-Anlage wird in einem Motor oder einer Turbine zunächst Strom produziert; die dabei entstehende Abwärme, die in klassischen Kraftwerken ungenutzt verpufft, wird in KWK-Anlagen aufgefangen und zum Heizen von Gebäuden oder für industrielle Prozesse genutzt. So lassen sich Gesamtwirkungsgrade von über 80 Prozent erreichen – zum Vergleich: der Wirkungsgrad von einfachen Gasturbinen, die häufig in Gas-Großkraftwerken eingesetzt werden, erreichen nur einen Wirkungsgrad von bis zu 40 Prozent.

Faktor Biogas

Weitere große Potenziale sehen die Studienautor:innen im bereits bestehenden Anlagenpark von Biomasse- und Biogasanlagen. Die heutigen Biogasanlagen könnten demnach zu flexiblen Kraftwerken mit größeren Gasspeichern und leistungsstärkeren Motoren umgebaut werden. So sei es möglich, dass aus dem heutigen Anlagenbestand mit rund sechs Gigawatt schrittweise bis zu 24 Gigawatt Leistung für Spitzenbedarfszeiten bereitgestellt werden könne. Hierbei sei es wichtig die nachhaltige Zufuhr von Biomasse – etwa durch Abfallverwertung – auszubauen.

Auch große Batteriespeicher sehen die Gutachter:innen von Frontier Economics als wichtigen Teil künftiger Versorgungssicherheit. Deren kurzfristiges Potenzial wird auf 15 bis 24 GW bis 2030 geschätzt. Indes ist die aktuelle Batterietechnologie nur auf den kurzfristigen Lastausgleich von Stunden bis hin zu wenigen Tagen ausgelegt. Doch auch die Entwicklung von Langzeitbatteriespeichern nehme an Fahrt auf und könnte an Tempo gewinnen, wenn die notwendigen Netzanschlüsse vereinfacht würden.

Auch Verbraucher würden eine wichtige Rolle spielen. So könnten Industrie- und Gewerbebetriebe durch eine Verschiebung ihrer Nachfrage zwischen sechs und 21 Gigawatt Leistung zur Versorgungssicherheit beitragen. Zusätzlich helfen könne auch das flexible Laden von Elektrofahrzeugen – Stichwort Bidirektionalität –  und weitere private und gewerbliche Power-to-Heat Anwendungen, die  Strom zu Wärme umwandeln.

„Der Großkraftwerksbedarf ist deutlich geringer als behauptet“ sagt LEE NRW-Geschäftsführer Vossler, „die bislang vorliegenden Pläne schaffen aber ein künstliches, durch Subventionen finanziertes Monopol für die Erdgastechnologie, dass die Steuerzahler und Verbraucher am Ende teuer bezahlen müssen.“ Denn die vom Bundeswirtschaftsministerium favorisierten Reservekraftwerke auf Erdgasbasis würden nur wenige Stunden im Jahr laufen. Absehbar sei, dass sich die Betreiber die Bereitstellung dieser Kraftwerke mit hohen Millionensummen bezahlen lassen werden. mg

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