(Foto: RIFS)

Nachgefragt 04.05.2026

Wir müssen nachhaltig und glaubwürdig sein

Klimaneutrales Wirtschaften und Leben ist das Gebot der Stunde und erklärter politischer Wille. Im Vordergrund steht häufig der technologische Wandel. Doch er kann nur gelingen, wenn damit gesellschaftliche Innovationen einhergehen und soziale Nachhaltigkeit entsteht.

Franziska Mey, Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit RIFS Potsdam


Nachgefragt 04.05.2026

Wir müssen nachhaltig und glaubwürdig sein

Klimaneutrales Wirtschaften und Leben ist das Gebot der Stunde und erklärter politischer Wille. Im Vordergrund steht häufig der technologische Wandel. Doch er kann nur gelingen, wenn damit gesellschaftliche Innovationen einhergehen und soziale Nachhaltigkeit entsteht.

(Foto: RIFS)

Franziska Mey, Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit RIFS Potsdam



Frau Mey, mit dem technologischen Wandel werden gesellschaftliche Reibungspunkte sichtbar. Brauchen wir neben den technischen Innovationen auch gesellschaftliche?

Ja, auf jeden Fall. Allein neue Technologien zu entwickeln und damit alte zu ersetzen, reicht nicht. Wir werden die große Transformation hin zu einer klimaneutralen Zukunft nicht schaffen, wenn wir uns nur auf die Technik fokussieren. Das birgt die Gefahr, aktuelle Ungleichheiten oder Ungerechtigkeiten beizubehalten oder sogar zu verschlimmern. Der soziale Faktor in diesem Wandel ist essenziell. Wir müssen es schaffen, nachhaltig und glaubwürdig zu sein, das Verständnis und die Herzen der Menschen für diesen Weg gewinnen.

Was bedeutet nachhaltig und glaubwürdig in diesem Zusammenhang?

Nachhaltigkeit beinhaltet drei Aspekte: Es geht um ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit. In Bezug auf die soziale Nachhaltigkeit gilt es zu fragen, wie die Technologien eingesetzt werden und wo, wer davon profitiert und wer negative Auswirkungen zu tragen hat. Vor diesem Hintergrund darf nicht nur einseitig auf Kosten und Ressourceneffizienz geschaut werden, sondern auch auf die Folgen für die Menschen. Wir betrachten in der Wissenschaft Gerechtigkeitsdimensionen in Bezug auf Verteilung, Verfahren, Anerkennung und Wiedergutmachung.

Gehen Sie gern auf diese Aspekte näher ein.

Bei der Verfahrensgerechtigkeit geht es um Fairness und Transparenz . Im Kontext der Energiewende heißt das darauf zu schauen, ob alle relevanten Akteur:innen in Planungsverfahren und beim Bau von Projekten beteiligt sind. Im Mittelpunkt stehen Fragen, „wie, wodurch und durch wen“ Entscheidungen getroffen und als fair empfundene Ergebnisse erzielt werden. Ganz praktisch heißt das unter anderem, lokales Wissen zu aktivieren, alle Informationen offenzulegen und alle Institutionen angemessen zu repräsentieren.

Bei der Verteilungsgerechtigkeit blicken wir auf die Verteilung von Kosten und Nutzen, aber auch Belastungen innerhalb der Gesellschaft und auch zwischen den verschiedenen Gruppen und gegebenenfalls Regionen. Wie können faire Ausgleiche geschaffen werden zwischen Stadt und Land, zwischen Nord und Süd, zwischen Generationen – auch darum geht es. Ein weiterer Aspekt: Bestimmte Gruppen haben bestimmte Bedürfnisse und Perspektiven, diese gilt es anzuerkennen, hier sind wir bei der Anerkennungsgerechtigkeit. Darüber hinaus sollten Diskriminierung und Marginalisierung wahrgenommen werden. Die vierte Gerechtigkeitsdimension ist die restaurative Gerechtigkeit – bereits geschehene Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und wiedergutzumachen ist das Ziel.

Welche Beispiele für soziale Innovationen gibt es im Rahmen der Energiewende?

Da ist auf jeden Fall die Bürgerenergie zu nennen. Hier werden parallel zur Anwendung neuer Technologien soziale Aspekte mitgedacht. Zentral bei diesem Prinzip ist, dass es ein sich von unten entwickelndes System ist – es ist auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet, die solche Projekte initiieren und vorantreiben. Sie bestimmen darüber, wo ein Projekt stattfindet, wer davon profitiert und gehen auf die Ideen und Befürchtungen der Gemeinschaft ein. Die Technik ist nur ein Teil des Vorhabens.

Brauchen wir weitere gesellschaftliche Innovationen und wenn ja, in welchen Feldern?

Ja, wir brauchen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen neue Herangehensweisen. Neben dem Umbau des Stromsystems müssen wir auch unseren Verkehrs- und Wärmesektor transformieren. Innovative sind hier beispielsweise gemeinschaftliche Mobilitätsformen, wie Car- und Bike-Sharing, Nachbarschaftsinitiativen und Bürgerbusse, die soziale Teilhabe und Zugang zu Mobilität stärken. Auch partizipative Planung, lokale Verkehrskooperativen und flexible, auf die Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen zugeschnittene Angebote tragen dazu bei, die Mobilitätswende sozial gerechter zu gestalten. In der Wärmewende entstehen Innovationen, die gemeinsame Nutzung, lokale Kooperationen und Bürgerbeteiligung in den Vordergrund stellen, etwa durch genossenschaftliche Wärmeprojekte, Quartierslösungen mit gemeinschaftlich betriebenen Wärmenetzen oder Beteiligungsmodelle, die die Kosten- und Nutzenverteilung transparent und fair gestalten. Denken wir auch an die Landwirtschaft und schlussendlich an eine effiziente Kreislaufwirtschaft.

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Ist regionaleres Handeln gefragt?

Ansätze in Form von solidarischen Landwirtschaften gilt es weiterzuentwickeln. Die Gemeinschaften planen gemeinsam, erzeugen bedarfsorientiert und regional-ökologisch, schaffen Ausgleiche für benachteiligte Gruppen. Ein wichtiger Aspekt: die Produktion ist nicht auf Überkonsum ausgerichtet, sondern auf Bedarf. Ein anderes Beispiel sind Repair Cafés, die ebenfalls den Überkonsum eindämmen. Ein überaus wichtiges Prinzip. Verallgemeinert sind kooperative Geschäftsmodelle eine wichtige und innovative Methode, um Technik und soziale Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Es geht darum regionaler und lokaler zu denken. Solidarische Landwirtschaft wird nicht alle Probleme lösen, aber sie macht unabhängiger und schafft mit ihren saisonalen Produkten ein Bewusstsein dafür, dass Obst und Gemüse im Winter von weit her kommen und damit einen ganz anderen CO2-Abdruck haben. Und auch wenn sich die Menschen nur ein halbes Jahr regional und lokal ernähren, ist bereits etwas gewonnen.

Welche Lücken gibt es, wo brauchen wir weitere soziale Innovationen?

Es gibt auf jeden Fall Lücken. Aber ich will anders anfangen: Wir befinden uns gerade in einem Dilemma. Wir brauchen beim Ausbau der Erneuerbaren und anderen Klimaschutzmaßnahmen ein höheres Tempo, gleichzeitig aber auch mehr Beteiligung in den Verfahren, mehr Anerkennung verschiedenster Perspektiven, mehr Integration der Menschen. Es gibt sehr viele Mechanismen, um Personen oder Gemeinschaften vor Ort einzubinden sowie formelle Beteiligungsstrukturen in den Planungsverfahren. Aber diese Strukturen sind meines Erachtens nicht mehr fit for purpose, nicht mehr zweckmäßig. Hier sehe ich Innovationsbedarf. Für die Menschen ist wichtig, einen Mehrwert vor Ort zu spüren. Die Beteiligungsgesetze der Bundesländer haben da einiges bewirkt, aber es ginge noch mehr. Unsere Forschungen haben gezeigt, dass Beteiligungsprozesse keine negativen Auswirkungen auf die Geschwindigkeit von Projekten haben – sie stellen also per se keine Bremse dar. Es geht hier um die Qualität der Möglichkeiten und die Sichtbarkeit.

Sie hatten vorhin die Interessengruppen Stadt und Land angesprochen. Müssten jetzt die Städter aktiv werden, um die entstandenen Konflikte um Flächen zur Energieerzeugung zu entschärfen?

Es geht eher um eine faire Kosten- und Nutzenverteilung. Natürlich können Menschen, die in Städten wohnen, lokale ländliche Initiativen stärken, beispielsweise mit einer Investition. Aber es geht hier eher um Regeln, die Ausgleich schaffen, zum Beispiel über niedrigere Netzentgelte den Strompreis in ländlichen Gebieten zu stützen, in denen die Energie-Infrastruktur stark ausgebaut wird. Die Anerkennungsgerechtigkeit spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Die Menschen auf dem Land haben eigene Vorstellungen und viele innovative Ideen und sollten auf Augenhöhe in die Gestaltung von Transformationsprozessen einbezogen werden. Die Politik ist gefordert, Räume für Mitgestaltung zu schaffen und Polarisierungen oder Feindbilder zu vermeiden.

Welchen Punkt haben wir noch nicht angesprochen, der zu diesem Thema relevant ist?

Wir müssen dafür sorgen, dass die nachhaltige Transformation legitimiert bleibt. Wenn die Wahrnehmung überwiegt, dass der Wandel nicht gerecht stattfindet, birgt das die Gefahr, dass die Menschen sich gegen die Transformation entscheiden, Rückschritte politisch durchgesetzt werden. Zum Teil wird das schon sichtbar. Energiewende und Klimaschutz sind zum einen in der Prioritätenliste nach unten gerutscht bzw. andere Themen erhalten gerade deutlich mehr Aufmerksamkeit. Zum anderen wird jetzt wieder häufiger über das „ob“ diskutiert und nicht so sehr über das „wie“. Wenn wir unsere demokratischen Strukturen erhalten wollen, müssen Gerechtigkeitsfragen in der nachhaltigen Transformation ganz oben stehen. Letztendlich geht es um den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen – ein Anliegen, das von der Mehrheit der Menschen unterstützt wird und das als verbindender Handlungsauftrag verstanden werden kann.

Franziska Mey leitet die Arbeitsgruppe Demokratisches Regieren und Handeln sowie das Projekt Dynamiken der Energiewende am Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit RIFS Potsdam

Das Gespräch führte Petra Franke.

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